Das Zeugnis: Versetzung gefährdet, Mama ist schuld!

Mist, unser Sohn ist genauso mies in Mathe wie wir! Dachte Nina Massek, als es hieß "Versetzung gefährdet". Warum sie das "Drama" trotzdem mit Humor nimmt, erzählt sie in der Leserkolumne "Stimmen".

Letzte Woche hatten wir das Halbjahres-Gespräch mit Sebastians Klassenlehrerin. Nach gut anderthalb Jahren scheinen unsere Schul-Flitterwochen nun vorbei. Wenn man "Versetzung gefährdet" hört, gehen bei Eltern erstmal alle Alarmglocken. Alles war so schön in der ersten Klasse. Ankommen. Sich an die Schule gewöhnen. Die Schultasche ein- und ausräumen. Neue Freunde finden. Mein Sohn geht gerne zur Schule. Auf die Frage "Wie war es in der Schule?" lautete die Antwort immer: "War gut". ?Natürlich haben wir gemerkt, dass es in Mathe nicht ganz so rund lief. Ziemlich schlecht sogar. Und das hat uns auch nicht weiter verwundert. Das "Rechen-Gen" ist nämlich eher schwach ausgebildet bei Mutter und Vater. Alle Eltern freuen sich ja, wenn sie gewisse äußerliche Merkmale und ihre Fähigkeiten im Kind wiederentdecken. Das ist wohl so eine angeborene Eitelkeit von Eltern. "Oh, schau mal, er hat MEINE Lippenform. Die Natur fand meine Lippen also so toll, dass sie meine Lippen gleich nochmal verwendet hat." "Ja, und sein Ordnungssinn. Das hat er ja wohl Gottseidank von MIR. So kommt er also prima durchs Leben." Aber was ist, wenn das Kind so ganz offensichtlich eine negative und ungeliebte Eigenschaft von einem geerbt hat?

Ab der zweiten Klasse musste ich hauptsächlich während des Mathe-Unterrichts zur Toilette gehen. Und habe danach noch ausgiebige Spaziergänge über den Schulhof unternommen. Wenn mich die Klassenlehrerin dann wieder einsammelte, begann ich mir bei den ungeliebten Textaufgaben zusätzliche Geschichten auszudenken. "Paul kauft 100g Käse. Der Käse kostet 3 Mark und fünfzig Pfennige. Wieviel kosten dann 250 g?" Was hat der Paul wohl auf dem Weg zum Supermarkt erlebt? Fährt er mit dem Fahrrad? Er hat bestimmt ein blaues, so wie der Michael von nebenan. Den will ich ja heiraten. Aber der mag ja die Sabine. Welchen Käse kauft Paul überhaupt? Scheibletten oder Camembert? Wieviel Taschengeld bekommt er wohl? Vielleicht isst er lieber Wurst...? "Nina, wieviel kosten dann 250 g?" "Also, ähhhh... Ich muss mal auf Toilette?"

So ungefähr habe ich 13 Jahre Mathematikstunden durchlebt. Ab Klasse 7 habe ich komplett aufgegeben. Einfache Bruchrechnung und auch Prozentrechnung ging noch, aber alles was danach kam? Bei Gleichungen und Polynomdivision fielen mir einfach keine Geschichten mehr ein und die Hoffnung, dass ich das irgendwann verstehen könnte, hatte ich bald aufgegeben. Also entwickelte ich eine große Aktivität in der rechten Gehirnhälfte und konnte zum Beispiel ab der zweiten Klasse meine Klassenkameraden mit Witzen auf bayerisch unterhalten. Und ich war gut in Deutsch. Das hat mich über die Schulzeit gerettet. Hier und nur hier entwickelte ich Ehrgeiz und Lernwillen. Und Lesen habe ich geliebt! Mein Sohn liest auch recht gut und kann gut auswendig lernen. Das Schönste an Schule ist aber für ihn das soziale Umfeld. Seine Freunde, seine "Verknallten" (also die Mädchen, die er heiraten will) und die Lehrerin.

Aber so läuft Schule leider nicht. Es gibt Lehrpläne, Lernziele, Zeugnisse und Versetzungen, die gefährdet sind. Meine Versetzungen waren aufgrund des Totalausfalls in Mathematik und anderen Naturwissenschaften auch oft gefährdet und ich weiß, wie schrecklich sich das anfühlen kann. Immer das Zittern am Ende des Schuljahres. Kann ich es ausgleichen? Bei allem "Ausgleichen" und den netten Freunden will man als Kind doch auch mitkommen. Man will es schaffen, man will den Test gut schreiben und wenn es dann einfach nicht geht, kann das schmerzen. Es ist nicht gut fürs Selbstbewusstsein, wenn man etwas einfach nicht kann. Und alle anderen schaffen das irgendwie. "Warum kann ich es nicht? Ich bin wohl ein bisschen blöde." Ich hätte das meinem Sohn so gern erspart, aber dann hätte ich wohl vorsichtshalber einen BWLer heiraten müssen. Wollte ich aber nicht. Irgendwann in meiner Schullaufbahn habe ich entschlossen, dass ich offen mit meinem Fehler umgehe und es mit Humor nehme. "Ihr kommt wahrscheinlich hier sehr schlecht ohne mich weiter, aber ich gehe jetzt mal aufs Klo", war mein bevorzugter Spruch in der Oberstufe.

Widrigkeiten mit Humor nehmen ist eine Stärke von mir, aber darin liegt immer auch eine gewisse Akzeptanz des Schicksals, ein Hinnehmen. Dieses "Hinnehmen" möchte ich meinem Sohn so gern ersparen. Er soll sich und Mathe nicht so schnell aufgeben wie ich. Also üben wir mit ihm, er bekommt auch Nachhilfe. Mengen werden mit Muggelsteinen und "Star-Wars"-Karten verdeutlicht. Er bekommt einfachere Aufgaben und alle bemühen sich, dass er Erfolgserlebnisse in Mathe hat. Dabei finde ich es auch ganz wichtig, dass die Textaufgaben interessant sind. "Also wenn Du die Lina heiratest und mit ihr zwei Kinder hast, aber dann später noch die Lena und mit der hast Du dann drei Kinder, wieviel Kinder sind das dann?" "Aber Lina und Lena waren ein bisschen zickig in letzter Zeit, jetzt ist die Sarah meine Verknallte." Recht hast Du, mein Sohn, Logik hat nicht immer etwas mit Mathematik zu tun!

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