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Rassismus in Deutschland: "Das habe ich als Halb-Spanierin alles zu hören bekommen"

Rassismus in Deutschland
© Jean Pierre Ledos
BRIGITTE.de-Leserin Désirée Willmes wuchs in Deutschland auf – und kam als Tochter einer Spanierin viele rassistische Kommentare zu hören.

Wo sind meine Wurzeln?

Wenn man in einer Familie mit zwei Nationalitäten aufwächst, ist man um einiges reicher: Man erlebt zwei Kulturen, man lernt zwei Sprachen, das Gehirn nimmt später weitere Sprachen spielend auf und man fühlt sich überall und nirgendwo zu Hause.

Aber das genau ist jetzt mein Problem: Wo ist mein Zuhause? Wo sind meine Wurzeln? Habe ich überhaupt Wurzeln?

Ich bezweifle es und muss immer wieder aufpassen, nicht in eine Krise zu geraten ...

Der Pastor weigerte sich, mich zu taufen

Vor fast 48 Jahren bin ich als Tochter einer spanischen Mama und eines deutschen Papas im Sauerland zur Welt gekommen. Nach ein paar Tagen brachten mich meine Eltern nach Hause in ein 400-Seelen-Dorf (oder vielleicht sollte ich lieber sagen: seelenloses Kaff).

Der Pastor weigerte sich, mich zu taufen. Jahre zuvor hatte er sich schon geweigert, meinen Papa und meine Mama zu trauen, da seiner Ansicht nach meine Mutter als Ausländerin keine gute Katholikin sein konnte... Meine Eltern gingen also in den Nachbarort, um sich dort das Ja-Wort zu geben. Dieser Priester hat deshalb im Nachhinein Ärger bekommen und sich daher ebenfalls geweigert, mich zu taufen. Also mussten meine Eltern einen Priester aus Paderborn anheuern.

Wenn einem Säugling die Taufe verweigert wird, nur weil er nicht 100-prozentig deutsch ist, ist das so, als hätte man seine Wurzeln durchtrennt. Vielleicht ist das mein Problem?

Schon als Kind wollte ich weg aus dem Dorf und bat meine Eltern, mich in ein Internat nach Spanien zu schicken. Ich fühlte mich nicht wohl. Wenn man als Kind als „Ausländerin“, „Knoblauchfresserin“ und „dreckiger Mischling“ beschimpft wird, bleibt das hängen. Dann versinkt man in eine gewisse Apathie. Man versucht, sich zu integrieren, akzeptiert zu werden und wie alle anderen zu sein, aber es klappt nicht.

Der Schwimmlehrer drückte meinen Kopf unter Wasser

Als ich drei war, bin ich fast in einem See ertrunken. Ich hatte Glück und wurde gerettet. Aber ich entwickelte ein Trauma und hatte höllische Angst, auch nur in die Nähe von Wasser zu kommen.

Als ich an meinem ersten Schwimmtag in der Grundschule von Mama in die Schwimmhalle geführt wurde, ganz fest an ihrer Hand, und sie den Lehrer bat, Rücksicht auf mich zu nehmen, da ich immer noch Angst hätte, dachte ich „Ich bin jetzt groß und kann bald alleine schwimmen, das packe ich schon.“ Aber dieses Gefühl wurde mir sofort genommen, nachdem meine Ma die Schwimmhalle verlassen hatte. Der Lehrer kam auf mich zu, zerrte mich ins Becken und fing an, meinen Kopf unter Wasser zu drücken. Es war grausam. Ich kam immer wieder hoch und versuchte, mich zu wehren, aber der Sportlehrer hatte kein Erbarmen und schrie: „Du kleine Knoblauchfresserin, Du wirst lernen, wie eine gute Deutsche zu schwimmen!“

Heute muss ich lächeln, wenn ich daran denke, denn als ich an dem Tag weinend und hysterisch nach Hause kam und meinen Eltern erzählte, was passiert war, fuhr mein Vater zum Haus des Lehrers, packte ihn am Kragen und drohte, ihm alle Knochen zu brechen, falls sowas nochmal passieren sollte.

Es ist nie wieder passiert, aber da sind wohl meine ohnehin zarten Wurzeln ersäuft worden ...

"Mestizen und Mulatten sind Mistkinder"

Ich muss immer traurig geguckt haben, denn einmal bin ich auf der Straße von einem älteren Herrn angehalten worden: „Mein Kind, was ist los mit dir? Du hast so hübsche Augen, aber sie schauen so traurig ... Du bist doch noch so jung. Du sollst dich des Lebens freuen und Purzelbäume schlagen!“

Ja, dachte ich, er hat recht. Eigentlich war ich ja ein fröhliches Kind, ich kam nur nicht mit der Ungerechtigkeit, mit dem Nationalismus und dem Rassismus zurecht.

