Endstation Geschlossene? Erst dort habe ich neuen Lebensmut gefunden

BRIGITTE.de-Leserin Claudia Liebing wollte nicht mehr leben. Nach einem langen Leidensweg hat sie zu sich gefunden – und spürt, wie kostbar das Leben ist.

Ich erinnere mich noch genau an meine "dunkle Zeit" und jetzt, wo wieder die graue Jahreszeit beginnt, denke ich an Menschen, denen es ähnlich ergeht. Die den Ernst einer Depression nicht erkennen, unfähig sind, zu handeln und die sich durch ihr Leben schleppen. "Muss ja" – eine der wohl häufigsten Antworten auf die Frage, wie es geht.

Mein Leben war ein Kampf, den ich nicht mehr gewinnen wollte

Schon seit vielen Jahren hatte ich depressive Phasen. 2009 suchte ich das erste Mal eine Therapeutin auf, fühlte mich aber schnell geheilt. Doch mein Leben glich einer Achterbahnfahrt - Hoch folgte auf Tief, Tief folgte auf Hoch. Jahr für Jahr. Erfüllung in meinem Inneren suchte ich durch Dinge im Außen und hoffte mit jedem Partner, er würde das ersehnte Gefühl in mir auslösen und meine unglückliche Seele erfüllen.

Aber auf jede Enttäuschung folgte die nächste. Emotional lebte ich in Etappen und hangelte mich so durch mein Leben. Dabei wurde ich betrogen, belogen, fühlte mich zunehmend einsam und empfand mein Leben als einzigen Kampf, den ich schon länger nicht mehr gewinnen wollte.

2014 befand ich mich an meinem absoluten Tiefpunkt. Immer wiederkehrende Depressionen, Traurigkeit, chronische Leere und Sehnsucht hatten meine Seele zerfressen. Als hätten die Metastasen eines Tumors jede Zelle meines Körpers erreicht. Mehrfach hatte ich Suizid als einzigen Ausweg in Betracht gezogen.

Nach einer erneuten Enttäuschung zerbrach ich innerlich so, dass ich in einer einsamen Augustnacht 2014 beschloss, meinem Elend für immer ein Ende zu bereiten und mich endlich zu erlösen.

Ich bekam eine zweite Chance

Ich überlebte knapp und bekam dadurch eine zweite Chance, Sinn in meinem Leben zu finden. Doch die Monate danach waren eine Höllenfahrt. Ich war in den falschen Menschen verliebt und klammerte mich trotzdem an diesen Strohhalm, um irgendetwas in meinem Inneren zu spüren. Als ich nur zwei Monate nach meinem Suizidversuch sein Doppelleben aufdeckte, verließ jegliches Gefühl meinen Körper. Jeder weiß, wie uns eine gescheiterte Beziehung runterziehen kann - doch ich spürte nichts mehr. Zurück blieb eine ausgemergelte Hülle, gezeichnet vom Kampf des Lebens. Dieser Stoß war wie der Dolch, der mir den letzten Funken Lebensmut nahm.

Ich war des Lebens müde und wurde schließlich in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Erst nach einer zweimonatigen stationären Behandlung begann ich langsam den Kampf gegen mich selbst. Ich fing an, mit Ärzten und Therapeuten mein Inneres auseinanderzunehmen und dem Ursprung des Ganzen auf den Grund zu gehen.

Wie konnte es soweit kommen, dass eine 32-jährige Frau, die nach außen selbstbewusst und stark wirkt, so tief in die absolute Leere rutscht?

Auch ich musste dazu in meiner Kindheit suchen. Eine Kindheit, die frei von Gewalt und Missbrauch war. Nie hätte ich gedacht, dort meine Antworten zu finden. Dabei hätte ich es schon früher erkennen können. Doch wie die meisten von uns lebte ich in meinem Hamsterrad, akzeptierte mein Scheitern und Traurigsein und hatte viele Warnzeichen nicht ernst genommen. Immer wollte ich stark sein. Bloß keine Hilfe annehmen! Alles alleine meistern!

Erst im Laufe der Therapie konnte ich Muster erkennen, die dazu führten, dass ich fast immer die gleiche Art von Beziehung führte, und dass ich mich an Menschen klammerte, die mir nicht guttaten. Ich erkannte auch, wie wichtig es war, sich selbst kennen- und lieben zu lernen. Und dass kein Mensch mir gut tun würde, solange ich mir selbst nicht gut tue.

Auszeiten und Erkenntnisse

In der Klinik nahm ich die erste Auszeit von meinem Leben. Was für mich als Selbständige vorher unmöglich schien, war plötzlich doch irgendwie machbar. Und notwendig! Insgesamt habe ich fünf Monate dort verbracht und anschließend weitere drei Jahre ambulant eine Psychotherapie gemacht.

Doch meine nächste Auszeit bewirkte die größte innere Wandlung in mir. Während einer dreimonatigen Afrika-Reise 2017 schrieb ich das Erlebte nieder. Dabei erkannte ich, dass wir fast immer selbst für viele unserer Probleme verantwortlich sind, da wir in bestimmten Mustern feststecken.

Ich verstand auch, dass nicht nur Kinder, denen Gewalt widerfahren ist, psychische Schäden erleiden. Dass ich trotz meiner tollen Kindheit immer depressiver geworden war, meine Beziehungen stets nach demselben Muster abliefen, und ich Männer in mein Leben zog, die zum Lügen und Betrügen neigten.

Natürlich hatte ich die Schuld immer bei meinem Partner gesucht. Dass am Ende aber alles in uns selbst steckt und wir die Figuren in unserem eigenen Film zwar austauschen können, es aber immer der gleiche sein wird, bis wir das Drehbuch ändern, wurde mir erst durch die Therapie bewusst.

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Heute weiß ich: Ich habe mein Leid viel zu lange ertragen

Heute möchte ich andere Menschen ermutigen, ebenfalls nach ihren destruktiven Verhaltensweisen zu suchen. Denn solange wir diese nicht erkennen, werden wir immer wieder - sei es in Beziehungen, in der Familie oder bei der Arbeit - das Gleiche erleben: Depressive Phasen, Selbstzweifel, Scheitern.

Ich habe viel zu lange ertragen, was meine Seele nicht bewältigen konnte. Habe die Alarmsignale überhört und mich weiter durchgekämpft - mit fatalen Folgen, die mich beinahe mein Leben gekostet hätten. Niemandem wünsche ich, an diesen aussichtslosen Punkt zu geraten, an den mich mein Weg führte.

Heute bin ich ein anderer Mensch - gleiche Hülle, neu programmiert - und ich bin dankbar für das, was passiert ist. Denn ich weiß jetzt, dass mein Leben schön und aufregend sein kann. Und ich habe für mich erkannt: "Wir alle haben zwei Leben. Das zweite beginnt dann, wenn wir realisieren, dass wir nur eins haben." 

Lesetipp: In ihrem Buch "Narben meiner Seele –  Manchmal muss man sich erst verlieren, um sein inneres Selbst zu finden" beschreibt Claudia, wie es zu ihrem Suizidversuch kam, wie ihr Umfeld damit umgegangen ist, was ihr die Therapie gebracht hat und wie sie  den Weg aus der Depression gefunden hat (epubli, 11,99 Euro).

Du hast suizidale Gedanken? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar. Eine Beratung über E-Mail ist ebenfalls möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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