Panikattacken! So meistert Jana ihr Leben mit der ständigen Angst

BRIGITTE.de-Leserin Jana Sauer trägt die Angst vor der Angst immer mit sich herum. Bis sie eine starke Waffe findet: Worte.

Die Philosophiestudentin Jana Sauer bloggt auf Hippieriot über Feminismus, Ängste und mehr. Als ihre Leserinnen anfangen, ihre eigenen Erfahrungen zu teilen, findet sie starke Verbündete.

Panikattacken kommen nie zur rechten Zeit

Sie überfallen einen auf der Arbeit, einer Party oder mitten in einem gut besuchten Café. Ab einem gewissen Zeitpunkt ist es dann fast egal, wie oft sie tatsächlich eintreten, sie klopfen regelmäßig freundlich an und erinnern einen daran, dass sie noch da sind. Selbst wenn ich acht Treffen mit Freunden ohne Tränen und Atemnot hinter mich gebracht habe: Ich trage die Panik auch zum neunten Date wie einen schlechtsitzenden, quengeligen Rucksack.

Während ich mich gewohnt ungeschickt setze und nervös nach Koffein verlange, sitzt die Panik schon mit einem Soja-Moccachino am Tisch und macht es sich bequem. Man soll ja kein Ausweich-Verhalten entwickeln, der Panik nicht die Oberhand lassen, so der professionelle Rat.

Das ist in der Theorie allerdings viel leichter als in der Praxis, wenn das Übel mir am Kaffeetisch gegenübersitzt, jeden meiner Sätze mit abschätzigem Kopfschütteln taxiert und nur mit Mühe niedergerungen werden kann.

Irgendwann bin ich so darauf fixiert, mir die Panik vom Hals zu halten, dass ich meinen Freunden (ehrlicher wäre allerdings der Singular, Ich+1+Panik ist nämlich seit geraumer Zeit meine Wohlfühl-Zone) nur noch halbherzig antworte. Je unkonzentrierter ich werde, desto uninspirierter finde ich meine Beiträge, was die Angst, mein Gegenüber zu enttäuschen, weiter nährt.

Aber die Wahnvorstellungen sind auch nicht besser

Für gibt es keine gute Zeit und keinen passenden Ort. Für das Gefühl, durchgeschüttelt zu werden und als verdrehter Bausatz ohne Anleitung zurückzubleiben, keine günstige Gelegenheit.

Aber vor allem die gemäßigten Wahnvorstellungen sind an öffentlichen Orten schlimmer als im sicheren Zuhause. Lichter werden plötzlich grell und bewegen sich. Der Lärm schwillt in einer ekelhaften Blase genau um mich herum an, bis ich das Gefühl habe, dass die Passanten mich anschreien.

Sind geliebte Menschen bei mir, kann ich ihre Mimik und Intonation auf einmal nicht mehr einschätzen. Ich glaube, sie aus den Augenwinkeln Grimassen schneiden zu sehen, höre genervtes Stöhnen, das sonst niemand hören kann.

Die Angst verfügt ihrerseits über ein unfehlbares Radar: Neulich ließ sie mich nach einem heftigen Weinkrampf hämisch grinsend auf dem Boden des Restaurants zurück, in dem mein Freund arbeitet. Sie grinste, wohlgemerkt.

Mein Freund weiß Bescheid - und kann Schlimmeres verhindern

Ich hingegen ging beschämt nach Hause, nachdem mein Freund mir routiniert ausgeredet hatte, dass ich tatsächlich plötzlich zum ersten Mal klarsähe und unsere Beziehung zu seinem Schutz ganz schnell beenden müsse. Das versuche ich regelmäßig, wenn die Panik mit ihrem Moccachino fertig ist und sich mir voller Tatendrang zuwendet. Darum weiß mein Partner inzwischen ziemlich gut Bescheid und kann meist Schlimmeres verhindern.

Danach schloss ich die Wohnungstür auf und fühlte mich, als flösse Strom durch meine Adern, der sich bei der Berührung meiner Haut entladen müsste. Doch motiviert durch die wunderbare Nachricht einer lieben Freundin, die mir am gleichen Tag Mut zusprach, mein Glück weiterhin im Schreiben zu suchen, klappte ich meinen Rechner auf.

Binnen kurzer Zeit entstand ein ehrlicher Artikel, in dem ich beschrieb, wie sich meine Panikattacken anfühlen und stellte ihn auf meinen Blog. Ich erzählte darin nicht nur von mir, sondern forderte meine Leserinnen auf, über ihre eigenen Erfahrungen mit Angst und psychischer Gesundheit zu sprechen.

Der Schlüssel: Reden

Ich glaube nämlich, dass wir alle ein Stück freier sein werden, wenn das Tabu rund um Depression und Co. sich endlich löst. Betroffene wie Nichtbetroffene. Alle werden es sich leisten können, eine Therapie zu beginnen, ohne wie im Fall von Beamten um ihre Jobchancen fürchten zu müssen. Niemand wird sich mehr rechtfertigen müssen, wenn er eine Weile untertauchen muss.

Ironischerweise wurde mein ziemlich schlimmer Tag ein ziemlich guter Tag: Mein Blogartikel schlug ein wie keiner vor ihm. Und was noch viel mehr wirkte: Die Leute redeten. Ich bekam Nachrichten von Freunden und Bekannten, von denen ich gar nicht wusste, dass ihnen die Panik und deren Koffeinbedürfnis gar nicht fremd waren.

Das hatte eine unglaublich empowernde Wirkung auf mich – ich war nicht nur meiner eigenen Angst entgegengetreten, sondern hatte auch noch Mitstreiterinnen gefunden und ein Gespräch angestoßen, das ich für einen wichtigen Schlüssel zu Freiheit und Sicherheit für alle halte.

Ich nehme ihr einfach den Kaffee weg

Ich glaube, der nächsten Attacke werde ich ruhiger begegnen, geschützt durch die Gewissheit, dass ich nicht die einzige bin, die dieser Geißel ausgeliefert ist. Dass wir viele sind und jeden Tag irgendwie damit zurechtkommen.

Mutig, wie ich mich jetzt fühle, werde ich ihr beim nächsten Mal wohl einfach den Kaffee wegnehmen, ich brauche ihn dringender als sie. Vielleicht reicht das ja schon, um ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen.

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