Turboabitur: Was für G8 spricht - und warum Zurückrudern auch keine Lösung ist

Kaum ist das Turboabitur eingeführt, wird schon gefordert, es wieder abzuschaffen. Marion Blome, Schulleiterin eines Gymnasiums in NRW, hat dafür kein Verständnis. Sie sagt in unserer Leserkolumne: Lasst uns lieber daran arbeiten, wie man G8 noch besser machen kann!

Mit großer Verwunderung nahm ich als Schulleiterin wahr, dass fast zeitgleich mit dem erfolgreich absolvierten Doppelabitur in NRW im Sommer 2013 "G8" und das Turboabitur bundesweit mit großer Vehemenz neu diskutiert wurde. Plötzlich gab es enormen Gesprächsbedarf, am meisten bei den Eltern, weniger bei den Lehrern, die zu dem Zeitpunkt intensiv damit beschäftigt waren, die vom Ministerium neu präsentierten Kernlehrpläne für die Oberstufe an die hausinternen Lehrpläne anzupassen, damit diese ab Sommer 2014 verbindlich werden konnten.

Die Schüler hatten keinen Diskussionsbedarf und so erinnerte ich die Eltern in der Schulpflegschaft daran, dass G8 in NRW 2005 als großer parteiübergreifender Konsens eingeführt wurde, damit die Schüler europaweit ein vergleichbares Eintrittsalter für Studium und Beruf haben und es bundesweit einen einheitlichen zwölfjährigen Bildungsgang am Gymnasium gibt. Das ist wichtig, wenn Familien in Zeiten zunehmender Mobilität und weltweit agierender Unternehmen innerhalb Deutschlands umziehen.

G8 kam plötzlich - wurde aber verantwortungsbewusst umgesetzt

Dieser politische Beschluss traf die Gymnasien, die bisher mit G9 zumindest in der Unter- und Mittelstufe Halbtagsschulen waren, völlig unvorbereitet. Von jetzt auf gleich musste eine Überholspur für das Turboabitur gebaut werden, ohne personale und räumliche Ressourcen für den Ganztag und auch ohne rechtzeitig neue Lehrpläne zu haben. Die Gymnasien haben die veränderte Situation aber sehr verantwortungsbewusst und mit großem Engagement im Interesse der Schülerinnen und Schüler umgesetzt. Wir haben die Ängste und Sorgen von Eltern und Schülern ernst genommen und mit strukturellen und konzeptionellen Veränderungen reagiert.

Nach und nach gab es auch einige Landesmittel, zum Beispiel 100.000 Euro Zuschuss für Kommunen zum Bau einer Mensa, damit die G8-Schüler mittags in der Schule etwas Warmes essen konnten. Für die pädagogische Übermittagsbetreuung gab das Land zum Beispiel 30.000 Euro pro Schule und Jahr. Mit diesem Geld konnten Schulen in Absprache mit der Kommune und einem Wohlfahrtsverband Teilzeitkräfte stundenweise für die Betreuung in der Mittagspause einstellen. Darüber hinaus genehmigte die Stadt für unser Gymnasium einen "halben" Schulsozialarbeiter, dessen Stelle wir aus unserem Lehrerkontingent aufstockten, um den Schülern einen neutralen Gesprächspartner mit Außenblick anzubieten. Zusammen mit unserem Beratungsteam, Lehrern, Schülern, dem Sozialarbeiter und Eltern haben wir viele zusätzliche Angebote auf die Beine gestellt: einen "Offenen Treff", eine schuleigene Nachhilfefirma "Schüler helfen Schülern", es gibt inzwischen ein warmes Mittagessen in der neuen Mensa und diverse Bewegungs- und Ruheangebote.

2008 erschienen die neuen kompetenzorientierten Kernlehrpläne für die Unter- und Mittelstufe und es mussten natürlich in allen Fächern neue Lehrwerke eingeführt werden. Das war für die Verlage eine große zeitliche und für die Kommunen eine zusätzliche finanzielle Herausforderung. Dasselbe wiederholte sich im Sommer 2014 für die Oberstufe. Zwischenfazit: Es ist viel passiert in den letzten neun Jahren, damit Schüler sich trotz Turboabitur in der Schule wohlfühlen und erfolgreich zum Abitur geführt werden können.

