Nach der Alkoholsucht: "Ich hab' so Bock auf mein Leben!"

BRIGITTE.de-Leserin Nathalie Stüben war alkoholsüchtig – bis sie erkannte, dass sie nicht trinken muss, um dazuzugehören. 

Ich dachte lange, Alkohol sei etwas, das ich beherrschen muss, um Teil dieser Gesellschaft zu sein. Ein Glas Wein in der Hand zu halten, war für mich fester Bestandteil unserer Kultur, einer der vielen Codes der Zugehörigkeit.

Ich ahnte schon früh, dass es für mich auf Dauer nicht bei einem Glas bleiben würde. Aber meine Angst davor, zu denen zu zählen, die nicht "normal" trinken können, war so übermächtig, dass ich mein Bauchgefühl wieder und wieder vergewaltigte.

Mit 30 Jahre war ich gefangen in einem Leben, das ich nicht führen wollte

Nach außen hin sah mein Leben toll aus. Doch hinter der Fassade hatte der Alkohol das Sagen. Er bestimmte meine Gedanken, meinen Alltag. Er übernahm meine Abend- und indirekt auch meine Lebensplanung. Meine Persönlichkeit verkümmerte, während mein einst so schönes Leben sich auf einen Radius aus Weißwein, Affären und Arbeit reduzierte.

Meine Träume verblassten. Vieles, worauf ich einmal wert legte, erschien mir belanglos. Da, wo einmal mein Selbstvertrauen saß, machte sich Unsicherheit breit. Und Verachtung. Eine fast unerträgliche Verachtung für das, was ich mit mir anrichtete. Wobei mein Alltag sich zunehmend so anfühlte, als wäre ich gar nicht richtig da.

Grauburgunder und Chardonnay betäubten mich, egal ob ich trank oder nicht. Sie ließen mich abstumpfen, packten mich in ihre toxische Watte.

“Ich trinke ja nicht jeden Abend”, sagte ich mir. “Ich mag den Geschmack von Wein einfach gern. Ich bin so schön kreativ, wenn ich trinke und beruflich läuft es besser denn je. Ich kann unmöglich ein Problem haben.” Das war der Soundtrack der Verdrängung. Ich spickte ihn mit immer neuen Regeln: ab heute maximal zwei Gläser pro Abend, ab heute nur noch an den Wochenenden, ab heute nur noch Rotwein und nur noch beim Ausgehen.

Ich kämpfte für ein Leben mit dem Alkohol

Wie eine Besessene versuchte ich, das Trinken in mein Leben zu integrieren. Ich kämpfte für ein Leben mit dem Alkohol. Doch je öfter ich diese Arena betrat, desto krasser war die Niederlage. Ich brach mir einen Zeh, verlor einen Frontzahn, verlor meine Würde und mir dämmerte: Diesen Kampf kann ich nicht gewinnen.

Als ich mein Problem dann endlich erkannt hatte, wusste ich nicht, wie ich es lösen soll. Ein Leben ohne Alkohol erschien mir unmöglich. Unmöglich. Wie zur Hölle sollte das gehen?

Die Scham über meine Abhängigkeit war riesig

Alkohol war nicht wegzudenken. Nicht nur, weil jeder in meinem Umfeld trank. Vor allem deshalb, weil ich ja dann dazu stehen müsste, ein Problem zu haben. Ich! Die doch alles hatte: wunderbare Kindheit, liebevolle Eltern, wahre Freunde, exzellente Ausbildung.

Und was mache ich? Werde abhängig und verkacke es. Mich überkam die blanke Scham, wenn ich nur daran dachte, das offen auszusprechen. Ich schämte mich so sehr, dass es mich lähmte. So sehr, dass ich weiterkämpfte, ohne Hoffnung, ohne Ziel.

Dann traf ich die beste Entscheidung meines Lebens

Bis zu diesem Sommermorgen im Juli 2016. Kein besonderer Morgen, nein, nur der allzu vertraute Horror: Neben mir ein nackter Typ, an dessen Namen ich mich nicht erinnern konnte. Vor mir ein Tag, mit dem ich nichts anfangen konnte. Und in meinem Bauch dieser dumpfe Schmerz, dieses Gefühl, dass alles in die völlig verkehrte Richtung läuft.

