Big-Yoga: Wenn ich das kann, kann das jeder!

Nennt Anja Liedtke ihren Job, sind die meisten erstaunt: Wie kann jemand, der dick ist, Yoga-Lehrerin sein? Ganz einfach, sagt sie in der Leserkolumne "Stimmen": Indem er es macht. Und sich den besonderen Herausforderungen des Big-Yoga stellt - körperlich wie geistig.

Anja Liedtke ist PR-Managerin, aber ihr Herz schlägt für BigYoga. Selbst übergewichtig, begleitet die Yogalehrerin mollige Menschen auf ihrem Weg zu mehr Ruhe und Achtsamkeit. Über ihre Erlebnisse aus der Plus-Size- und Yoga-Welt schreibt sie auf ihrer Website www.big-yoga.com.

"Ich bin Yogalehrerin", ist meine knappe und einfache Antwort auf die Frage, was ich so mache. Meist folgen dieser Auskunft ein ungläubiger Blick und die Nachfrage: "DU bist Yogalehrerin? Ich dachte, dafür müsste man super beweglich und gertenschlank sein." Das kann man natürlich sein - ich bin es nicht.

Ich bin dick, übergewichtig, üppig, griffig, vollschlank, rubenshaft, ausladend... oder wie man meine Körperfülle auch immer bezeichnen möchte. Aber viel wichtiger als die Bezeichnung für meine äußerliche Form ist die Tatsache, dass Yoga mir den Weg zu mir gezeigt hat.

Heute weiß ich: Es kommt nicht darauf an, was andere von mir denken, es ist nur wichtig, dass ich mir meiner selbst bewusst bin. Meiner Wünsche. Meiner Träume und vor allem dessen, was mich ausmacht. Was ich wirklich will!

Jeder kann Yoga machen - auch wenn sich das nicht jeder vorstellen kann

Fast fünf Millionen Deutsche tun es. Yoga ist in aller Munde. Also ist es nicht allzu verwunderlich, dass auch ich vor fünf Jahren den Mut fasste und in einen Yogakurs ging. Trotz meiner Körperfülle. Wie sich herausstellte, eine Herausforderung nicht nur für mich, sondern auch für die Lehrer. "Ich weiß ja gar nicht, was du so kannst", war ein oft gehörter Satz, der auch von dem durchtrainierten Yogalehrer mit unsicherem Blick an mich gerichtet wurde.

Ein dünner Mensch scheint sich wirklich keine Vorstellung davon machen zu können, was mit einem Bauch passiert, wenn man sich vornüber beugt. Oder was eine üppige Oberweite für eine Eigendynamik entwickeln kann, wenn man auf dem Rücken liegend das Becken anhebt und in dieser Position die sich deutlich bewegende Weiblichkeit direkt vor Augen hat - was meist dazu führt, dass auch die Luftzufuhr eingeschränkt ist.

Diese figürlichen Herausforderungen, gepaart mit Unwissen und der mangelnden Vorstellungskraft der Lehrer hätten damals fast dazu geführt, dass ich aufgegeben und mich in meine gewohnte Komfortzone "Couch trifft Schokolade" zurückgezogen hätte.

Der Fluchtreflex war besonders groß, als eine Studioleiterin nach einer Probestunde zu mir sagte: "Du kannst gerne mitmachen. Aber bitte stelle dich dann immer nach hinten, damit du den anderen nicht die Sicht versperrst." Man kann sich vorstellen, dass dies nicht das Studio meiner Wahl wurde.

Trotzdem, irgendetwas hatte dieses Yoga. Obwohl ich der Exot in der Yogastunde blieb - oder gerade deshalb -, begann ich, mir alternative Ausführungen der Übungen auszudenken. Ich las viel über Yoga und durchforstete das Internet. In Bezug auf "Yoga von Dicken für Dicke" leider ohne Erfolg. Zum Glück sind die Amerikaner auf dem Gebiet des "Big Yoga" schon etwas weiter. Hier gibt es Curvy Yoga, Fat Yoga, Body Positive Yoga. etc. Yogakurse, geleitet von übergewichtigen Frauen mit einer wahnsinnigen Ausstrahlung.

