Ich bin 33 und umringt von Nicht-Erwachsenen

Andere haben mit Mitte 30 ein Eigenheim, Kinder und viel Geld (oder einen Kredit). Rebekka Korthues lebt mit 33 ohne all das in einer WG, aber mit der Frage: Was habe ich falsch gemacht? Oder mache etwa gerade ich alles richtig?

Rebekka Korthues, 33, arbeitet als Werbetexterin in Berlin. Wenn sie nicht ihrer Lieblingsdroge - amerikanische Serien - frönt, denkt sie nach über das Erwachsensein, Geld, Erfolg, Erfüllung und darüber, warum außer ihr scheinbar nur Kinder beim Radfahren so tun, als säßen sie auf einem Pony.

Manchmal sehe ich Menschen, die mich aus dem Konzept bringen. Weil sie so glasklar etwas verkörpern, von dem ich mir gern einreden würde, es existiere nicht. Sie sind unübersehbar und unwiderlegbar erwachsen. Was unterscheidet diese Menschen von mir? Sie sind Väter und Mütter. Sie haben Geld. Beziehungsweise Dinge. Viele Erwachsene, das höre ich immer wieder, besitzen viele Dinge auf Kredit. Also nicht. Autos, Häuser, Grundstücke.

Ich finde das beängstigend und befremdlich. Wenn ich so etwas höre, stellen sich die gleichen körperlichen Unwohlsein-Symptome (flaues Gefühl im Bauch, schweißnasse Handflächen, der Drang, zu erschaudern) ein, wie wenn ich Videos von jungen Russen sehe, die ungesichert auf dem höchsten Gebäude in Shanghai herumkraxeln.

In meinem Kopf nur eine einzige Frage: Warum? Gut, nicht alle dieser Erwachsenen haben horrende Schulden angehäuft. Manche sind, wie gesagt, einfach wohlhabend. So erwähnte kürzlich eine entfernte Bekannte, sie habe sich ein Auto gekauft, für 18.000 Euro. Und das Ding in einem bezahlt. Ich kann mir so einen Betrag gar nicht vorstellen. Tue ich es doch, dann sieht er aus wie eine Eigentumswohnung. Ja, das ist naiv. Aber woher sollte ich es besser wissen?

Ich habe mir noch nie Handtücher gekauft

Bisher lebe ich mein Leben in Berlin umringt von anderen Nicht-Erwachsenen. Wir wohnen in WGs, fahren betrunken Fahrrad und hangeln uns von Job zu Job. Ich bin so ein Mensch, der Strumpfhosen mit Löchern am Zeh nicht wegwirft. Der sich noch nie Handtücher gekauft hat. Alle zwei Wochen wasche ich sämtliche Kleidungsstücke, die ich so trage, und bediene mich dann die nächsten zwei Wochen vom Wäscheständer.

Gut, manch eine fragt sich jetzt sicher: Wo ist das Problem? Das mit dem Wäscheständer ist doch eigentlich ganz praktisch. Und überhaupt, soll doch jede so leben, wie sie möchte. Stimmt im Prinzip, nur leider kann ich gar nicht behaupten, dass ich mir das Leben nach dem Studium wirklich so vorgestellt habe. Geschweige denn gewünscht.

Es ist keinesfalls so, dass mir nicht der Sinn nach beruflichem Erfolg und materiellem Wohlstand steht. Und dass ich nicht eine junge, dynamische Mutter sein wollte. Es hat sich nur irgendwie alles anders entwickelt.

Wäre ich mit Eigentumswohnung und festem Job eine andere?

Dabei war ich in der Schule durchaus das, was man als zielstrebig und vielversprechend bezeichnen könnte. Im Studium dann eher desinteressiert, aber gleichermaßen erfolgreich, was Noten angeht. Zu irgendeinem Zeitpunkt habe ich wohl einfach aufgehört, gute Entscheidungen zu treffen. Die falschen Jobs in der falschen Branche. Und ab und an der Gedanke: Hätte ich mal Jura studiert. Sicherlich würde ich auch dann über meinen Job schimpfen. Aber vielleicht in einer Eigentumswohnung. Mit farblich abgestimmten Handtüchern. Die Frage ist: Wäre ich eine andere?

Mein Freund sagt: Nein. Seine Theorie: Zwischen 16 und 25 haben wir das Potenzial zu enormen Veränderungen. Wir können quasi jede(r) werden. Danach ist diese Tür geschlossen und wir sind, wer wir sind. Irgendwie finde ich diese Vorstellung auch beruhigend.

Denn wer weiß, vielleicht kommt er ja doch noch, der Erfolg. Und dann wäre ich ungern wie oben genannte Erwachsene. Denn die meisten von ihnen mag ich nicht besonders. Eine Menge von ihnen haben keine richtigen Freunde mehr. Und viele von ihnen wirken nicht besonders glücklich.

Erwachsen sein will ich natürlich dennoch - auf meine Art. Denn jetzt, mit Mitte 30, beginnt die Lust am Nestbau. Und auch mein Umfeld packt langsam die Umzugskartons, kauft Hosenanzüge und läuft - wenn auch unter Protest - zum Smartphone über.

Kürzlich half ich einer Freundin und ihrem Freund beim Umzug. Raus aus unserer gemeinsamen WG, rein ins Pärchenglück. Während die gesamte Clique den Samstag damit verbrachte, Kisten zu tragen, Bier zu trinken, tanzend Wände zu streichen und auf dem Boden hockend Tiefkühlpizza zu essen, dachte ich so für mich: Es hat irgendwie auch etwas Gutes, dass das mit dem Erwachsenwerden und Familiegründen bei uns allen mindestens ein halbes Jahrzehnt verspätet einsetzt. Denn zumindest haben wir einige unvergessliche Jahre an Freundschaftszeit gewonnen.

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