Vom Wunsch, einmal Miss Germany zu sein

Als "Miss Mitteldeutschland" fuhr Jasmin Gumpl nach Ägypten, um die schönste Frau der Nation zu werden: Miss Deutschland 2015. Wie es war, als der Traum platzte - der eigentlich gar nicht so traumhaft war.

Jasmin Gumpl, 24, "pendelt" beruflich zwischen ihrem Sozialpädagogik- und Anglistikstudium und ihrem Nebenjob als Schuhverkäuferin. Sie liebt es zu malen und zu zeichnen, ist seit über sechs Jahren glücklich vergeben und mit ihrem Freund Mitglied im Schützenverein.

Meine Füße schmerzen. "Nichts anmerken lassen und fröhlich lächeln", denke ich. Der Moderator hält kurz inne, die Fanfare ertönt. Endlich wird sie beantwortet, die Frage, die wir uns alle schon so lange gestellt haben: "Wer wird Miss Germany 2015?" Ich bin erleichtert, dass alles endlich vorbei ist. Die Top 8 stehen auf der Bühne - unter die ich es nicht geschafft habe.

Nach Platz zwei und drei bangen noch sechs Mädchen um die Krone. Mit eingefrorenem Lächeln lasse ich die letzten drei Wochen, die ich mit den 23 Missen in Ägypten und dem Europapark verbracht habe, gedanklich an mir vorbeiziehen. Eine Achterbahnfahrt aus Spaß, Hoffnung, Niedergeschlagenheit und Frust, so gut wie isoliert von Zuhause.

Dann ertönt der Name der Siegerin. Sie löst sich aus den Händen ihrer Mitstreiterinnen und nimmt Krone und Siegesschärpe entgegen, bevor sie - zur deutschen Nationalhymne - der Presse entgegengeht.

Wir waren kleine Mädchen mit großen Träumen

Mit ihr sehe ich meinen Traum davonschreiten. Bittersüße Melancholie befällt mich, aber ich lächele weiter. Schwer fällt das Dauergrinsen nach drei Wochen "Training" nicht mehr, war man doch stets darauf bedacht zu gefallen. Egal wo, egal wem. Es ging schließlich um die Krone und ein Jahr als visuelle Repräsentantin Deutschlands.

Dafür ließ ich mich, 24, Studentin und eigentlich längst so etwas wie erwachsen, in die Zeit der Klassenfahrten und der strikten Gängelung zurückversetzen: Wir waren die kleinen "Mädchen" mit den großen Träumen. Kommandos wurden gegeben und wir befolgten sie. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mich querzustellen oder mal nicht mitzuarbeiten - es ging ja um das Krönchen.

Die Überlegung "Was denkt man wohl über mich, wenn..." bestimmte alles, was ich in der Zeit tat - wofür ich mich noch heute ohrfeigen könnte, denn so konnte ich weder all das entspannt genießen, noch bewahrte es mich davor, doch mal aus dem Raster zu fallen. Wie in folgender Situation: Es stand ein Gruppenshooting im Bikini an. Da ich mein Bikinihöschen nicht fand, gab man mir einen anderen Bikini. Er betonte meine unvorteilhaften Stellen und ich wusste, dass ich mich darin nicht wohlfühlen würde. Ich lehnte ihn ab, ärgerte mich aber später, als ich auf dem Gruppenfoto fehlte.

Heute denke ich: Es war eine Entscheidung, die ich als autonomes Wesen aus persönlichen Beweggründen getroffen hatte. Es gibt für mich nichts zu bereuen, auch wenn manche es abschätzig mit einem "Oh, bitte" kommentieren würden.

Ich wollte zeigen, dass auch ich optisch was hermache

Jasmin Gumpl vor der Show

Als ich mit den restlichen jungen Frauen nach der Kür der Miss Germany unkoordiniert die Bühne verließ, spürte ich nichts. Ich hatte zwar auf den Erfolg gehofft, aber nicht damit gerechnet. Motiviert durch negative Erfahrungen und daraus resultierende "Komplexe" in meiner Jugend, hatte ich vor allem zeigen wollen, dass auch ich optisch etwas hermachen kann. Ich war vom grauen Mäuschen erst zum kurzhaarigen "Japan-Rock-Girlie", das Rosa und hohe Absätze "iiih" fand, geworden und habe mich immer weiterentwickelt.

Heute kann ich gewisse Neigung zu Rosa und High-Heels nicht mehr leugnen, aber innerlich bin ich alles andere als das oberflächliche Püppchen, als das ich mich hin und wieder äußerlich präsentiere. Ich mache auch mein Seelenheil nicht von Erfolg oder Misserfolg bei Schönheitswettbewerben abhängig. Wenn man eine Schärpe hat, ist es ganz nett - hat man keine, ist es aber auch nicht weiter tragisch.

Schließlich weiß ich über den Sinn und Unsinn solcher Veranstaltungen sehr wohl Bescheid. Neben der persönlichen Genugtuung, war es vor allem auch die Aussicht auf Erlebnisse, die man in dieser Form wohl selten hat, die lockte: die Reise nach Ägypten, Sponsorenbesuche und -geschenke, Medienauftritte, Fotoshootings, die vielen verschiedenen Menschen, denen man begegnet, und natürlich die Aufmerksamkeit, die einem geschenkt wird.

