(Alb-)Traumjob Model - "Irgendwann aß ich nur noch Salatblätter"

"Germany's Next Topmodel" geht in die zehnte Runde - und wieder träumen viele Mädchen davon, Model zu werden. Das sollten sie sich lieber zweimal überlegen, meint Ex-Model Catharina Geiselhart.

Catharina Geiselhart, 25, wuchs als Kind deutscher Eltern in Paris auf. Nachdem sie mit 16 von der renommierten Modelagentur "Karin Paris" entdeckt worden war, arbeitete sie für Chanel, Dior und Co. Momentan studiert sie in Paris Finanzwissenschaften und erhofft sich, da man vom Schreiben so schwer leben kann, einen Job im Bereich Consulting und Management. In ihrem ersten Roman "Hello Paris" hat sie die Erlebnisse als Model verarbeitet.

Sieht man die tollen Models in Hochglanzzeitschriften und die vielen Promis, von denen sie umgeben sind, klopft einem das Herz ganz heftig bei dem Gedanken, man könne dazugehören. So ähnlich ging es auch mir, als ich mit knapp 15 Jahren von der Agentin einer Modelagentur angesprochen wurde. Ich flanierte damals mit meiner Mutter durch das Edelkaufhaus "Bon Marché". Es war kurz vor Toresschluss und wir klapperten ziemlich in Eile alle Stockwerke nach Klamotten ab.

Schon bald fiel mir eine sehr hübsche, junge Frau auf, die wie wir auf allen Etagen umherspazierte, dabei mich aber immer im Auge behielt. Als sich unsere Blicke kreuzten, kam sie beherzt auf uns zu und stellte sich höflich vor. Danach fragte sie mich, ob ich denn Model sei, da ich den Gang auf High-Heels super beherrsche. Ich verneinte und sie atmete erleichtert auf. "Meine Güte! Den halben Tag schon latsche ich durch das Kaufhaus auf der Suche nach einem neuen Gesicht. Gerade wollte ich enttäuscht gehen, da sah ich dich. Möchtest du Model werden?"

Happy für den Augenblick

Natürlich bejahte ich. Auch ich träumte davon und war total happy in dem Augenblick. Da auch Mama damit einverstanden war, fuhren wir direkt zur Agentur. Gleich am Eingang hing ein gigantisches Poster von Monica Bellucci und in den anderen Räumen traumhafte Fotos anderer Models. Ich war hingerissen. Ophelia schoss Polaroid-Fotos, die in meinen Augen schrecklich aussahen, aber für die Agentin aussagekräftig waren. "Wenn du auf solchen Fotos gut aussiehst, dann siehst du auf Profi-Fotos fantastisch aus!", sagte sie. Und sie erklärte mir auch, dass ein Mädchen 16 Jahre alt sein müsse, um in Frankreich als Model arbeiten zu dürfen.

Ich wartete sechs Monate, danach ging es Schlag auf Schlag. Der begnadete Fotograf Baldo machte unglaublich schöne Fotos von mir, eins davon wurde später das Cover meines Buchs "Hello Paris". Danach stellte Ophelia die Set-Karte und das berühmte "Book" zusammen, das mich auf alle Castings begleiten sollte. Nebenbei traf ich weitere Fotografen und endlos viele Fotos wurden geschossen. Kaum standen die im Netz, hagelte es Anfragen von Dior, Chanel, Sonia Rykiel und anderen. Ich konnte es nicht fassen und Ophelia bekam glasige Augen, weil sie glaubte, eine neue Freja entdeckt zu haben. Sie meinte, ich hätte das Zeug zum Topmodel.

Das Maßband als ständiger Begleiter

Bevor ich die Castings in Angriff nahm, gab mir Ophelia Tipps, wie ich mich präsentieren, wie ich laufen, wie ich mich verhalten sollte. Ich hörte brav zu, doch als es dann richtig losging und ich zu unmöglichen Tageszeiten, bei jedem Wetter, meist nach der Schule inmitten vieler Mädchen stand und stundenlang warten musste, bis jemand mein Book - manchmal mit verächtlichem Blick - durchblätterte, kamen mir die ersten Bedenken. Die verflogen aber wieder, sobald ich den Job bekam. Ich freute mich aufs Fitting, auf die schönen Klamotten, den Glamour im Hause Chanel, auf die Shows und die Shootings.

Ja, und manchmal - sieht man von den unschönen Seiten ab - war das auch wirklich eine tolle Sache. Ich defilierte unter der Kuppel des wunderschönen Grand Palais, flog zum Defilee Chanel nach Hongkong, zu Shootings nach Sankt Petersburg, nach Nizza, Cannes, Monte Carlo und an gigantische Sonnenstrände. Es gab Shootings auf den Dächern von Paris oder Booten der Seine. Die Agentin einer New Yorker Modelagentur wurde auf mich aufmerksam.