Es tat mir weh, wenn unser Cousin Steine auf meine spanische Oma und mich warf und uns anspuckte und beschimpfte. Und als meine beste Freundin im Gymnasium im Erdkundeunterricht, in dem wir über „Mulatten und Mestizen“ sprachen (so wurden sie damals genannt), aufsprang und in die Klasse posaunte: „Die Mestizen und Mulatten sind halt Mistkinder, so wie Désirée, die ist ja auch gemischt und nichts wert!“

Tja, das alles hat in mir schon damals den Wunsch geweckt, abzuhauen und meine Wurzeln woanders zu schlagen ...

USA, Spanien, England ...

Als ich 19 war, ging ich als Au-Pair in die USA. Den Amerikanern war es egal, woher ich kam. Die meisten dachten zwar, ich sei aus Mexiko oder Puerto Rico, aber ich fühlte mich sehr wohl und spielte sogar mit dem Gedanken, dort sesshaft zu werden. Der einzige Amerikaner, der mich blöd anmachte, war ein Ex-Konsul. Er sagte, ich sei eine Mischung aus Nazi und Stierkämpferin. Meine Vorfahren hätten schließlich Menschen und Stiere auf dem Gewissen ...

Danach ging ich für zwei Jahre nach Spanien und dann für 14 Jahre nach England, wo ich als Brokerin an der Börse arbeitete. Die ersten Monate hasste ich es. Ich war ein „Boardgirl“, also eine Praktikantin, die durch die Gegend rannte und Preise an verschiedene Tafeln schrieb. Es war ein Hin und Her mit den ganzen Währungen und da ich zu dem Zeitpunkt außer Spanisch, Deutsch und Englisch auch sehr gut Französisch und Italienisch beherrschte, rannte ich durch die Gegend und versuchte, Preise an die Mark-, Francs-, Lira- und Peseten-Tafeln zu schreiben. Doch wenn die Jungs nichts anderes zu tun hatten, malten sie Skizzen über den Zweiten Weltkrieg an die Tafeln. Und Hakenkreuze, Hitlerfiguren und nackte Frauen... Pervers, aber die Engländer fanden es lustig und grölten, wenn ich mich über ihre Witze empörte.

In England Wurzeln schlagen? Eher nicht. Ich gestehe aber, dass ich England vermisse, weil ich dort viel gelernt habe und trotz allem auch Spaß hatte.

In Spanien werde ich glücklich, dachte ich

Mit 30 bin ich dann in mein geliebtes Spanien gezogen. Hier wurde ich als Kind einfach immer „la rubia“ genannt, „die Blonde.“ Man mochte mich und ich bin nie blöd angemacht worden, weil ich nicht 100-prozentige Spanierin war. Endlich Wurzeln zu schlagen, das war mein Traum.

Was ich nicht wusste, obwohl meine Mutter mich gewarnt hatte: Spaniens Nationalsport ist der Neid. Ich dachte, Neid kann ich wegstecken, denn damit hatte ich als Brokerin schon reichlich Erfahrung gesammelt und es mir nicht zu Herzen genommen ... aber wenn man ein Geschäft aufbaut, Erfolg hat und aus Neid angemacht wird ... und ich meine jetzt nicht, angemacht, indem man als Deutsche beschimpft wird ... nein, man erfindet eine Geschichte, weist falsche Zeugen vor, sodass man wegen einer erfundenen Geschichte fast im Gefängnis landet, dann ist es auch hier schwierig, Wurzeln zu schlagen.

Vor drei Jahren dachte ich, ich hätte eine Identitätskrise. Aber jetzt weiß ich, dass es schwierig ist, Wurzeln zu schlagen, wenn sie einem als Kind abgeschnitten wurden.

Ich frage mich, ob ich jemals irgendwo zu Hause sein werde

Ich bin frei wie ein Vogel und kann mich überall anpassen, aber ich frage mich, ob ich jemals irgendwo auf dieser Welt zu Hause sein werde.

Vielleicht sollte ich stattdessen aber auch einfach Purzelbäume schlagen, wie mir das der fremde Herr vor 35 Jahren geraten hat. Vielleicht sollte ich meine Flügel wachsen lassen statt Wurzeln zu schlagen und einfach nur fliegen und das Leben genießen, egal wie, egal wo, egal, was die anderen denken und welche Kommentare sie von sich geben.

Ich wünsche all den Menschen, vor allem aber den Kindern der Flüchtlinge, denen ihre Wurzeln durch den Krieg genommen wurden, dass sie sich irgendwo niederlassen und integrieren können und dass die Mitmenschen, egal wo auf diesem Planeten, sie akzeptieren und ihnen helfen, die abgerissenen Wurzeln irgendwo neu zu verankern!


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