Magersucht-Tagebuch: "Wie ich mich fast um den Verstand hungerte"

Wenn die Magersucht das Leben übernimmt, dreht sich alles nur noch um eins: Essen. Sarah Klein öffnet in unserer Leserkolumne ihr altes Tagebuch, mit dem sie einst akribisch notierte, was sie aß - und was nicht.

Sarah Klein, 22, leidet seit einigen Jahren an Magersucht. Nach zwei Klinikaufenthalten und Therapie in einer betreuten Wohngemeinschaft, lebt sie nun das erste Mal allein und versucht, ihren Alltag trotz Krankheit zu meistern. Sie will über das Thema "Essstörungen" besser aufklären und aufzeigen, dass Magersucht nicht immer etwas mit Schönheitsidealen zu tun haben muss.

Sarah Klein, 25, leidet an Magersucht. Nach Klinikaufenthalten und Therapie in einer betreuten Wohngemeinschaft lebt sie nun allein und versucht, ihren Alltag zu meistern. Sie will über das Thema "Essstörungen" besser aufklären und zeigen, dass Magersucht nicht immer etwas mit Schönheitsidealen zu tun hat.

Heute habe ich mal wieder mein altes "Esstagebuch" ausgegraben. Ja, ich habe ein Esstagebuch geführt. Ein Tagebuch nur für Essen. Frühstück, Mittagessen, Abendessen - alles fein säuberlich aufgelistet. Tage im Voraus schon geplant.

Das Notizbüchlein ist bis zur letzten Seite ausgefüllt. Manchmal voll, meistens aber leer. Rot ist es, aber nicht so knallig, es geht schon fast ins Lila. Manchmal habe ich noch ein paar hübsche Zeichnungen von Kaffee oder Tee, Brötchen oder Salzstangen hinzugefügt. Habe die i-Punkte auf dem "Reis" als Herzen gemalt. Es sieht aus wie das Tagebuch einer Zwölfjährigen, die über ihre erste große Liebe schreibt. Die über den Krach mit der besten Freundin klagt.

Davon steht in meinem Tagebuch jedoch nichts. In meinem Tagebuch geht es um den Fettgehalt von Magerquark. Um den Kalorienverbrauch durch Seilspringen und um Gewichtsschwankungen von 500 Gramm.

Fressanfall: Ein Eiweiß - und zwar ein großes!

11. Februar 2013: Rot umrahmt und von gefühlt hundert Ausrufezeichen gefolgt springt mir sofort das Wort "Fressanfall" ins Auge. Darunter in zittriger Kugelschreiberschrift die Kalorienzufuhr des Tages - besagter "Fressanfall". 56 Gramm Dinkelvollkornbrot mit einer viertel Portion Magerquark und einer viertel Scheibe fettreduziertem Käse. Zwischendurch 110 Gramm grüner Apfel. Soweit, so gut. Doch dann folgte besagte Orgie: ein Eiweiß - und zwar ein großes! Zu diesem Eiweiß gab es noch ein ganzes (!) Roggenbrötchen (60 Gramm) UND 50 Gramm Hähnchenbrustfilet, sowie zwei weitere Scheiben Dinkelvollkornbrot. Nicht mal abgewogen. Verdammt. Die Krönung dieses Festgelages stellt jedoch der gemischte Salat mit Dressing! dar. Ja tatsächlich. Dressing. Achja - und eine Erdbeere (groß).

Vage erinnere ich mich daran. Wie ich danach stundenlang nach Schlagwörtern wie "600 Kalorien, Zunahme?" gegoogelt, mich sogar extra deswegen in einem Fitness-Forum angemeldet habe und nur Spott für meine ernstgemeinte Frage erntete. Wie ich die ganze Nacht wie blöd im Zimmer herumgesprungen bin, getanzt habe, Liegestütz gemacht habe und kurz vor dem Zusammenbruch stand. Wie ich förmlich spüren konnte, wie das Fett sich an meinen Hüften ansetzt. Es war fürchterlich. Beim Gedanken an die Waage brach ich schlussendlich in Tränen aus. Geschlafen habe ich diese Nacht vielleicht für eine halbe Stunde.

