Wie schafft man es, als Eltern ein Paar zu bleiben?

Wie schafft man es, als Eltern ein Paar zu bleiben? Das fragt sich unsere Leserin Jutta Beige. Sie beobachtet, dass viele Paare in ihrem Umfeld über die Jahre etwas verloren haben: ihre Liebe.

Jutta Beige, 34, verheiratet, früher engagierte Erzieherin mit vielen Talenten, heute Mutter einer vierjährigen Tochter - und das manchmal völlig talentfrei. Nach vier anstrengenden Jahren mit nur einem Kind will sie auf keinen Fall zurück in eine Gruppe mit 25 Kindern und sucht nun nach dem perfekten neuen Job, der im besten Fall schreiben, fotografieren, T-Shirts designen und Erziehungsberatung beinhaltet.

Bleiben oder gehen? Glück oder Unglück? Heiße Nächte oder funktionierende GmbH? Schwüre oder Schweigen? Um mich herum beginnen viele Paare, sich zu trennen. Was ist da nur los?

Ich bin alte Schule, was das angeht - meine Eltern sind - warte, WIE LANGE? 48 JAHRE? verheiratet. Mit allem drum und dran: ungeplantes erstes Kind, eine Schwiegermutter im Haus, die mit Else Kling nicht nur den Vornamen gemein hatte, geplantes zweites Kind, kein Leben im Luxus, Alltagssorgen, Hausfrauennöte, Fußballermarotten und dann, 14 Jahre nach dem ersten das ungeplante dritte Kind.

Einen Umzug und drei erwachsene Kinder später leben meine Eltern noch immer zusammen - und ich wage zu behaupten, dass sie glücklich sind.

Liebe hat ihre eigene Sprache

"Manchmal könnte ich deinen Vater verkloppen" sagt meine Mutter des Öfteren (noch öfter, seit er Rentner ist). Und mein Vater zieht beide Augenbrauen hoch und grummelt: "Wenn du mich auch immer Arschloch nennst...!" Woraufhin meine Mutter sich echauffiert: "Gar nicht IMMER!"

Und dann sieht man es manchmal - diese unsichtbare Band namens Liebe, in einem Augenzwinkern, in einem Necken, in einer Umarmung, die meine Mutter gerne als "unnötiges Gegraffel" abtut.

Liebe hat ihre eigene Sprache, für jedes Paar.

Meine Mutter spricht sehr offen darüber, wie kompliziert das mit der Liebe oft war - und sein kann. Wenn aus jugendlicher Verliebtheit, rauschenden Festen und sprudelnden Hormonen langsam etwas anderes wird. Alltag nämlich.

Kinder, Job, abends Couch. Absprachen, Logistik, Verantwortlichkeiten. "Wer holt die Kinder?" "DU holst die Kinder! Hab ich doch gestern EXTRA noch gesagt, hörst du denn GAR NICHT zu und denk an die Mütze, die liegt im Fach und sag der Erzieherin, dass..."

So ist der Dialog heute. In der Generation meiner Eltern war vieles anders - aber nicht alles leichter. Das Rollenverständnis war ein anderes. In der Regel blieb die Frau Zuhause, während der Mann das Geld in eben dieses brachte.

Kein Wunder, dass die Liebe manchmal auf der Strecke bleibt, damals wie heute.

Da werden Karrieren gemacht, Kinder gewünscht, geplant, gekriegt, Häuser gebaut, sich neu formatiert im Alltag, Elternzeiten genommen, Teilzeitstellen begonnen und dann - dreht sich alles nur um eins: den Tag überstehen.

Eine Freundin sagte neulich: "Ich bin abends immer froh, wenn beide Kinder noch leben - und im Bett sind."

Abends reicht die Energie nur noch fürs Sofa

Ich habe nur ein Kind. Und trotzdem bin ich oft abends völlig hinüber.

Ich will nicht mehr reden, frisch geduscht bin ich auch nicht und spätestens, wenn mein Mann sich auch in seine fesche Jogging-Kombi wirft und mit Schokolade und Bier aufs Sofa kommt, weiß ich: Puh, fummeln (oder reden!!) will der heute auch nicht mehr. Gott sei's gedankt.

In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht, ob sich das nicht mal ändern müsste. Oder sollte.

Wenn sich so viele trennen, wird man hellhörig. Woran lag's? Unterschiedlich.