Dass es mit New York nicht klappte, lag an mir. Denn ganz allmählich blätterte der goldene Glitter, der das alles umgab, ab. Bei den Fittings passten manchmal die Klamotten nicht, so musste ich mich bei Sonia Rykiel in Größe 34 zwängen oder konnte ein herrliches Chanel-Kleid nicht vorführen. Da spürte ich den Neid der anderen Mädchen, die fiese Bemerkungen machten und sich darüber freuten, mir Outfits wegzuschnappen. Und Ophelia nervte mich seitdem ständig mit dem Maßband und Essvorschriften.

Ich fand mich mit 40 Kilo noch zu dick

Zu Shows, die um halb zwölf stattfanden, musste ich morgens um sechs Uhr antreten und mir frierend die Beine in den Bauch stehen, bis endlich der Friseur und die anderen eintrudelten. Die Topmodels erschienen eine Stunde vor der Show. Fotoshootings waren hin und wieder amüsant, doch letzten Endes meist anstrengend bis ätzend. Kälte, Regen oder eisigen Wind muss man geduldig ertragen. Manchmal war ich durchfroren, hatte schrecklichen Hunger, fühlte mich ausgelaugt und ausgenutzt.

Hinzu kam der Stress mit dem Essen. Um das angestrebte Gewicht zu halten, aß ich schließlich nur noch trockene Salatblätter und Äpfel. Leider gehöre ich zu den Mädchen, bei denen alles anschlägt, also war ich gezwungen, so wenig wie möglich zu mir zu nehmen. Panisch prüfte ich täglich mein Spiegelbild und fand mich noch zu dick, als ich nur noch 40 Kilo wog.

Anfangs war ich ganz gut im Geschäft. Ophelia schickte mich zu unzähligen Castings und wollte, dass ich ein Jahr Schule aussetze, um mich richtig groß rausbringen zu können. Aber damit hätte ich das Abitur aufs Spiel gesetzt. Das wollte ich nicht. Sah ich meine Zukunft als Topmodel doch eher skeptisch. Das Gerenne zu Castings mit hungrigem Magen schlauchte mich. Schließlich schwänzte ich Castings, stritt mich mit Ophelia, geriet tiefer in die Magersucht, wollte aufhören, Ophelia war dagegen, schlug mir ein Jahr "Stand By" vor: Abi machen und zurück auf den Laufsteg.

Da traf ich eine Entscheidung, die ich bis heute nicht bereue. Das ständige Gerede über Aussehen, Gewicht, Promis, Liebschaften zerrte ohnehin an meinen Nerven. Ich sagte Ophelia Goodbye, worüber sie gar nicht froh war. Ich begann mein Studium, fand den Freund, der mir half, die Magersucht zu überwinden, und strebte einen geistig anspruchsvollen Beruf an.

Nur der Körper zählt, nicht der Kopf

Resümierend würde ich sagen: Wen es nicht stört, von Fotografen oder Couturiers wie ein Kleiderbügel behandeln zu werden, wer eine robuste Gesundheit besitzt, Kälte, Hitze und stundenlanges Scheinwerferlicht erträgt und dabei immer noch topfit aussieht, wer nicht hungern und kotzen muss, um sein Leichtgewicht zu halten, wer an den Rückschlägen, Gemeinheiten und dem Neid der Mädchen nicht kaputtgeht, wer einfach tough ist, über allem steht, vielleicht sogar eine masochistische Hingabe in dieser Unterwerfung empfindet, wer cool im Kopf bleibt, eine große Portion Glück hat, wer natürlich über ein angesagtes Gesicht verfügt und der Typ des Augenblicks ist, der kann es nach oben schaffen.

Allerdings unter einer Bedingung, deren Bedeutung ich jedem Mädchen ans Herz legen will: Dein Leben und Denken muss sich ständig um deinen Körper drehen. Sport, gesundes, sparsames Essen, Maßband und der Kampf um den Laufsteg bestimmen dein tägliches Leben. Du wirst nach deinem Aussehen und deiner Schönheit beurteilt. Ob du etwas in der Birne hast, interessiert niemanden, solange du schön und schlank bist. Einmal oben angekommen, ist der Job für manchen dann wieder traumhaft. Aber der Weg dorthin ist oft ein Albtraum.

Foto: Moritz Thau, Teaserbild: Pettersson/Corbis
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