"Ich bin bekennende Sprachfanatikerin"

Geht es um die deutsche Sprache, wird Karin Annegret Hagemeister fuchsig. Mehr noch: Beamtensprache, falsche Apostroph-Setzung und anderes "Gruseldeutsch" tun ihr "richtig weh". Warum sie nie wieder "Das macht mich betroffen" hören will, erklärt sie in der Leserkolumne "Stimmen".

Karin Annegret Hagemeister, 56, hat schon als Lektorin, Texterin und Marketingmanagerin in der Werbung gearbeitet und bloggt auf kosemund.blogspot.de . Sie selbst nennt sich auch "Solistin zwischen Freiheitsliebe und Sehnsucht, Sprachpolizei, Lebenskünstlerin und Steh-Auf-Weibchen".

"Komm bei mich, ich lern Dir Deutsch!" Das hat meine Oma oft gesagt, wenn sich jemand komisch ausdrückte. Meine Oma war Jahrgang 1901, und sie durfte so etwas sagen, weil sie mit unserer Sprache gut umgehen konnte. Sie stammte aus einer sehr armen Familie und musste mit 14 Jahren die Schule verlassen. Auch deshalb war ihr Bildung zeitlebens so wichtig.

Meine Oma ist nun schon lange nicht mehr da, und auch ich komme mir mehr und mehr vor, als gehörte ich zu einer aussterbenden Spezies. Zum Beispiel, wenn ich solche Verlautbarungen lese: "Treffe Deine Lieblingsband bei unserer Autogrammstunde am Samstag - hier im ersten Stock auf der Event-Fläche!" Was stimmt hier nicht? Keine Idee?

Noch ein Beispiel: "Gebe Deine Daten ein und gewinne einen unserer supergeilen Preise!" Tipp: Was befiehlt man seinem Hund: "Setze!" oder " Sitz!"? Na also. Im ersten Fall muss es heißen "Triff Deine Lieblingsband!" und im zweiten "Gib Deine Daten ein!". Diese Sätze haben Aufforderungscharakter, und dafür gibt es die sogenannte Befehlsform, auch als Imperativ bekannt. Aber genug mit der Deutsch-Nachhilfe.

Ich bin bekennende Sprachfanatikerin, und solche Missgriffe wie die oben genannten tun mir richtig weh. Leider gibt es immer mehr Gründe für solches "Aua". Der berüchtigte Deppen-Apostroph zum Beispiel. Der ist so weit verbreitet, dass wir Sprach-Liebhaber ihn inzwischen - wenn auch leise seufzend - hinnehmen. Sogar in Extremfällen: "Zur Verstärkung unseres Team's suchen wir eine nette Verkäuferin." Der Kampf ist verloren. Da gilt es, in Würde den geordneten Rückzug anzutreten.

Nun ist es klar, dass Sprache sich verändert und verändern muss. Es spricht ja auch niemand mehr unverheiratete Frauen mit "Fräulein" an. Selbst ich sehe ein, dass der Satz "Isch bin Theaterplatz" nicht unbedingt Rückschlüsse auf den Bildungsgrad des Handybenutzers erlaubt. Heutzutage ist dies eine akzeptable Form der Ortsangabe. Wobei ich solches meist in der U-Bahn höre, und wenn der Satz endet, ist der gute Mann vielleicht schon Hauptbahnhof.

Es gibt aber Entwicklungen, bei denen es um mehr geht als um Geschmacksfragen. Glaubt jemand wirklich, dass Flüchtlinge, Ausländer und Kinder oder Enkel von - damals so genannten - Gastarbeitern sich besser fühlen, wenn sie als "Menschen mit Migrationshintergrund" bezeichnet werden? Natürlich hat auch dieser Begriff seine Geschichte. Wir mussten irgendwann anerkennen, dass viele Gastarbeiter keine Gäste mehr sein, sondern sich hier ein Zuhause schaffen wollten. Politisch ist es nicht opportun, von Einwanderern zu reden. Daher wurde dieses Ungetüm erfunden. Was allein den Migrationshintergrund angeht: Wir Europäer müssen nur weit genug in der Geschichte zurückgehen, um festzustellen: Wir sind alle Menschen mit Migrationshintergund.

