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Opfer erzählt "Mein Alptraum begann erst so richtig nach der Vergewaltigung"

Nina Fuchs: Nina Fuchs
© Andreas Gregor / Privat
Als sie 30 Jahre alt war, wurde Nina Fuchs unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. Seitdem kämpft sie für Gerechtigkeit – bislang ohne Erfolg.
Nina Fuchs

Heute bin ich nicht mehr die Frau, die ich vor sieben Jahren war, und auch mein Leben ist nicht mehr dasselbe. Damals, im Frühjahr 2013, habe ich das erlebt, was für die meisten Frauen der größte Alptraum ist: Ich wurde unter dem Einfluss von K.-o.-Tropfen vergewaltigt. Doch mein Alptraum begann erst so richtig nach der Vergewaltigung – und zwar bei der Polizei. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist der Alptraum auch immer noch nicht ganz zu Ende, denn bis heute kämpfe ich vergeblich um einen fairen Prozess.

Trotz Spermaspuren: Polizei skeptisch wegen "Erinnerungslücken"  

Die K.-o.-Tropfen konnten damals nicht mehr nachgewiesen werden, weil die Blut- und Urinproben erst viel zu spät genommen wurden. Aber die Rechtsmedizin fand Spermaspuren und konnte die DNA von einem der beiden Männer, an die ich mich nur bruchstückhaft erinnern kann, sicherstellen. Aufgrund dieser DNA-Spuren gab es dann fünf Jahre nach der Tat auf einmal einen Treffer in der Datenbank. Das war ein ziemlicher Schock für mich, da ich nach so langer Zeit längst nicht mehr damit gerechnet hatte, dass dieser Mann irgendwann noch gefunden wird. Ich wollte mit dem Thema abschließen und dieses Erlebnis hinter mir lassen. Doch es kam anders.

Damals hatte mir die Polizei weder die Geschichte mit den K.-o.-Tropfen noch mit der Vergewaltigung geglaubt. Keine Person, die das nicht am eigenen Leib erfahren hat, weiß, wie schrecklich eine solche Zeugenaussage bei der Polizei und eine Untersuchung bei der Rechtsmedizin ist – wenn es keine Intimsphäre mehr gibt, wenn du alles preisgeben und dein Innerstes offenlegen musst, wenn du Worte finden musst für ein Erlebnis, das nicht in Worte zu fassen ist, wenn jeder Millimeter deines Körpers und jede Körperöffnung penibelst untersucht wird, wenn dir deine Schamgefühle nicht zugestanden werden und sie einfach übergangen werden. Das alles durchzustehen, war schlimm, doch dass man mir nicht geglaubt hat, war wie ein Schlag ins Gesicht.

Dass es schlimme Menschen und Psychopathen gibt, wissen wir alle und das wird sich auch nie ändern, aber von der Vertretung unseres Staates – von Polizei und Justiz – erwarte ich, dass alles in der Macht stehende unternommen wird, um Opfern von sexualisierter Gewalt zu helfen, und dass zumindest alles versucht wird, um für Gerechtigkeit für die Betroffenen zu sorgen. Doch in meinem Fall, wie auch in so vielen anderen Fällen, wurde genau das Gegenteil gemacht. Die Justiz hat trotz der DNA-Spuren den Fall eingestellt. Meine Erinnerungslücken waren damals der Grund für die Einstellung. Dass diese Entscheidung einen Freifahrtsschein für jeden Täter darstellt, spielte offensichtlich keine Rolle.

Mein Fall ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel

Meine Enttäuschung, das Gefühl der Ohnmacht, meine Wut und Frustration lassen sich nicht in Worten ausdrücken. Doch ich bin eine Kämpferin und schon im Kindergarten konnte ich Ungerechtigkeit nicht ertragen. Deshalb habe ich eine Online-Petition gestartet, die bis heute über 100.000 Menschen unterschrieben haben. Doch weder die Petition und die dadurch entstandene große Aufmerksamkeit der Medien und der Öffentlichkeit noch die Beschwerde, die mein Anwalt eingereicht hatte, konnten etwas daran ändern, dass mein Verfahren ein weiteres Mal eingestellt wurde und dass sowohl die Generalstaatsanwaltschaft als auch das Oberlandesgericht diese Entscheidung der Staatsanwaltschaft bestätigten.

