"Die Handmade-Bewegung hat mein Leben verändert!"

Dinge selbst zu machen ist für Manuela Hennig das Größte. Weil "handmade" nicht nur bedeutet, dass jemand kreativ war. Sondern weil es beide glücklich macht: den Selbermacher und den, der das Selbstgemachte kauft. Ein Plädoyer für die DIY-Bewegung in der Leserkolumne "Stimmen".

Manuela Hennig, im Netz als Ela von Immertreu unterwegs, hat Philosophie und Literaturwissenschaften studiert. Die Mutter dreier Töchter gründete 2007 ihr Label Immertreu und führte mit ihren Eltern einen Laden für Selbermacher, bis es die Familie nach Leipzig zog. Hier arbeitet sie als Puppenmacherin, freie Texterin und schreibt gerade an einem Roman.

Die Handmade-Bewegung hat mein Leben verändert. Ich begann mein Studium, als ich schon Kinder hatte, und die Herstellung meiner Stoffpuppen gab mir die Gelegenheit, von daheim Geld zu verdienen. Mit einer Arbeit, zu der ich voll und ganz stehen kann, die mir Spaß macht und etwas Sinnvolles hervorbringt, nämlich individuelles und unbedenkliches Spielzeug. Und die mir nicht zuletzt erlaubt, für meine Kinder da zu sein. Als die Frage auftauchte, wie es nach dem Studium weitergehen solle, gab es für mich keinen Grund, die Richtung zu wechseln. Und es gibt viele weitere Gründe für mich und alle Crafter-Kollegen, Selbermachen zu schätzen. Was gehört denn eigentlich zu diesem Bereich?

Zu "handmade" zähle ich alles, das aus einem selbst entspringt. Aus unserer inneren Quelle der Kreativität und Schaffenskraft. Jeder hat sie, doch manchmal ist sie ein wenig verschüttet. Die industrielle Produktion von Dingen brachte anfänglich Erleichterung und eine große, bunte Warenwelt. Dadurch vergaßen wir aber, wie das Selbermachen geht. Wir mussten es nicht, denn es gab alles zu kaufen. Und alles wurde immer billiger. Doch dann wendete sich das Blatt.

Ein paar von uns kramten ihre Strickutensilien hervor und kreierten mit ihren Nadeln Kunstwerke. Andere sägten, schnitten, klebten, skizzierten oder nähten; sie kochten, dekorierten, entwarfen und upcycelten. Das hatte nichts mehr mit dem zu tun, was die Konzerne uns verkaufen wollten. Da war Einzigartigkeit und Ideenreichtum, und vor allem Authentizität. Dieser kleine Bach wurde aus immer mehr kreativen Quellen gespeist und er wurde zum Fluss. Das Internet avancierte zur Hebamme: Shops und Blogs wurden eröffnet, große Plattformen boten Verkaufsmöglichkeiten, die Dinge traten in die Welt. Manche sahen sie und sagten "DAS will ich haben" oder "DAS will ich machen".

... weil Kaufen nicht glücklich macht.

Ok, für eine kurze Zeit tut es das. Warum aber, frage ich mich, brauchen wir ständig neue Sachen? Weil sie nicht halten, was sie versprechen. Weil man uns sagt, wir bekommen einen Mehrwert, wenn wir sie kaufen - Glück, Schönheit, Freiheit -, aber das stimmt nicht. Wenn wir aber etwas selbst machen, liegt der Mehrwert für uns schon im Entstehungsprozess. Die Mütze, die ich beim Besuch einer lieben Freundin unter ihrer Anleitung strickte, trage ich immer noch. Wenn ich ein Geschenk selbermache, schenke ich viel mehr als das Ding an sich. Ich investiere meine Gedanken an den zu Beschenkenden, ich gebe meine Zeit und Ideen, ja ein Stück von mir selbst.

... weil Erfolg glücklich macht.

Ganz egal, wie gelungen eine Bastelarbeit ist, ob der erste gestrickte Schal ein paar Wellen schlägt (weil wir das Stricken zwischendurch an die Mama outsourcten) oder ob die Lackierung an unserem Schränkchen ein wenig ungleichmäßig wird. Wir haben es getan, wir haben es beendet und wir haben gelernt. Sagten sie nicht, das Leben sei ein ewiges Lernen? Gut, nach dem Stricken lernen wir Stempel zu schnitzen und dann falten wir unsere Weihnachtssterne selbst. Denn wir allein bestimmen, was wir machen wollen, wann wir es machen und wie es aussehen soll. Anders als (zumeist) in der Arbeitswelt sind wir hier von Anfang bis Ende dabei, wenn etwas entsteht.

... weil "handmade" die logische Antwort auf Massenproduktion ist.

Meine große Hoffnung ist, dass jedes selbstgemachte Produkt einen Artikel aus der Massenproduktion ersetzt. Die großen Konzerne, die unser Leben als Konsument in allen Bereichen durchdringen, beuten Ressourcen und Menschen aus und hinterlassen verbrannte Erde. Sie bauen Dinge absichtlich so, dass sie nach einer gewissen Zeit unbenutzbar werden, und bei ihren uniformen Fast-Fashion-Fetzen platzen die Nähte schon durch strenges Anschauen auf. Ganz zu schweigen von den Giftstoffen, denen die Arbeiter in den Fabriken und schlussendlich auch wir selbst ausgesetzt sind. Selbermachen bietet hierzu Alternativen. Wir stellen her, reparieren, pflanzen an und schenken den Dingen einen neuen Wert. Upcycling ist das Zauberwort, um Ressourcen zu schonen und die Müllberge nicht weiter wachsen zu lassen. Und wenn wir keine Zeit oder Lust dazu haben, kaufen wir Handmade-Sachen von nebenan. Fair produziert, fair gehandelt und auf kurzen Wegen zu uns unterwegs.

... weil Frauen sich mit dem eigenen Business unabhängig machen.

Wir Frauen können heute alles werden, Pilotin oder Herzchirurgin, Anwältin oder Entwicklungshelferin. Und wenn wir Lust darauf haben, dann können wir auch mit selbstgemachten Dingen ein Business starten. Herstellerin sein, Entwicklerin, Händlerin oder Designerin. Wir können Kurse geben und anderen zeigen, wie man näht, einkocht oder tolle Texte schreibt. Unser eigenes Business wird alles von uns abverlangen: unseren persönlichen Einsatz, unseren Mut und unsere Leidenschaft. Wir lernen alles Nötige über Marketing, Steuerangelegenheiten und Internetrecht. Ein solches Business kann eine gute Chance sein, Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Und es macht uns unabhängig und kann zu unserer ganz eigenen Erfolgsgeschichte werden.

"Handmade" ist ein wachsender Wirtschaftszweig und eine neue Bewegung, die immer mächtiger wird. Ob als sinnstiftendes Hobby oder kreative Berufung, Selbermachen macht glücklich und lässt uns ein Stück weit selbst entscheiden, wie wir als Konsumenten handeln wollen.

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