So etwas muss es doch auch in Deutschland geben - dachte ich. Doch weit gefehlt. In einem Land, in dem jeder Zweite zu dick ist, gibt es nicht einmal eine Handvoll Yogalehrer, die ebenfalls dick sind. Also, was blieb mir anderes übrig, als selbst eine Ausbildung zur Yogalehrerin zu machen?

Über zwei Jahre und 600 Unterrichtsstunden später ist es immer noch so, dass mich Yoga jeden Tag begleitet. Nicht nur die körperlichen Übungen, vor allem ist es die Achtsamkeitspraxis, das Mich-und-meine-Umwelt-Wahrnehmen, das mir vieles leichter macht.

Was ist Yoga? Beziehungsweise, was ist es nicht?

Klar, wenn man auf die Hochglanz-Yoga-Magazine schaut, dann bin ich rein figürlich Lichtjahre von diesen schlanken und sich in den wildesten Haltungen verrenkenden Menschen entfernt. Wenn ich das sehe, frage ich mich allerdings, muss das wirklich sein? Ist das Yoga? Die klare Antwort lautet: JEIN. Yoga ist kein schnelles, einmaliges Workout. Yoga ist ein Work-in. Ein Weg nach innen, eine geistige, stabile Innenschau. Yoga hat viel mit Wahrnehmen, Annehmen und Loslassen zu tun. Es verändert die Sichtweise auf die Dinge und auf sich selbst

Vor allem ist Yoga kein neues Wundermittel zum Abnehmen. Wenn ich Artikel lese wie "Abnehmen mit Schlank-Yoga" oder "Schlank und fit durch Yoga", dann werde ich leicht aggressiv. Genau die gleichen, dünnen Damen, die mir in den kraftvollen Posen und engen Leggins vermitteln, dass sie einer anderen Spezies angehören, genau diese Frauen wollen mir jetzt sagen, dass ich einfach nur meine Ernährung umstellen muss. Plus ein paar Yogaübungen, und schon bin ich schlank.

So kann das nicht funktionieren. Den eigenen Körper wahrnehmen, akzeptieren wie er jetzt im Augenblick ist und sich so annehmen, dabei kann Yoga helfen. Und dann geschieht eine Gewichtsabnahme ganz von allein. Bei mir sind es bisher 20 Kilo. Einfach so. Ohne Diät. Nur durch die Veränderung meines Selbst-Bewusstseins.

Yoga macht schwer glücklich!

Das, was ich erfahren habe, möchte ich gern weitergeben. Getreu dem Motto "Wenn ich das kann, dann kann das jeder" möchte ich jeden dort abholen, wo er gerade steht. Ich kenne die "Weichteilblockaden" und ich weiß, wie man Hilfsmittel wie Blöcke, Gurte, Stühle, Wände unterstützend einbaut.

Und was noch viel wichtiger ist, ich kenne die Ängste, die Hindernisse und viele der Gedanken, die einem umfangreichen Menschen durch den Kopf gehen: "Kann ich das wirklich?", "Bin ich gut genug?", "Was, wenn alle anderen besser sind als ich?"

Yoga ist mein Wegweiser auf dem Weg zu mir selbst. Ein guter Freund, der mich täglich daran erinnert, auch nach mir zu schauen. Etwas, das wir oft vergessen. Es ist so viel einfacher, sich um andere zu kümmern, als um sich selbst. Yoga zeigt mir Achtsamkeit und gibt mir Mut, an meine Grenzen zu gehen, zu spüren und mich mit meinem Inneren zu verbinden.

Ich möchte mehr Fülle in die Yogawelt bringen und zeigen, dass Yoga frei ist von Vorgaben und stereotypen Menschen. Wir alle sind Individuen und wir haben alles, was wir brauchen, bereits in uns. Ich war und bin auf dieser Entdeckungsreise und ich möchte ALLEN Menschen davon erzählen und sie ermutigen, in sich hineinzuspüren und ihren Wesenskern, ihren Willen zu entdecken. Jeder Mensch ist schön, und Yoga kann diese Schönheit zusätzlich zum Strahlen bringen.

Big-Yoga: Wenn ich das kann, kann das jeder!

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