Ich kann nicht zählen, wie oft es mir schon so ging. Jedes Mal ignorierte ich den Schmerz, riss mich zusammen, setzte mich neu auf und tat so, als wäre alles ok.

An diesem Morgen nicht. Ich konnte einfach nicht mehr. Ich konnte nicht mehr hinnehmen, was ich mit mir machte, um dazuzugehören. An diesem Morgen war mir meine Gesundheit wichtiger als meine gesellschaftliche Reputation. Ich beschloss, ganz mit dem Trinken aufzuhören. Es war die beste Entscheidung, die ich je traf.

Seitdem hat sich mein Leben so radikal zum Guten gewandelt, dass ich es manchmal kaum fassen kann.

Nüchtern habe ich gefunden, wonach ich mich betrunken so gesehnt habe: Partnerschaft, Familie, Wohlstand und Wohlbefinden.

Das Urvertrauen meiner Kindheit ist zurückgekehrt. Ich wache morgens auf und freue mich auf den Tag. Ich habe so Bock auf mein Leben. Und vor allem habe ich nicht mehr das Gefühl, Opfer meiner Umstände zu sein. Ich weiß jetzt, dass ich in der Hand habe, was mit mir geschieht. Und ich weiß, dass ich mich für meine Vergangenheit nicht zu schämen brauche.

Ich konnte mich von gesellschaftlichen Zwängen befreien

Niemand muss in der Lage sein, seinen Alkoholkonsum zu mäßigen. Ich muss nicht in der Lage sein, diese teuflische Droge irgendwie zu händeln. Ich darf das einfach lassen. Ich. Muss. Nicht. Trinken. Und ich muss mich dafür nicht entschuldigen. Alkohol ist eine hochgradig süchtig machende Droge. Aber wir tun so, als wären diejenigen, die ein Problem entwickeln, das Problem. Und indem wir so tun, drängen wir Millionen von Menschen in die Abhängigkeit.

Diese Erkenntnis war bahnbrechend für mich. Weil sie mich nicht nur vom Alkohol befreite, sondern auch vom Druck, absurden gesellschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden. Sie war aber auch bahnbrechend für mich, weil sie mich so wütend macht. Weil sie in mir das Verlangen geweckt hat, etwas zu verändern. Ich kann diese Ignoranz nicht länger ertragen. Dieses verdammte Tabu, das bei so vielen dazu führt, dass es immer und immer schlimmer werden muss, bevor es besser werden kann. Schluss damit.

Ich habe einen Podcast gestartet, in dem ich offen über mein Alkoholproblem spreche und Schicksalsgefährten zu ihrer Sucht interviewe. Es war ein Riesenschritt für mich, ein öffentliches Outing, die ultimative Schambekämpfung. Aber ich wusste, dass ich es tun muss. Ich wusste, dass ich nicht allein bin. Die Resonanz zeigt mir, dass ich richtig liege. Allein in den ersten Wochen erreichten mich über 1000 Nachrichten. Eine einzige davon war negativ.

Nach der Alkoholsucht: "Ich hab' so Bock auf mein Leben!"

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Manchmal lohnt es sich, aufzuhören zu kämpfen. In dem Fall lohnt es sich mehr als alles andere. Und jeder, die das hier liest und die sich in meinen Worten wiederfindet, möchte ich sagen: Hör auf zu kämpfen, wenn deine Seele schreit. Hör auf zu kämpfen und dann hör auf zu trinken. Du bist nicht schwach, wenn du das tust. Im Gegenteil. Es zu tun, obwohl dieses verdammte Narrativ dir weismachen will, dass du dann zu den Verliererinnen zählst, das ist nicht schwach. Das ist so stark.

Die Autorin: Nathalie Stüben arbeitet als Journalistin und lebt in Rosenheim. Ihr Podcast heißt "Ohne Alkohol mit Nathalie”, zu finden in allen Podcast-Apps oder hier https://oamn.jetzt. Auf Insta teilt Nathalie Geschichten von Schicksalsgefährt*innen, um dem Thema sein Stigma zu nehmen und zu zeigen: Hinter einem Alkoholproblem verbergen sich völlig andere Gesichter als wir annehmen: @nathaschka bzw. www.instagram.com/nathschka



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