Plus-Size Misswahl: "Ich suche Deutschlands schönste Kurven!"

Melanie Hauptmanns Mission ist, dass kurvige Frauen sich so lieben lernen, wie sie sind. Daher kürt sie nun in einer Plus-Size-Misswahl die Schönste von ihnen - wie, erzählt sie in unserer Leserkolumne "Stimmen".

Ich war als Kind schon mollig, und auch als Teenie hatte ich ausgeprägte Kurven. Mit Anfang 20 wurde mir bewusst, dass es gar nicht so einfach war, tolle Kleidung in großen Größen zu finden. Es sei denn, ich wäre bereit gewesen, mit riesigen Blumen auf der Brust oder in Oberteilen, die mir bis zum Knie reichten, das Haus zu verlassen.

Damals hieß die Devise der Modeindustrie offensichtlich: "Verhüllen, was nicht gesehen werden darf!" Unförmig und unattraktiv kam für mich jedoch damals schon nicht in Frage, und ich war mit der Gesamtsituation mehr als nur unzufrieden.

Mit Mitte 20 lebte ich dann eine Weile in den USA und stellte plötzlich fest, dass sich dort für mich als kurvige Frau ganz andere Möglichkeiten eröffneten. Frauen betonten das, was hier als zu viel Hintern, Bauch oder Po angesehen wurde und zeigten sich attraktiver, als ich es mir je hätte vorstellen können. Ich deckte mich mit tollen Kleidungsstücken ein und meine Rückreise nach Deutschland war wegen des Übergepäcks kaum zu bewerkstelligen. Nach und nach änderte sich jedoch auch hier die Modeindustrie und ich entdeckte Label wie NoSecret, Brand, Yoek und Chalou, die genau meine Kleidung herstellten. Ausgefallen, gewagt, modern, die Betonung auf den richtigen Körperteilen und das Beste: Ich entdeckte dies nicht alleine.

Immer öfter sah ich andere Frauen, die sich gut kleideten und zeigten, was sie haben. Blogger fingen an, über ihre Lieblingsoutfits zu schreiben und nach kurzer Zeit waren auffällige, attraktive Frauen mit Kurven selbstverständlich! Die Medien berichteten erst zaghaft über leicht gerundete Damen, wie zum Beispiel die fabelhafte Barbara Schöneberger, doch sie wurden nach und nach mutiger. Heute wird bei vielen Berichterstattungen zwar leider immer noch die Figur von Adele oder Beth Ditto in den Vordergrund gestellt, aber sie sind da und zeigen mit Mut und Selbstverständlichkeit, dass sie zu ihrer Figur stehen.

Ich könnte zu dem Thema einen langen Vortrag halten, aber um es kurz zu fassen: Die durchschnittliche Deutsche trägt Kleidergröße 42/44. In den Medien wird uns allerdings suggeriert, Kleidergröße 34 sei normal und 38 bereits PlusSize. Dies ist leider traurige Realität, und so laufen viele von uns mit einem schlechten Gewissen durchs Leben und sind mit sich selber unzufrieden. Es ist aber auch frustrierend, zu versuchen in eine Schablone zu passen, in die man einfach nicht passen kann und die auch nur den wenigsten entspricht.

Ich weiß, ich lehne mich weit aus dem Fenster und es klingt wie bei amerikanischen Misswahlen, wenn die Kandidatinnen sagen, sie wünschten sich den Weltfrieden, aber ich bin davon überzeugt: Die Welt wäre ein klein bisschen besser, wenn wir alle etwas zufriedener mit uns selber seinen DÜRFTEN. Und daran möchte ich mit meinem Team arbeiten!

Hätte mir jemand vor zwei Jahren gesagt, dass wir eine Gala veranstalten würden, bei der wir zeigen können, welch schöne Kurven Deutschland zu bieten hat, hätte mir die Idee zwar gleich gefallen, ich wäre aber doch eher ungläubig gewesen. Erst letzten Sommer reifte das Projekt Fräulein Kurvig - Deutschlands schönste Kurven. Im Winter verkündete ich meinen Plan, diese jährlich zu veranstalten und wusste schnell ein unglaublich engagiertes Team hinter mir.

Recht schnell war klar: Wir wollen weg vom verstaubten Misswahl-Image und eine ganz eigene Form des Schönheitswettbewerbs schaffen. Natürlich mit bekannten Mustern, wie dem Catwalk und letztendlich einer funkelnden Krone auf einem glücklich verheulten Frauenhaupt. Aber wir wünschen uns Persönlichkeit... keine stumpfen Gesichter, die einen Laufsteg entlang laufen. Wir suchen keine namenlose, austauschbare Miss, wir suchen das kurvige It-Girl! Und dies unabhängig von Umfang, Höhe und Alter.