Mittlerweile kann ich kaum glauben, dass das wirklich ich geschrieben habe. Wo war mein Verstand? Mein ganzes Wissen über Ernährung, Kalorien, Grundumsatz und sonstiger Kram? Wo um alles in der Welt war mein gesunder Menschenverstand am 11. Februar 2013?

Wahrscheinlich weggehungert. Je mehr man in diesem Hungerloch steckt, desto befangener und undurchdringlicher sind die Gedanken. Die kranken Gedanken. Die, die nichts mit gesundem Menschenverstand zu tun haben, sondern mit krankem, verstörendem, magersüchtigem Denken. Man kann auf diese Gedanken nicht vertrauen. Sie sind tückisch, trügerisch, verzerrt. Alles was einem in diesem Zustand hilft, ist Kontrolle. Die Kontrolle über die Kalorienzufuhr wiegt das Hunger-Ich in einem trügerischen Schein der Sicherheit. Fressanfälle, egal in welchem Ausmaß, stellen einen Kontrollverlust dar. Es ist die Angst vor dem Ungewissen. Die Angst davor, nicht mehr kontrollieren zu können, was passiert. Die Angst davor, den Dingen freien Lauf zu lassen.

Mit der unverhofften Nahrungszufuhr kommt plötzlich auch das Gehirn wieder in Schwung. Plötzlich wacht da etwas auf, das bis dato im Schlummermodus war. Eine kleine, fiese Stimme, eine kleine, fiese Magersucht-Stimme, die aus ihrem Tiefschlaf erwacht ist. Geweckt durch die vielen Kalorien. Die Magersucht-Stimme reckt sich und streckt sich und macht sich auf den Weg durch deine Synapsen, durchläuft dein Unterbewusstsein und hinterlässt ihre Spuren. Irgendwann ist sie in deinem Ohr angekommen und flüstert ihre zuckersüßen Lügen dort hinein. "Na, mal wieder die Kontrolle verloren? Mal wieder gefressen wie ein Schwein? Nicht mal hungern kannst du. Gar nichts kannst du. Du bist eine Versagerin. Du wirst schon sehen, was du davon hast. Brauchst dich gar nicht beklagen. Alles nur deine Schuld. Deine Schuld, allein."

Die Magersucht ist stärker als dein Verstand

Die Worte der Magersucht sind stark. Stärker als dein Restverstand. Stärker als dein Restwissen. Also glaubst du ihr jedes ihrer gemeinen Worte. Glaubst, dass 12 Gramm Fett und 600 Kalorien tatsächlich ein Walross aus dir machen werden. Dass du schon eines bist. Dass sich die fiesen, kleinen Fettzellen jetzt, genau in diesem Moment auf deinen Hüften einrichten und dort sesshaft werden. Du kannst es förmlich spüren.

Hat man einmal einen Punkt erreicht, an dem der Verstand so durcheinander ist, dass man nicht mehr auf ihn vertrauen kann, ist jede Form von Kontrollverlust unerträglich. Was ist noch wahr und was ist krank? Man weiß es nicht mehr. Hat den Bezug zur Realität verloren. Kann nur noch auf alte Muster vertrauen. Wem soll man denn auch glauben? Umso schöner ist das Gefühl, es heute zu wissen. Zu wissen, dass Kontrolle gut, aber Vertrauen besser ist.

Der 10. Mai 2013. Gerade mal drei Monate später. Oben links eine Buntstiftzeichnung von Pizza. Daneben ein Mensch ohne Gesicht und ohne Arme, gefangen in einem Käfig. Mit einem Pfeil: "Ich". Darunter suche ich vergeblich das Protokoll des Tages. Nichts. Die Seite ist leer. Neben der Spalte Frühstück steht ein Spiegelstrich. Mittag- und Abendessen werden gar nicht erst erwähnt. Unten in der Ecke rechts ist die Seite weich und zerknittert, so, als sei sie nass geworden.

Ich versuche mich an den Tag zu erinnern, doch ich schaffe es nicht. Den Mai habe ich wie in Trance erlebt. Ich - gefangen in einem Käfig, hungrig und leer, wie das Blatt Papier. Wollte die Pizza greifen, doch konnte es nicht, da mir meine Arme dafür fehlten. Der Käfig waren meine Gedanken. Gedanken, die mich gefangen hielten. Ich begreife es nun noch mehr: Kontrolle ist ein Gefängnis und Vertrauen ist Freiheit.

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