Zu guter Letzt hat die Formulierung eine ganz typische Eigenschaft: Sie ist einfach zu lang. Und lange Wörter haben weniger Kraft. Das hat schon Winston Churchill gewusst: "Kurze Wörter sind am besten, und alte Wörter, wenn sie kurz sind, sind am allerbesten." Der war immerhin Literatur-Nobelpreis träger. Wer hat das treffende "brauchen" durch "benötigen" ersetzt, und wann wurden aus "Gefühlen" "Emotionen"? Würdet Ihr in einer bedrängten Lage rufen: "Ich benötige Hilfe?" Mal vorausgesetzt, Ihr bringt noch einen kompletten Satz zustande. Oder sagt Ihr etwa zum Bäcker Eures Vertrauens: "Ich benötige ein Brot." Ich hoffe nicht. "Benötigen" hat gleich doppelt so viele Silben wie "brauchen". Und nicht nur das: Es hat einen Beigeschmack und einen anderen Klang. In meinen Augen ist es ein bürokratisch-technokratischer Begriff ohne Gefühl. Ähnlich wirkt auf mich die immer gleiche Floskel von der angeblichen Betroffenheit angesichts schrecklicher Ereignisse. "Das macht mich sehr betroffen" ist eine hilflose Form der Anteilnahme.

Typisch für solche Sätze ist, dass sie im Passiv stehen. So wie etwa: "Die Tür ist geschlossen zu halten." Oder: "Sie werden folgender Maßnahme zugewiesen." So schreibt tatsächlich das Arbeitsamt an seine Kunden! Diese Gruselsprache wird benutzt, weil sie vermeintlich sachlich und neutral ist. Ich finde sie kalt und oft herablassend.

Solche Sprache erlaubt uns, Abstand zu halten. Nicht nur von unseren eigenen Gefühlen (Emotionen!), sondern auch von denen anderer und womöglich sogar vom Leben selbst. Zumindest dessen Bereiche, die man nicht in Events (noch so ein Unwort) vermarkten kann, wo aus Gefühlen Emotionen und aus Schicksalen Sensationen werden. Ich empfinde es jedenfalls so.

Und deshalb ist es für mich nicht nur eine Frage von gutem oder schlechtem Stil, oder richtig und falsch. Es entspricht einer Haltung, und die hat auch politische und gesellschaftliche Bedeutung. Wenn mir etwas Schlimmes oder Trauriges passiert, will ich nichts von Betroffenheit hören. Und ich kann mir keinen Grund vorstellen, warum nicht auch ein Politiker sagen darf: "Ich bin sehr traurig/erschreckt/entsetzt über das Geschehene." Ich wünsche mir, dass wir die Vielfalt unserer schönen Sprache schätzen und sie auch nutzen. Sonst bleibt uns irgendwann eine Art Basisdeutsch, mit dem nur noch Informationen vermittelt und Pseudo-Gefühle manipuliert werden. Was für eine schreckliche Vorstellung.

P.S. "Migrationshintergrund" wird von meiner Rechtschreibprüfung als verdächtig markiert. Meiner Meinung nach völlig zu Recht. Es gibt keine Verbesserungsvorschläge. Sic!

P.P.S. Um auf den Anfang zurückzukommen (und nicht allzu pathetisch zu enden): Die Frankfurter wissen, wie die Befehlsform geht. Auf dem Wochenmarkt kurz vor Schluss höre ich aus der Wurstbude: "Will noch aaner was? Sprescht!" Hochdeutsch: "Falls jemand noch etwas bestellen möchte - bitte sprechen Sie jetzt!"

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