Wie ich lernte, mit meiner Depression zu leben

BRIGITTE.de-Leserin Lena leidet unter Depressionen. Hier erzählt sie, wie sie einen guten Weg gefunden hat, mit der Krankheit zu leben.

Lena (25) studiert Soziologie im Ruhrgebiet. Auf Instagram (lennis_view) berichtet sie über alles, was sie bewegt. Es ist ihr ein großes Anliegen, mehr Bewusstsein für Depressionen zu schaffen.

Die Depression schlich sich an mich heran ...

Ich erinnere mich heute noch an einen Traum, den ich vor einiger Zeit hatte: Jemand packte mich von hinten, hielt mir ein Messer an die Kehle und befahl mir, nicht zu schreien. Denke ich heute daüber nach, fällt mir auf: Auch meine Depression hat sich langsam und unbemerkt von hinten an mich herangeschlichen. Dann packte sie mich und hielt mir den Mund zu. Auch wenn ich es gewollt hätte, ich hätte nicht schreien können.

Statt zum Arzt zu gehen, stempelte ich meine körperliche und seelische Verfassung als schlechte Phase ab, die schon wieder vorübergehen würde. Ich versuchte, nicht mehr so pessimistisch zu denken und meine Probleme mit Optimismus zu lösen.

Doch es funktionierte nicht. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, meine Gedanken fuhren Karussell. Tagsüber war ich traurig, kraftlos und müde. In mir breitete sich Panik aus, wenn ich das Haus verlassen oder unter Menschen gehen sollte.

Mein Bett wurde zu meinem besten Freund. Nicht nur die Rollladen meines Zimmers waren permanent heruntergelassen, ich hatte auch keinen Zugang mehr zu meinen guten Gefühlen. Mich verließ all mein Mut, all meine Lebensfreude. Auf einmal war ich mit allerlei Ängsten konfrontiert, ich war unruhig, mein Kopf gab keine Ruhe. Ich wurde häufig krank, hatte Schmerzen in Armen und Brust und häufig Herzrasen.

Ich sprach mit niemandem über meinen Kummer, wollte keinen mit meinen "Problemchen" belasten.

Andere Menschen hatten es doch viel schlimmer getroffen, dachte ich. Außerdem schämte ich mich.

Irgendwann wusste ich: Ich brauche Hilfe, wenn ich überleben will

Und so stapelten sich die schlechten Gefühle in mir. Meine Füße fühlten sich an wie Blei und trugen mich nur mit Mühe und Not von A nach B. Ich aß nicht genug, mein Kreislauf versagte immer wieder, und ich funktionierte wie ein Roboter, ohne jegliche Gefühle. Bis zu dem Punkt, an dem nur noch ein Gedanke in meinem Kopf war: „Wenn du überleben möchtest, musst du dir jetzt Hilfe suchen.“

Doch mit großer Überzeugungskraft versuchte die Depression, mich davon abzuhalten. Wie der kleine, rote Teufel, der auf der Schulter sitzt. Er schrie: „Du wirst es niemals schaffen, du bist ein Nichts für diese Welt! Ohne dich wäre sie ein besserer Ort!“ Und ich habe ihm geglaubt.

Meine Depression hat mich zum Schweigen gebracht. Doch da war noch ein wenig Wille und ein letztes bisschen Hoffnung in mir. Mit dem restlichen Lebensmut, der sich vor der Zerstörungswut der Depression in mir versteckt hatte, zog ich mich selbst an den Haaren aus der dunklen Schlucht und suchte mir Hilfe.

Die Therapie half mir auf die Beine

Ich machte eine Therapie, erst stationär, dann ambulant. Wenn ich ein Stück des Wegs nicht selber laufen konnte,  wurde ich hochgezogen und für eine Weile getragen, bis ich wieder auf eigenen Beinen stehen konnte.

Ich lernte eine Menge über mich selbst: Wer ich bin und was ich möchte. Ich habe gelernt, mich selbst zu verstehen. Und ich bekam Tabletten, die mir das Aufstehen am Morgen und das Schlafen in der Nacht erleichterten.

Es war ein harter Kampf und ist es immer noch. Doch zum ersten Mal seit der Diagnose habe ich es geschafft, die Stimme der Depression in mir leiser zu drehen und ihren Griff zu lockern. Oftmals ist es verführerisch, ihr nachzugeben, doch ich habe etwas ganz Wichtiges begriffen: Sie ist nur ein Teil von mir und nicht ich bin ein Teil von ihr. Die Depression wirft mich nicht mehr nur noch zurück in meinem Leben. Sie spornt mich auch dazu an, jeden Tag das Beste aus dem Hier und Jetzt zu machen und die bestmögliche Version meiner Selbst zu werden.

Und ja, wenn die Stimme der Depression mal wieder lauter wird, ist das auch okay. Denn das gehört ebenfalls dazu: zu lernen, dass auch schlechte Tage in Ordnung sind, sie anzunehmen und gut für sich selbst zu sorgen. Zu akzeptieren, dass es Dinge im Leben gibt, die man nicht ändern kann.

Ich habe gelernt, meine Krankheit zu akzeptieren

Und ich muss mich nicht mehr schämen, zu sagen: „Ich habe Depressionen“. Es ist eine Krankheit, die ich mir nicht ausgesucht habe, und die mich fast mein Leben gekostet hätte. Ich bin dankbar, auf Menschen getroffen zu sein, die meine Erkrankung mit Ernsthaftigkeit behandelt und sie nicht als Schwäche betrachtet haben.

Einmal habe ich zu meiner Therapeutin gesagt: „Sie haben mir das Leben gerettet.“ Sie sagte nur: „Nein, das habe ich nicht. Sie haben sich selbst das Leben gerettet.“

Heute kann ich sagen, dass sie recht damit hatte. Zwar gibt es in meinem Leben trotz vieler Fortschritte einige Einschränkungen, die ich in Kauf nehmen muss. Doch letzten Endes ist es so: In meinem Leben werde ich mit keinem Menschen so viel Zeit verbringen, wie mit mir selbst. Wo ich auch hingehen werde, ich habe immer mich selbst im Gepäck.

Und die Frage „Wohin gehe ich, wenn ich mich selbst nicht mehr ertragen kann?“, möchte ich mir nicht mehr stellen. Viel lieber sage ich der Depression den Kampf an. Ich gebe ihr nicht mehr die Macht, zu bestimmen, wohin mein Weg führt. Sie wird immer Teil des Rucksacks auf meiner Reise sein. Doch ich habe gelernt, mit ihr umzugehen.

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