Mehr als 600 Frauen haben sich auf unseren Aufruf beworben. 40 von ihnen wurden zum Casting eingeladen und ich kann ehrlich sagen, es fiel der Jury und mir als Veranstalterin, schwer, eine Entscheidung zu treffen. Viele der Frauen hätten das Zeug gehabt, sich im Finale zu behaupten. Aber es musste ausgesiebt werden. Immerhin winken den drei Erstplatzierten Modelverträge mit der renommierten PlusSize-Agentur MOS.

Der wichtigste Punkt, den wir bewertet haben, war die Persönlichkeit. Natürlich ist dies nur eine Momentaufnahme, aber es war uns schon wichtig, dass unsere Kandidatinnen Frauen sind, die den Raum einnehmen können. Sie sollten besonders sein, Aufmerksamkeit auf sich ziehen und es sollte Spaß machen, ihnen zuzusehen und vor allem zuzuhören. Eine tolle Frau muss auch etwas zu sagen haben. Mich persönlich beeindrucken Frauen, die gerne auch mal aus der Reihe tanzen und die mich mit ganz neuen Ansichten überraschen. Trotzdem muss sie ein Teamplayer sein und sich anpassen können, wenn es darauf ankommt. Ein entscheidender Punkt ist auch, dass sie mit der Aufregung, Lampenfieber und der ungewohnten Situation umgehen können.

Dazu kam, dass unsere Kandidatinnen auf Absätzen laufen können, dabei vor allem eine gerade Körperhaltung haben und sich fließend bewegen können. Unsere Kandidatinnen bekommen vor dem großen Finale zwar zwei Tage Tanz- und Choreographietraining, aber die Grundvoraussetzungen müssen gegeben sein. Jede Kandidatin hatte einen Monat Zeit, um sich vorzubereiten - musste aber am finalen Castingtag in fünf Minuten überzeugen. Zwei Minuten waren für Rückfragen und den Walk verplant. Drei Minuten durften sie selber gestalten. Dabei war alles erlaubt und es kam nicht darauf an, was und wie gut es gezeigt wurde, sondern dass etwas vorbereitet wurde.

Kirsten beeindruckte uns sehr, indem einen selbst geschriebenen Song mit Choreographie vorführte. Sonja hat sich mit bemalten Plakaten beschrieben und diese zu Mikas "Big Girl" zum Besten gegeben. Romy hat uns fast zu Tränen gerührt, als sie uns erzählte, dass sie sich wie viele andere Menschen eine "Maske" zugelegt hat, um nicht verletzt zu werden. Sie sagte, viele verstecken sich hinter einem künstlichem "Ich", um das wahre Selbst zu verstecken. Dabei schminkte sie sich ab, löste ihr Haarteil und zog sich bis auf Shorts und Top aus... bis sie also als "sie selbst" vor uns stand. Es ist ihr sichtlich schwer gefallen, und als wir merkten, dass ihre Stimme zitterte, war ich kurz davor mitzuweinen.

Kurz vor der Gala kann ich sagen, dass ich auf drei Dinge wahnsinnig stolz bin.

Ich arbeite mit einem unglaublich engagierten Team zusammen, das komplett hinter dem Thema steht und sich mit vielen Ideen und Kreativität dafür einsetzt, dass wir etwas bewegen können.

Wir haben es geschafft, für unser Finale zwölf unglaublich tolle Frauen auszuwählen, die ganz unterschiedlich sind, aber jede für sich eine fantastische Figur machen würden als erste "Fräulein Kurvig" mit den schönsten Kurven Deutschlands.

Mit noch mehr Stolz erfüllt mich, dass wir vielen Frauen mit dieser Aktion Mut machen. Ich habe einige Mails bekommen, die mich zu Tränen rührten, und das liegt nicht nur daran, dass ich grundsätzlich nah am Wasser gebaut bin. Ich arbeite schon so lange dafür, dass Frauen sich akzeptieren, gar lieben lernen und ich habe das Gefühl, diese Botschaft trifft immer öfter auf offene Ohren. Es gibt so viele fantastische Frauen, die genau dies geschafft haben und endlich befreit leben können. Aber es gibt leider auch die vielen anderen, die unglücklich mit ihrem Körper sind und ihn regelrecht bekämpfen.

Hör auf damit... und zeige welch einmaliger Mensch in dir steckt!

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