TOP oder FLOP: Wie hilfreich sind Internet-Bewertungen?

Früher hätte Birgitta Gronau einfach ihre Mutter gefragt, welchen Mixer sie empfiehlt. Heute konsultiert sie das Internet - und kriegt angesichts der vielen, oft widersprüchlichen Bewertungen dort den Fön.

Birgitta Gronau, 54, hat Sozialwissenschaften studiert, lebt im Ruhrgebiet und arbeitet bei der Stadtverwaltung. Sie schreibt Kurzgeschichten und andere Texte, ist Mitglied einer Autorinnengruppe und hat bereits in diversen Anthologien veröffentlicht.

Als mir im Januar einer der vielen Werbeprospekte aus der Zeitung entgegen fiel und ich beim Durchblättern die Sonderangebote bei den Haushaltwaren sah, da erinnerte ich mich: Brauchte ich nicht auch schon seit längerem so einen Mixer?

Anstatt nun einfach loszufahren und den Mixer zu kaufen, in dem Laden, der Urheber dieses Prospekts war, machte ich einen fatalen Fehler. Ich fragte die Fragen der aufgeklärten Verbraucherin: Ist der Mixer wirklich günstig? Und vor allem: Taugt er was?

Und wer je gefragt hat, der weiß: Eine Antwort kommt selten allein. Früher hätte ich meine rühr-erfahrene Oma, Mutter, Tante gefragt, die vermutlich alle dasselbe Modell derselben Marke mit Überzeugung genutzt haben, und hätte mich darauf verlassen, dass dieses Gerät ohne jeden Zweifel auch was für mich ist.

Die Tester kommen

Doch die Geräte wurden komplizierter und die Auswahl größer. Und die Evolution nahm ihren Lauf. Den neuen, entscheidungsgeplagten Verbrauchern sprangen alsbald professionelle Warentester helfend bei. Unabhängig, überparteilich, sachverständig. Getestet, für gut befunden, gekauft. Häufig mit der stillen Genugtuung, obendrein dem Profit ein Schnippchen geschlagen zu haben, wenn mal wieder ein billiges Schnäppchen genau so gut oder sogar besser getestet war als das teure Markenprodukt.

Mit dem Umweltbewusstsein kam dann folgerichtig das nächste Testformat. Eigentlich eine schöne Ergänzung. Die einen testeten die Technik, die anderen den Umweltfaktor. Dummerweise führte das manchmal zu widersprüchlichen Ergebnissen. Technisch super, aber ökologisch leider mangelhaft. Die Haare werden weich und glänzend, aber leider vergiftet man sich gleichzeitig langsam über die Kopfhaut.

Mittlerweile ist jeder Experte

Dann kam das Internet und mit ihr die Schwarmintelligenz. Jeder ist Experte oder Expertin und, ja, auch mein Rat ist gefragt: Letzte Woche kauften Sie die Socke Luzie. Wie zufrieden sind Sie mit Luzie? Geben Sie doch eine Bewertung ab.

Kennen Sie noch jemanden, der in ein ihm unbekanntes Feriendomizil fährt, ohne vorher auf einer der bekannten Plattformen die Bewertungen gelesen zu haben? Der Erkenntnisgewinn ist ein Quantensprung. Denn jetzt weiß man: Egal wie toll ein Hotel ist - und wenn vierhundertzwanzig Bewertungen super waren - bei einem war immer das Essen kalt, waren die Liegen am Pool versifft und insgesamt hatte er in diesem Hotel den schlimmsten Urlaub seines Lebens.

Folgerichtig fährt er dort nie wieder hin und warnt auch alle anderen eindringlich davor. Dann kann man souverän drüber stehen und sich sagen: Klar, der hat eben Pech gehabt. Oder: Der ist vielleicht selbst ein Idiot. Oder: Na ja, es war vermutlich einfach nicht das Passende für diesen speziellen Gast.

99 Prozent Weiterempfehlung? Da fahr ich hin! Aber ein Restzweifel bleibt. Vor Ort schaut man dann als erstes heimlich nach, ob nicht doch Schimmel an den Fugen im Bad ist und für die Poolliege nimmt man ein extragroßes Handtuch mit.

300 km für einen Arztbesuch? Aber wenn der doch der Beste ist ...

Aber das Allwissen hilft nicht nur bei der Auswahl des Urlaubsorts und beim Einkauf. Heute zweimal geniest und ein Zerren in der Hüfte. Was kann das sein? Wer weiß was? Aber da kannst du wetten, wer alles was weiß!

Am Ende renne ich verstört zum Arzt. Auf dem Weg dahin checke ich allerdings erst mal seine Bewertungen im Netz und entscheide mich für die Notaufnahme im 300 Kilometer entfernten Universitätsklinikum. Das einzige mit halbwegs akzeptablen Noten.

"Ich weiß zwar nichts, rede aber trotzdem mit"

Meine Lieblingsantworten beginnen übrigens mit "Ich hatte sowas noch nie, aber ich könnte mir vorstellen, dass..." und ich möchte schreien: Ja, wenn Du doch nix weißt, warum schreibst Du denn dann? Abhilfe schafft da sicher bald die Plattform www.ichweissdochauchnicht.de.

Da schreib ich dann über meinen Versuch, einen Mixer zu kaufen. Über die 226 Menschen, die dieses Modell super finden, die 85, die zufrieden sind mit kleinen Einschränkungen, die 28, die dringend davon abraten, diesen Haufen Schrott zu kaufen, und die 2, die fast beim Gebrauch einen kleinen Finger eingebüßt hätten, zumindest aber einen Fingernagel beim Auspacken des Geräts aus dem Pappkarton.

Und im Backzauberforum weist Rührresli23 mich darauf hin, dass das, was ich suche, eigentlich gar kein Mixer ist, sondern ein Handrührgerät. Ich wette, hinter Rührresli23 verbirgt sich meine frühere Hauswirtschaftslehrerin.

Einen Mixer brauche ich übrigens inzwischen nicht mehr. Mein Sohn ist mit seiner Freundin zusammengezogen und da war ein Mixer übrig. Den hab ich jetzt und er rührt prima. Welche Marke das ist? Ich hab keine Ahnung. Und ich guck auch nicht nach. Wobei...

Teaserfoto: istock/Thinkstock
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Guten Morgen, Welt!

Guten Morgen, Welt!

Wir servieren euch täglich Trends, Top-Stories und kuriose Netzfundstücke zum Frühstück!

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.