Eigentlich wollte ich aufgeben. Ich fühlte mich klein und machtlos, wie David gegen Goliath. Aber dann wurde mir eines bewusst: Entscheidungen dienen immer auch als Referenzen für neue Entscheidungen, insbesondere dann, wenn sie von zwei höheren Instanzen als richtig befunden wurden. Der Gedanke, dass auch in Zukunft Opfer von sexualisierter Gewalt aufgrund meines Falles das Gleiche durchmachen müssen und auch ihnen ein fairer Prozess verweigert wird, ist für mich unerträglich. Gerade in unserem Land, in dem von allen angezeigten Vergewaltigungen gerade mal 7,5 Prozent zu einer Verurteilung führen und, wenn man das riesengroße Dunkelfeld mit einbezieht, von hundert Vergewaltigungsfällen nur etwa ein einziger Täter zur Rechenschaft gezogen wird, ist so ein Vorgehen einfach fatal. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, weiterzukämpfen und ans Bundesverfassungsgericht und danach an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu gehen.

Vor ein paar Tagen hat mir eine Freundin einen Artikel über das Urteil zu der Massenvergewaltigung in Freiburg geschickt: "Ich sehe ziemlich viele Parallelen zu deinem Fall", schrieb sie. Die sehe ich auch und ich frage mich, wie es sein kann, dass wir in einem System leben, in dem es von der persönlichen Einschätzung einzelner Personen abhängt, ob ein Verfahren eingestellt wird oder ob es eine Verurteilung von über fünf Jahren Haftstrafe gibt. Ich finde es erschreckend, welche Willkür und Beliebigkeit hier vorherrscht.

Streben nach Veränderung gibt mit Kraft

Das Thema sexualisierte Gewalt ist Teil meines Alltags geworden. Das ist oft belastend und emotional herausfordernd. Aber mein Unvermögen den Ist-Zustand zu akzeptieren und mein Streben nach Veränderung geben mir Kraft, immer weiterzukämpfen. Aufgeben ist schließlich keine Option. Der Austausch mit anderen Betroffenen, mit Feminist*innen und anderen starken Frauen, der Zusammenhalt und die Solidarität erfüllt mich jedes Mal aufs Neue wieder mit Hoffnung und Freude. Und nicht zuletzt sind der Rückhalt und die Unterstützung von vielen tausenden Menschen jeden Tag wieder die Bestätigung, dass ich das Richtige mache.

Nina Fuchs
© Andreas Gregor / Privat

Ich bin gerade dabei einen Verein zu gründen. "KO – Kein Opfer" wird er heißen und unsere Mission ist es, die Gesellschaft für die Themen sexualisierte Gewalt und K.-o.-Tropfen zu sensibilisieren und zu einer Kultur des Hinsehens und Hinhörens beizutragen – denn jeder Mensch hat ein Recht auf ein gewaltfreies Leben! Wir wollen Opfern von sexualisierter Gewalt eine Stimme geben und setzen uns dafür ein, dass auf gesellschaftlicher und politischer Ebene nachhaltige Veränderungen stattfinden und die Rechte von Opfern gestärkt werden.

Im Bereich Öffentlichkeitsarbeit wollen wir durch Medienpräsenz, Kampagnen und Veranstaltungen ein Bewusstsein für Ursachen und Auswirkungen von sexualisierter Gewalt schaffen und uns für die notwendigen Veränderungen stark machen. Im Rahmen von Präventionsarbeit wollen wir junge Menschen in Bildungs- und Betreuungseinrichtungen erreichen und aufklären, um so zur Förderung einer selbstbestimmten Haltung und zu einem achtsamen, respektvollen und gewaltfreien Miteinander beizutragen.

Ich habe eingangs gesagt, dass ich selbst und auch mein Leben nicht mehr so sind wie vor der Vergewaltigung. Ich bin daran gewachsen und ich bin heute stärker denn je – und weiß genau, wofür ich diese Stärke benötige. Meine Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern. Aber ich kann dafür kämpfen, dass sich in der Zukunft etwas ändert und dass wir in einer Gesellschaft leben, die von einer Konsenskultur, von Zivilcourage und Zusammenhalt geprägt ist.

Möchtest du Nina bei ihrem Kampf gegen die vorherrschende Ungerechtigkeit im Bereich sexualisierte Gewalt unterstützen? Derzeit sammelt die Münchenerin in einem Crowdfunding Geld für Anwalts- und Gerichtskosten, um eine Wiederaufnahme ihres Verfahrens durchzusetzen und damit zu verhindern, dass ihre Geschichte ein weiterer Fall wird, der es Tätern in Zukunft erleichtert, straffrei davonzukommen. Vielleicht können wir alle mit einer kleinen Beteiligung Nina dabei helfen, etwas Großes zu bewegen.


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