Bei manchen ist Ruhe eingekehrt - Kind gekriegt, Haus gebaut - jetzt könnte sie kommen, die lang ersehnte Familienzeit. Endlich.

Und dann stellt man fest, irgendwo, zwischen Windeln, Pekip und der Kita hat man etwas verloren. Manchmal sich selbst - und manchmal den Partner.

Kaum jemand spricht offen darüber, dass die Liebe leidet

Die einen können das hinnehmen, auch noch lange. Spricht man eben nicht mehr so viel. Arbeiten eben beide wieder mehr, dann fällt's nicht so auf. Und wenn man mit den Kindern draußen ist, geht's auch eigentlich. Sieht einem ja keiner an, dass man irgendwo tief drin gar nicht mehr das Paar ist, das man mal war.

Die Wenigsten meiner Bekannten sprechen offen darüber, dass ihnen manchmal etwas fehlt. Dass sie es manchmal vermissen, einfach mal nur „Paar“ sein zu können. Irgendwie scheint es da eine Art Kodex für Eltern zu geben. Bloß nicht laut sagen, dass man auch ohne Kind glücklich war und gelegentlich dieser sorglosen Unabhängigkeit nachtrauert. Scheinbar steht man besser da, wenn man sich aufopfernd gibt - und vollkommen eins mit dem Elternsein.

Wieder andere haben jemanden kennengelernt. Auf einmal ist da wieder Aufregung, Herzklopfen, Spannung. Das, was man vermisst hat und an dessen Verlust man manchmal in der Beziehung so gar nichts ändern kann. Denn wenn man so viele Jahre zusammen ist, dann hat man irgendwann so gut wie alles schon mal gesehen, erlebt, gemacht, ertragen, hingenommen, ausprobiert.

Und es wird nicht wieder so wie am Anfang.

Muss man sich anstrengen, damit die Liebe nicht abkühlt?

Manchmal hört man ja, wie Paare sich damit brüsten, dass man die Liebe nur jung halten muss. Ausgehen, Sex haben, Rituale pflegen, mal was Neues zusammen ausprobieren, alles ist erlaubt, was gut tut.

Ich finde das schön. Und bewundernswert, denn mir gelingt das nicht immer. Ich will manchmal einfach nur meine Ruhe. Und hätte trotzdem gerne, dass unsere Beziehung neue Höhenflüge erlebt. Ich will mich bloß nicht dafür anstrengen müssen. Jedenfalls nicht ständig.

Früher ging das doch auch - die Aussicht auf ein Treffen hat gereicht, um mich angenehm nervös zu machen. Wir waren lange verliebt, mein Mann und ich. Vermutlich, weil wir uns in den ersten Jahren nur donnerstags in der Disco und einmal am Wochenende gesehen haben.

Liebe auf Sparflamme kühlt vielleicht nicht so schnell ab.

Aber die Brise kommt. Leider. Wann und wie, erlebt jedes Paar unterschiedlich. Manchmal ist es nur ein kalter Hauch, es ist nicht mehr ganz so wohlig unter der Beziehungsdecke, aber mit einer Wärmflasche kriegt man das wieder in den Griff.

Das Feuer neu entfachen

Aber manchmal ist es ein Sturm, der einmal durchs Haus fegt und man fragt sich: Wohin sind die Gefühle? Muss ich jetzt ran, vielleicht als Erstes an mich selbst, mein Innerstes einmal nach außen kehren und mich fragen: Will ich bleiben oder gehen? Und wenn ich bleiben will, was kann ich tun?

Die Liebe erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.

Ist das so? Vermutlich "so halb-mittel", wie meine Tochter gerne sagt.

Ich glaube, echte Liebe hält einiges aus. Glauben sollte sie nicht alles und auch nicht alles ertragen. Und aufhören dann, wenn es Zeit ist. Manchmal ist es Zeit zu gehen, damit überhaupt Liebe übrig bleiben kann. Für das, was danach kommt.

"Und wann man kämpfen sollte, sich wappnen, diesen Sturm zu überstehen, vielleicht mit ein paar Blessuren, aber am Ende gestärkt - auch das kann nur jeder für sich herausfinden. Denn das Schöne an der Liebe ist ja: Ein Fünkchen, das übrig bleibt, reicht manchmal für ein neues Feuer.

Text: Jutta Beige
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