Streit um G8 - eine westdeutsche Diskussion?

Für mich stellte sich im Sommer 2013 die Frage, warum es gerade zu diesem Zeitpunkt diese Diskussion gab, wo doch die G8-Schüler in NRW beim Doppelabitur 2013 sogar im Durchschnitt minimal besser waren als die G9-Schüler. Auch die Uni Tübingen stellte beim Vergleich von G8 und G9 keine statistisch bedeutsamen Differenzen und nur minimale Unterschiede bei Notenstufen, Belastungserleben und gesundheitlichen Beschwerden fest. Die Bildungsforscherin Isabell von Ackeren von der Universität Duisburg-Essen sagte sogar "Das ist eine sehr westdeutsche Diskussion" und verwies ebenfalls auf die geringen Unterschiede bei den Abiturnoten, den Kompetenzen, dem fachlichem Interesse oder der Durchfallquote.

Am wichtigsten fand ich die Aussage von Manfred Prenzel, dem Leiter der PISA-Studien, der vor basisdemokratischen Entscheidungen der Eltern, ob ihre Schule G8 oder G9 anbieten soll, warnte, damit nicht - wie es zum Beispiel in Hessen diskutiert wird - gar die Eltern einzelner Klassen bestimmen könnten, welche Lernzeit sie denn gerne für ihre Kinder hätten.

Fazit 1: G8 muss erst wissenschaftlich evaluiert werden, bevor es wieder abgeschafft wird. Diese Evaluation darf aber nicht nur die Abiturergebnisse, sondern muss auch die Situation im Studium und Beruf und die Zeit danach im Blick haben und die Frage: Meistern die G8-Schüler ihr Leben genauso erfolgreich wie G9-Schüler? Aber eine Rückkehr zu G9 "wie auch immer" kann nur langfristig geplant sein und sollte zentral aus Düsseldorf oder Berlin kommen, weil eine Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 vor Ort dramatische Auswirkungen hätte.

Auch G8-Kinder gehen gerne zur Schule

Mit Spannung erwarten wir die Ergebnisse des Runden Tisches in NRW zur Optimierung von G8. Gut wäre es, wenn hier nicht nur Eltern, Lehrer und Politiker konferieren würden, sondern auch die Schüler dazu befragt würden. Denn nur sie können den Widerspruch erklären, dass einerseits Eltern das länderspezifische Abitur für abschaffungswürdig halten und sich eine stressfreiere Schule wünschen, andererseits aber mit sehr großer Mehrheit angeben, dass ihre Kinder sowohl in G8 als auch in G9 gerne zur Schule gehen.

Fazit 2: Die Optimierung von G8 braucht nicht nur Zeit, sondern es muss auch Geld in die Hand genommen werden! Deutschland gibt im internationalen Vergleich im OECD-Schnitt immer noch zu wenig Geld für die Bildung aus. Schön wäre es auch, wenn Förderprogramme breiter angelegt werden könnten, damit es mehr Chancengleichheit gibt und die soziale Herkunft die Bildungskarriere weniger beeinflusst.

Die Rückkehr zu G9 würde neun Jahre Arbeit zunichte machen

Als Schulleiterin wünsche ich mir für das Gymnasium, dass NRW Wort hält, was die Politiker mit dem Schulkonsens 2010 versprachen: zwölf Jahre Ruhe! Denn bis 2022 kann der G8-Bildungsgang wissenschaftlich ausgewertet und in Ruhe optimiert werden. Vielleicht wird bis 2022 auch der föderale bildungspolitische Flickenteppich Deutschland auf den Prüfstand gestellt, das für 2017 geplante Zentralabitur könnte eine Argumentationshilfe werden. Eine überhastete Rolle rückwärts zu G9 würde auch neun Jahre Arbeit der Kollegen zunichte machen und gerade sie verdienen eine besondere Wertschätzung für ihr Engagement in diesem Reformprozess.

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