Ich fand es toll, wie viel man an einem Tag erleben kann, vergass die Sorgen, die daheim warteten. Für drei Wochen der Realität entfliehen zu können, mit der Aussicht, dem Leben einen neuen, wenn auch kurzzeitigen Twist zu geben, war eine willkommene Fügung. Klar, wirklicher Erfolg basiert auf Arbeit und Können. Was tue ich schon als "Miss"? Ich sehe toll aus - "Na toll!", denke ich mir. Es fällt mir schwer, diesen Status mit Sinn zu füllen, der in irgendeiner Form wertvoll und produktiv für Mensch und Umwelt sein könnte. Das stereotypische Plädoyer für den Weltfrieden ist es sicher nicht.

Endlich wieder ich selbst sein zu können - ein herrliches Gefühl

Hastig zog ich mich für die Aftershowparty um, stopfte meine Sachen wahllos in Tüten und Taschen und stackselte zurück zum Backstagebereich. Dabei fuhr ich mir unzählige Mal mit meinem Trolley selbst in die Fersen - welch elegante Darbietung.

Mir egal, denn als den Zuschauerbereich betrat, konnte ich endlich - ich musste schlucken - meinen Freund wieder in die Arme nehmen, von dem ich drei Wochen lang praktisch abgeschnitten war, denn Zeit zum Schreiben oder Telefonieren hatte ich kaum gehabt oder ich war einfach zu müde dafür. Tränen schossen mir in die Augen, der Stress der letzten Wochen fiel von mir ab und ich hatte endlich wieder das Gefühl, "ich" sein zu können, fernab des Gefallen-Wollens und Chancen-Abwägens.

Heute hallt all das zugegebenermaßen noch als seichtes Echo nach: "Woran bin ich gescheitert?", "Was habe ich falsch gemacht?" oder auch "Was fehlt mir?". Ernsthaft nach einer Antwort zu suchen, würde allerdings voraussetzen, die eigenen Werte in Frage zu stellen und sich gänzlich fremden Vorstellungen und Vorgängen unterzuordnen, in die man als Misswahl-Teilnehmerin keinen Einblick hat, geschweige denn, dass man sie beeinflussen könnte. Entweder man passt ins Schema oder man tut es nicht.

Der gesunde Menschenverstand weiß, dass es sinnlos ist, sein Selbstwertgefühl davon abhängig zu machen, dass man nicht "Erste" geworden ist. Auch wenn es in der hintersten Ecke des träumenden Herzens ein wenig schmerzt, nicht das erreicht zu haben, worauf man drei Wochen lang hingearbeitet hat (ja, mit "Arbeiten" meine ich wirklich Arbeiten, denn bei einem Programm, das meistens um 8 Uhr beginnt und mit Fotoshootings und sonstigen Auftritten bis hin zur allabendlichen Besprechung nahtlos um 21 Uhr weitergeht, kann von "Urlaub" kaum die Rede sein). Hätte es keinen Spaß gemacht, hätte ich mich vermutlich nach den ersten fünf Tagen mit einem XXL-Nutellaglas in mein Zimmer eingesperrt.

Heute sehe ich Misswahlen mit gemischten Gefühlen

Ein schmerzhafter Traum vom Erfolg: Jasmin Gumpls geschundene Füße

Rückblickend stehe ich "Misswahlen" eher ambivalent gegenüber. Ich verstehe, warum Kritiker von Fleischbeschau, Oberflächlichkeit oder Anti-Emanzipation sprechen. Trotzdem habe ich aus dem Vorbereitungscamp eine Menge Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse mitgenommen, die wertvoll für mich sind.

Beispielsweise wurde mir durch die lange Trennung von Partner, Familie und Freunden bewusst, dass öffentliche Wertschätzung und Beliebtheit zwar reizvoll und aufregend sind, es aber deutlich befriedigender ist, von Menschen aufrichtig für das geliebt zu werden, was man wirklich ist, und nicht nur für das, was man präsentiert.

"Miss Germany" zu sein hätte mir Spaß gemacht, keine Frage. Es nicht zu sein, ist aber kein allzu schmerzlicher Verlust. Es gibt genügend andere Wege, sich auszudrücken und darzustellen, sofern "Miss Germany" zu sein überhaupt ein solcher ist. Dennoch würde ich niemandem zwingend davon abraten, an so einer Misswahl teilzunehmen. So viel Autonomie sollte eine Demokratie aushalten können, und darüber, was für jeden einzelnen emanzipiert ist und was nicht, haben Dritte nicht zu urteilen.

Ich verstehe Emanzipation eher so, dass jede Frau für sich entscheiden darf, wie sie sich verwirklichen möchte, ohne dabei gleich in Schubladen gesteckt oder militant eines Besseren belehrt zu werden. Als grundsätzliche Qualifikation für weiterführende Tätigkeiten im Unterhaltungsgeschäft sollte man den Titel "Miss Germany" allerdings nicht sehen.

Teaserbild: DOMANSKI/Reuters/Corbis
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