"Mein Mann ist Hausmann - aber mit Sicherheit kein Weichei"

Kommt Petra Hahn-Wiechert nach Feierabend nach Hause, ist das Essen schon auf dem Tisch. Denn sie arbeitet und ihr Mann kümmert sich um Hund und Haushalt - als Hausmann. Warum er für sie größte Stütze und starke Schulter zugleich ist, schreibt sie in der Leserkolumne "Stimmen".

Hausmann = Weichei in Kittelschürze. Oder? Liebe LeserInnen, dieses Klischee möchte ich gern widerlegen. Ich frage mich oft, nach welchen Kriterien wohl Frauen ihre Partner aussuchen. Mit welchen Attributen kommen Männer an oder torpedieren sich nahezu stante pede ins Aus? Nun, Arbeits- und Mittellosigkeit stehen ziemlich weit oben auf der Liste der Ausschlusskriterien, ein Altersunterschied von mehr als zehn Jahren wird ebenfalls äußerst kritisch beäugt. In einer Single-Börse hätte der Mann an meiner Seite vermutlich wenig Erfolg gehabt...

Vor über elf Jahren fühlte ich mich, nach einer schmerzhaften Trennung, als alleinerziehende Mutter frei wie ein Vogel. Ich wollte mein Leben genießen, definitiv ohne Mann! In einer Kneipe machte ich eines Abends in netter Runde eine - zugegebenermaßen etwas abwertende - Bemerkung über Männer im Allgemeinen. Auf einmal schoss ein weißhaariger Kopf aus der Küche der kleinen Gaststätte, schaute mich an - und gab mir Contra. So lernte ich Hervé kennen, der, wie ich später erfuhr, durch einige äußerst ungünstige Umstände seine Arbeitsstelle verloren hatte und sich seitdem mit ziemlich schlecht bezahlten Nebenjobs über Wasser hielt. Ich war 38 Jahre alt und er 55. Da ich ja sowieso keinen Mann an meiner Seite wollte, freute ich mich einfach über die nette Bekanntschaft und machte mir weiter keine Gedanken. Tatsächlich sollte es anders kommen...

Nach einigen Monaten, in denen das Kribbeln immer stärker wurde, gab Hervé mir Texte von selbst geschriebenen Songs zu lesen, sensibel, kritisch, poetisch, traurig - es war um mich geschehen! Wir wurden ein Paar und ich genoss vom ersten Tag an eine Fürsorglichkeit, die ich bis heute als großes Geschenk bezeichne. Die selbst gekochten Mahlzeiten, die Hervé aus der Gaststätte mitbrachte oder in meiner Küche zubereitete, waren besser und pfiffiger als alles, was ich in meinem Erwachsenenleben je zustande gebracht hatte. Ich war schon immer eine eher unorganisierte Hausfrau, die mit Kochen, Putzen und Bügeln nie besonders viel am Hut hatte, was in meiner ersten Ehe zu üblen Streitigkeiten und Herabwürdigungen meiner Person geführt hatte. Nun hatte ich einen Menschen an meiner Seite, der diese Dinge klaglos übernahm und mich liebte für Dinge, die ich gut konnte, zum Beispiel den Umgang mit Worten und Zahlen.

Wir tauschten uns aus über Bücher, Gedichte und Musik, die Beziehung wuchs. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass Hervé keine Vollzeitstelle mehr finden würde. Mit seinen Jobs und meiner Halbtagsstelle (wegen ehemaliger Patchworksituation mit drei Kindern) kamen wir halbwegs klar, bis auch ich auf einmal vor der Erwerbslosigkeit stand. Aber Aufgeben kam überhaupt nicht in Frage. Mit diesem liebevollen Partner im Rücken, der den Haushalt schmiss, einkaufte, kochte und sich um meinen Sohn kümmerte, wagte ich die Erfüllung eines Lebenstraums. Ich begann ein Vollzeitstudium der Linguistik, arbeitete nebenbei so viel wie möglich und hielt mit knapp 42 Jahren meine Magisterurkunde in den Händen. Ja, wir waren arm in den Jahren und, nein, ich möchte diese harte und verrückte Zeit, die uns mehr und mehr zusammenschweißte, nicht missen!

Durch gesundheitliche Einschränkungen wurde Hervé Frührentner. Wie hunderttausende von Frauen hierzulande erhält auch Hervé trotz vieler Jahre beruflicher Tätigkeit nur eine kleine Rente. Es kristallisierte sich heraus, dass ich für den Rest unserer Zeit diejenige sein werde, die beruflich Gas geben und den Löwenanteil des Lebensunterhaltes verdienen muss. Für Hervé war klar, dass er weiterhin mit aller Energie und Kraft dafür sorgen wollte, dass wir ein schönes Zuhause haben. In dem Bewusstsein, dass ich auch für Zahnersatz und Sehhilfen im Doppelpack Sorge zu tragen habe, nahm ich Hervés Heiratsantrag von Herzen gern an.

Zur Hochzeit schenkte ich meinem Mann ein Liebesgedicht, dass ich schon ein Jahr zuvor verfasst hatte und dass in einer Gedichtanthologie (Aufbruch - Eine Auswahl neuer Lyrik/ Czernik-Verlag) veröffentlicht wurde. Dieses Werk war mein Dank, es blieb bis zum Tag der standesamtlichen Trauung mein Geheimnis und rührte meinen Mann zu Tränen.

Ich hoffe, dass ich ihm im Zusammenleben vermitteln kann, welch unbezahlbaren Attribute er in unsere Beziehung und Ehe einbringt: seine unerschütterliche Loyalität, ein schönes Heim, eine wunderbare Fürsorge, Humor, Zärtlichkeit und Wärme. Dank meines guten Hausgeistes mit "Tagesfreizeit" sind wir seit drei Jahren - endlich! - glückliche Hundebesitzer. Hervé ist das liebevollste Herrchen, das unser kleiner Terrier Balou sich wünschen könnte. Außerdem ist mein Mann im Freundeskreis anerkannter Experte für Rezepte aller Art und Buffets für diverse Feierlichkeiten.

Ich bekleide mittlerweile beruflich eine Position, die mir gefällt. Meine Stelle im öffentlichen Dienst macht uns nicht reich, gibt uns aber Sicherheit und, gemeinsam mit Hervés Rente, ein ausreichendes Einkommen. Es macht mir überhaupt nichts aus, so manche Woche Überstunden zu machen, weil ich weiß, dass ich mich nicht zusätzlich mit Haushaltstätigkeiten befassen muss, die mein Mann viel besser und organisierter gestalten kann. Wenn ich nach Hause komme, ist alles erledigt, das Essen - verfeinert mit selbstgezogenen Kräutern - steht auf dem Tisch, der Hund führt ein Freudentänzchen in immer gleicher Choreographie auf und ich kann mich in aller Ruhe entspannen und auf den nächsten Arbeitstag einstimmen.

Mein Mann ist Hausmann - aber mit Sicherheit kein Weichei. Er ist meine größte Stütze und meine starke Schulter zum Anlehnen. Für uns stimmt die Lebenskonstellation von vorne bis hinten. Ich möchte Frauen, die einen Partner suchen, gern ermutigen, etwas genauer hinzusehen und Männern, die auf den ersten Blick nicht gerade dem Alpha-Typ entsprechen, eine Chance zu geben. Alpha können wir doch selbst, oder?

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