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"Ich will nicht für einen Hungerlohn arbeiten müssen"

"Ich will nicht für einen Hungerlohn arbeiten müssen"
© privat
Kurz vor dem Examen wurde Magdalena Gretka schwanger - und entschied sich für das Kind. Heute ist sie dreifache Mutter, aber im Job auf dem Abstellgleis. Warum es ihr stinkt, trotz guter Ausbildung für einen Hungerlohn arbeiten zu müssen.

Ich bin Mutter. Ich bin gerne Mutter. Mit 28 Jahren stand ich vor einem Dilemma. Ich war kurz vor dem Studienabschluss und schwanger. Nun kam die Frage, die innerhalb von 72 Stunden beantwortet werden musste: Behalten oder lieber warten? Für mich war klar: Behalten. Die beste Entscheidung meines Lebens, aber auch die schwierigste, denn ich wusste, danach wird es nie mehr sein wie vorher.

Bevor ich mich für meinen Sohn entschied, hatte ich viel erreicht. Ich hatte schon in einer Redaktion gearbeitet, war Wohnheimspräsidentin, freie Autorin und arbeitete im Wohltätigkeitsverein. Mein Studium verlief geradlinig, ohne Zwischenfälle. Plötzlich wurde alles anders. Für mich stellte sich die Frage, ob ich dem, was vor mir lag, gewachsen war. Doch dann dachte ich nur: "Wenn nicht jetzt, wann dann?"

Aus einem Kind wurden drei. Ich liebe meine Kinder, sie bereichern mein Leben, bringen Farbe ins Haus an tristen Wintertagen, Lachen in Zeiten größter Not. Doch ich bin mittlerweile 34 und irgendwie bekomme ich das Gefühl, meine Zeit liefe ab. Nein, nicht aufgrund einer Krankheit, sondern bezüglich meiner Arbeit. Ich bin Akademikerin. Leider eine von denen, die mit Kind uninteressant für die Wirtschaft sind. Also halte ich mich mit einzelnen Aufträgen, Artikeln und Kinderbüchern über Wasser, aber wirklich befriedigend ist das nicht.

Ist es wirklich so, wie manche Chefs auf meine Bewerbungen reagiert haben? "Und was ist, wenn die Kinder mal krank sind?", "Sie sind ja gar nicht bundesweit einsetzbar mit drei kleinen Kindern?" oder "Ich finde Ihren Werdegang ja höchst interessant, aber Sie haben eindeutig zu wenig praktische Erfahrung. Ist ja auch kein Wunder, immerhin sind Sie ja Mutter."

Geht's noch? Ja ich bin Mutter, aber ich habe mich doch nicht jahrelang in muffigen Hörsälen aufgehalten, nur um später als Mutter degradiert zu werden. Von allen Seiten höre ich nur negative Kommentare. "Was schaffst du dir auch Kinder an? Und dann auch noch drei?" so meine Schwiegermutter. "Deine Schwester macht es richtig. Erst Karriere, dann Kinder," sagt mein Vater. Mit dem Unterschied, dass meine Schwester gar keine Kinder will. Irgendwie befremdlich, diese Einstellung. Dabei weiß doch jeder, dass Mütter perfekte Organisationstalente, stressresistent und teamfähig sind. Es scheint nur keinen zu interessieren.

Heutzutage muss man frisch von der Uni sein, am besten zehn Jahre Erfahrung mitbringen, sterilisiert sein, damit ja keine Kinder kommen, und Single. Dann stehen die Chancen ganz gut, einen vernünftigen Job in der freien Wirtschaft als Redakteurin, Journalistin oder Autorin zu bekommen. Sicher, es gibt Ausnahmen, aber diese sind rar gesät, und ist man nicht bereit, sein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen, leider auch unerreichbar.

Ich bin bereit, aber nicht um jeden Preis. Manchmal sitze ich am Laptop und frage mich, ob ich, wenn man die Zeit zurückdrehen könnte, alles genauso machen würde. Ich würde, definitiv. Vielleicht kommt ja noch der Moment, in dem ein Arbeitgeber sagt: "Sie sind perfekt für mich. Sie sind robust, krisenerprobt und Sie sind Mutter. Genau deswegen möchte ich Sie." Bis dahin werde ich weiter für einen Hungerlohn arbeiten, Kunden Mahnungen schreiben und "irgendwie über die Runden kommen". Irgendwann kommt noch meine Zeit, vielleicht habe ich ja Erfolg mit meinem Roman und bin bald Millionärin? Na ja, träumen wird man ja wohl noch dürfen.

Teaserfoto: C.J. Burton/Corbis

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