Steffi von Wolff: 5 gute Gründe, einen Orgasmus vorzutäuschen

Steffi von Wolff

Bestsellerautorin Steffi von Wolff über die Frage, ob es okay ist, einen Orgasmus vorzutäuschen.

Letzens saß ich mit zwei Freundinnen in einer Bar. Wir hatten uns lange nicht gesehen, und wie immer ging es ab einem bestimmten Punkt um Männer.

Marie, die schon immer sehr emanzipiert war und früher auf Oster-Demos ging und eigentlich „aus Opposition“ lesbisch werden wollte, war seit Ewigkeiten mit Micha zusammen, der Unternehmensberater war und eigentlich nie sprach.

Lotti war mit einem Grafiker liiert und wie Marie auch suuuperglücklich. Ihr Standardsatz war schon immer: „Holger liest mir jeden Wunsch von den Augen ab. Ich muss nur an etwas denken, schon bringt er es mir mit. Kann ich bitte noch einen Wodka haben?“

„Ich auch einen!“, rief Marie. Ich rief es nicht, ich musste noch fahren.

„Micha ist nach so vielen Jahren im Bett immer noch die Granate“, erzählte sie nun. „Ein so Wahnsinns-Liebhaber. Er bringt mich voll auf Touren.“

Der Wodka kam. Sie tranken ihn auf ex. „Noch einen.“

Der Wodka kam. Eigentlich hätte ich „trinkt nicht so viel“ sagen sollen, aber ich wollte nicht wie eine vertrocknete Anstandsdame wirken.

Die beiden waren jetzt ganz schön angetüdelt.

„Ich hätte nie gedacht, dass bei mir mal alles perfekt ist“, sagte Lotti schwärmerisch.

Marie nickte. „Bei mir auch. Alles. Hicks. Perfekt. Wie findest du denn diese Handtasche?“

„Schick.“

„Genau. Und weißt du, warum ich die bekommen habe? Weil ich ‚du bist so ein scharfer Kerl, jaaaaaaaaa‘ geschrien habe.“

„Was?“ Ich musste mir vorstellen, wie sie in der Küche stand und das schrie.

„Hallo? Kapierst du das nicht? Ich mach das auch“, sagte Lotti.

„Was?“ Ich kam wirklich nicht mit. Vielleicht lag das daran, dass ich keinen Wodka intus hatte.

„Ihn vortäuschen. Den . Dann wird vieles im Leben einfacher“.

Ach. „Was denn?“

„Eigentlich alles“, sagte Marie. „Diese Tasche hier wollte ich schon lange haben. Aber sie ist nun mal sehr teuer. Und ich kaufe mir so was doch nicht selbst, die muss mein Mann mir schon schenken.“

Ach. Soviel zum Thema Emanzipation.

„Ist völlig richtig“, war auch Lottis Meinung. Und dann sagten beide: „Wir können dir mindestens zehn oder zwanzig Gründe nennen, warum eine Frau einen Orgasmus vortäuschen sollte.“ Ich war gespannt. Fünf würden mir schon genügen.

  1. Sie will nicht schon wieder in den gleichen Urlaubsort wie die letzten acht Jahre, er aber findet das gut da, weil er da alles kennt. Sie will aber was Neues. So geht’s: „Ja, ja, JAAAAAA! Bist du gut, bist du scharf. JAAAAAAA! Ich kohohohommeeeee, nicht aufhören, guuuuut! Oh, wenn wir das doch mal am Strand von Capri/Hohwacht/Bali machen könnten, da würde ich noch besser kommen!“
  2. Sie muss diese Schuhe haben, auch wenn es dem Klischee entspricht, also das mit Frauen und Schuhen, und ja, es sind teure Schuhe. So geht’s: Sie weiß, dass er auf High-Heels im Bett steht, und zieht extra alte Latschen an, er wundert sich ein bisschen, warum sie das tut, und nachdem sie einen klasse Orgasmus hatte („nur durch dich komme ich so genial, weil du so der Hammer bist“) sagt sie: „Und jetzt stell dir vor, ich hätte die Schuhe von XYZ angehabt, hach … da wäre ich bestimmt noch geiler gekommen … wobei das ja eigentlich gar nicht geht, Schatz, aber trotzdem …“
  3. Er hilft nie, nie, nie auch nur ansatzweise bei irgendwas, noch nicht mal mit einem Schraubenzieher kann er umgehen, alles hängt an ihr und das nervt ganz besonders. Also in die Kiste, stöhnen an den richtigen Stellen, schnappatmen an den noch richtigeren und dann sagen: „Oh mein Gott, ich musste mir gerade vorstellen, wie du den Müll runterträgst/einen Kurzschluss reparierst/staubsaugst/die Spülmaschine ausräumst“
  4. Ganz banal: Sie hat keine Lust auf Sex, will aber, dass er sich gut fühlt, denn bald ist Weihnachten/Geburtstag/Namenstag/Kennenlerntag/Halloween/Pfingstmontag. Also das volle Programm einmal durchziehen und dabei nebenbei anmerken, dass ja bald was weiß ich für ein Tag ist.
  5. Er weiß leider immer noch nicht, wie er es bei ihr richtig macht, und sie ist es leid, es zum tausendsten Mal zu sagen und dann womöglich einen Streit vom Zaun zu brechen („Nie hörst du zu“ – „Du bist aber auch kompliziert!“), also Augen zu und durch, und je lauter sie stöhnt, desto besser ist seine Laune, und wenn sie kommt, fühlt er sich wieder wie König, und es gibt keinen Streit und sie hat danach ein schönes Wochenende ohne Diskussionen.

Als ich die beiden in ein Taxi gesetzt hatte, dachte ich nach. Ist das ok so? Kann man das machen oder stimmt in der ganzen Beziehung was nicht? Oder ist das ganz normal? Ist es das? Ich bin zu keiner Antwort gekommen.

Am nächsten Tag riefen beide nacheinander an.

O je, so viel getrunken, Filmriss, hoffentlich war ich nicht peinlich.

Nein, Quatsch. Sag mal, hast du schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht?

Zischendes Einatmen. Bist du verrückt? Das wäre ja wie Betrug. Unsere Beziehung ist perfekt. Ob sie mir eigentlich ihre neue Handtasche schon gezeigt hat.

Ach. Ja, was ist denn nun richtig?

Steffi von Wolff: "Später hat längst begonnen"

Die Autorin: Steffi von Wolff war lange Jahre beim Radio, bevor sie 2003 ihren ersten Roman herausbrachte. Ihr neuestes Werk heißt "Später hat längst begonnen"; darin geht es um zwei Frauen, die es zusammen nochmal richtig krachen lassen, bevor das Unabänderliche passiert.

selbst lässt es mittlerweile fast nur noch beim Schreiben krachen. Sie ist am liebsten daheim und macht es sich gemütlich mit Rotwein, einem leckeren Essen - und einer schönen Serie!

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