Macken haben wir doch alle: Warum mich geöffnete Schranktüren aus der Ruhe bringen

Öffnet jemand einen Schrank oder setzt sich auf ihren Stammplatz in der Bahn, wird Christine Kutzschbauch nervös. Das sind nur zwei ihrer Macken, sagt sie in der Leserkolumne "Stimmen", aber sie hat sich daran gewöhnt. Auch weil sie glaubt: Eine Macke haben wir doch alle...

Christine Kutzschbauch, 34, arbeitet als kaufmännische Angestellte. Ihren Job als Justizvollzugsbeamtin hat sie nach zehn Jahren gekündigt, "um endlich wieder frei zu sein". Sie lebt mit ihrem Freund und drei "bezaubernden" Katzen in Hildesheim und bloggt in ihrer knappen Freizeit auf Christine1980.

Peng. Da wären fast die Finger dazwischen gewesen. Aber ich kann nicht anders. Bei einer geöffneten Schranktür renne ich los. Ich muss sie einfach schließen und das am besten sofort. Okay, ich könnte mir angewöhnen zu warten, bis meine Azubis fertig sind am Schrank und keine Gefahr mehr für ihre Finger besteht. Sie scheinen ja auch einen guten Grund zu haben, warum sie den Schrank öffnen. Ein bisschen Zeit werde ich ihnen also beim nächsten Mal geben. Ein bisschen...

Es macht mich unglaublich nervös, wenn eine Schranktür offensteht. Vor allem im Büro. Zu Hause habe ich kaum Schränke, die man schließen kann. Wahrscheinlich unbewusst aus genau diesem Grund. Sie bringen für mich eine unglaubliche Unruhe in den Raum, die ich kaum ertragen kann. Man kann fast sagen, diese Macke ist schon keine Macke mehr, sondern liegt psychologisch viel tiefer begraben. Aber das tun Macken wahrscheinlich immer. Ein Gutes hat es allerdings. Die Kollegin, die vorher zwei Jahre das Büro mit mir geteilt hat, rennt jetzt hektisch durch die Firma, falls sie irgendwo vergessen hat, eine Schranktür zu schließen. Mein panischer, fast wütender Blick damals hat sie wohl geprägt. Es ist die gleiche Kollegin, die beim Mittagessen auch nur auf diesem einen bestimmten Platz sitzen darf. Wir haben da eine feste Sitzordnung. Jedenfalls behaupte ich das. Wir gehen immer zu dritt, sitzen immer am selben Platz, seit zwei Jahren schon. Und falls eine der beiden auf die Idee kommt, sich mal anders zu platzieren, nörgel ich so lange, bis alles wieder seine Ordnung hat. Ich kann sonst nicht in Ruhe essen.

Ordnung. Das Wort, was jetzt schon bei zwei Macken eine Rolle spielt. Sicher bin ich nicht der ordentlichste Mensch der Welt. Ich horte Zeitschriften, die überall zu Hause herumliegen, und räume meine Klamotten erst zurück in den Schrank, wenn sich ein riesiger Stapel gebildet hat.

Ich kann mir also nicht erklären, woher diese Macken kommen, die mich beispielsweise dazu bringen, meinem Freund freundlich zu verbieten, die Einkäufe in den Kühlschrank zu räumen. Ich habe eine ganze Weile allein gelebt und da haben sich offensichtlich all diese Dinge eingeschlichen. Das ist mir damals natürlich nie aufgefallen, Macken sind ja für jeden Menschen Teil seiner Persönlichkeit. Als ich aber mit meinem Freund zusammenzog und er zum ersten Mal die Butter in das mittlere Fach des Kühlschranks räumte (es weiß doch schließlich jeder, dass die Butter ins Butterfach gehört!), bekam ich fast einen kleinen Tobsuchtsanfall - und mir wurde bewusst, dass ich mir über die Jahre diverse Macken angeeignet hatte.

Eine noch, bevor ich über andere herziehe. Die ist aber wenig überraschend, wenn man die vorangegangenen kennt. Ich pendel seit zwei Jahren. Jeden Tag fahre ich mit der Bahn. Und da habe ich, es wird keinen mehr wundern, natürlich meinen Stammplatz. Um dabei ein bisschen auf meine Mitmenschen Rücksicht zu nehmen, habe ich mich für zwei (und da finde ich mich schon großzügig) Ausweichplätze entschieden. Dennoch, an den Morgen, an denen ich etwas später dran bin und meine Stammplätze besetzt sind, kann ich nichts dagegen tun, dem "Besetzer" einen bösen Blick rüberzuschicken. Hinterher schäme ich mich immer ein bisschen, er fährt ja schließlich auch nur Bahn. Aber nicht auf einem dieser Plätze sitzen zu können, bringt mich total aus der Ruhe.

Ich glaube, man kann aber behaupten, dass niemand ganz frei von diesen Macken ist. Jemand, der mir sehr nahe steht, kann es beispielsweise nicht ertragen, wenn an der Stereoanlage oder dem Fernseher die Lautstärke auf einer ungeraden Zahl steht. Da wird so lange hin und her gedrückt (ob man noch etwas verstehen oder nicht verstehen kann, spielt dann schon gar keine Rolle mehr), bis die richtige Zahl angezeigt wird. Seltsam, denn die Anzeige der Lautstärke verschwindet nach ein paar Sekunden. Aber es lässt ihm trotzdem keine Ruhe.

Der gleiche Mensch muss auch immer am Fell von Tieren riechen. Okay, bei unseren Katzen finde ich das noch in Ordnung. Als sie neu zu uns kamen, haben sie uns ja auch erst mal beschnuppert. Aber wir sind auch schon mal in einem Safaripark einem Esel hinterhergerannt, nur damit eben dieser Mensch mal kurz seine Nase daran halten kann. In einem anderen Streichelzoo führte das dazu, dass ein Lama letztendlich das tat, was Lamas halt so tun. Er berichtete hinterher, Lamaspucke schmecke definitiv seltsam.

Der Duden definiert Macke als "absonderliche Eigenart". Aber ich finde das zu hart. Die Kollegin, die immer von anderen Tellern probieren muss, die Putzfrau, die all ihre Sätze mit "was ich noch sagen wollte" beginnt, Menschen, die immer mehrmals kontrollieren, ob die Autotür auch wirklich verschlossen ist (wen wundert's: Das mache ich auch), all das würde ich nicht als absonderlich bezeichnen. Der Duden schreibt auch, eine Macke wäre eine "wunderliche Angewohnheit" und mit diesem Begriff kann ich schon viel besser leben.

Uns alle wird etwas dazu bewegen, diese Dinge zu tun. Bei mir zeigt sich ganz deutlich der Wunsch nach Kontrolle und Ordnung im Leben. Das hält einen Haufen Überraschungen für uns bereit, positive wie negative. Viele Dinge können wir nicht beeinflussen. Durch diese Macken hole ich mir die Kontrolle in mein Leben zurück. Und ich finde, so lange man niemanden dadurch negativ beeinflusst, sind solche Macken ganz liebenswerte Eigenschaften - die jedem von uns auf seine ganz persönliche Art und Weise dabei helfen, mit diesem unvorhersehbaren Leben besser klarzukommen.

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