"Hilfe, ein Häkeldiplom!" Oder warum der DIY-Trend ein Ende haben muss

Dass sie die Einzige ist, die Schminktäschchen, Mützen und Strampler nicht selbst bastelt, nervt Heide Fuhljahn. Warum der DIY-Trend für sie ein Abgesang auf den Feminismus und eine narzisstische Dauerbelästigung ist, sagt sie in unserer Leserkolumne "Stimmen".

Was ist schon ein herausoperierter Tumor gegen ein selbst genähtes Täschchen? Mit außen roten Kirschen, innen grünweiß kariert? Süß, oder? Echt süß! Meine Freundin Alex bekam zum Geburtstag sieben solcher Taschen. Obwohl sie nur Wimperntusche benutzt und ausgebildete Schneiderin ist. Das sind die Schenkenden leider nicht. Doch genau deswegen liegen Handarbeiten von Laien, cooler DIY, so was von im Trend. Strickanleitungen auf Youtube, stetig sprossende Blogs; sogar die BRIGITTE Woman präsentierte Anfang 2014 auf sechs Seiten Frauen mit ihren Bastelhobbys. Ein Zitat: "Beim Häkeln bin ich tiefenentspannt." Prima, könnte man jetzt sagen. Macht nach Feierabend, was ihr wollt. Frauen haben freie Zeit, ein feministischer Wert. Tja, wäre es so simpel, wäre diese Kolumne jetzt am Ende.

Doch die alpakaweiche Bewegung tritt die Gleichberechtigung ins Knie. Denn all die Blogs und Artikel und Prodüktchen, sie bedienen abwertende Mädchen-Klischees. Meist in Pastellfarben gestaltet, mit Mustern aus den 70ern. Dazu Schreibschrift und Schnörkel. Im Blog-Titel Worte wie Fräulein, Feen, Zauber und Seele; im Online-Shop das Versprechen, alles wurde "mit ganz viel Liebe hergestellt". Im Zentrum: das traute Heim. Gefühlsduselei, mangelnde Fähigkeit zur Abstraktion, Hausfrauen-Kleinklein, wenig Wissen: Das wurde Frauen, als sie noch darum kämpfen mussten, Wissenschafterlinnen zu werden, vorgehalten. Heute definieren sie sich stolz über Babyfotos und mit Äpfeln bedruckte Geschirrhandtücher: Loriots Jodeldiplom.

Basteln wird oft als Freizeitfreude betitelt, dabei möchten die meisten, seien wir ehrlich, gern davon leben, siehe dawanda.de und Co. Heute könnten Frauen Pilotin werden oder Verlegerin - aber das ist ja so anstrengend! Da muss man jahrelang lernen, durch Prüfungen fallen, sich aufrappeln, konkurrieren, Kompromisse machen, Frust aushalten - und wozu? Damit man sich eingestehen muss, leider keine bedeutende Künstlerin zu sein? Wenn ich das Grundstudium verkacke, lobt mich keiner. Wenn ich als weltbeste Zehnkämpferin fitter bin als die Profifußballer, interessiert es aber auch fast niemanden. Wie nur den Drang nach Publikum stillen? In einer Gesellschaft, die den Boulevard und das Proletariat feiert, wäre es richtig dumm, keine DIY-Queen zu werden, oder? So entstehen überall Wollmäuse.

Liberal gemeint könnte ich erneut sagen: Wie es euch gefällt. Doch da ist noch der mit dem Boom einhergehende Narzissmus. Es ist AD, ohne H, aber mit S. Das Wesen von Narzissten liegt darin, von der Umgebung konstant Bestätigung abzuschlürfen. Dabei geht es den Heimwerkerinnen nur begrenzt darum, Babysöckchen zu stricken oder "die weltbeste" Schokoladentarte zu backen (was Oma früher nebenbei erledigt hat). Die Taube in ihrer Hand ist die Aufmerksamkeit, mit der andere Frauchen und viele Medien sie pampern. Leider ist diese Trend-Welle so mächtig, dass auch ich mit Infos über Maulbeerseide und Klebedeko niedergeklöppelt werde. Obwohl ich (scheinbar) nur seriöse Medien lese und keinen Mutti-Blog abonniere. Da das nicht genügt, baue ich hiermit eine Mole, auf der steht: Bastelt gern, vor allem für euch. Aber lasst mich in Ruhe mit eurem selbstverliebten Pipikram!

Leider sind narzisstische Frauen sehr manipulativ. Da wird das Kind vorgeschoben, um das von Mama genähte Kleidchen zu präsentieren. Da wird kokettiert, dass alles "ganz einfach" ist - man kann sich ja trotzdem als Expertin fühlen. Um sich Designerin zu nennen, braucht man kein Studium, Kunst-Leistungskurs reicht. Und überhaupt, Raumgestalterin, Grafikerin, Köchin, Fotografin, da kann frau nicht authentisch kreativ sein, sprich: sich ausleben. So huscht sie lieber ins Kämmerchen, wo jenseits der Haustür keine klugen Kolleginnen, gläsernen Decken und Testosteron-Meetings lauern.

Kreativ-Sein ist der neue vorgetäuschte Orgasmus - wenig Anstrengung, viel Bohei. Die Aufmerksamkeit scheint das zu kurz gekommene Kind-Ich zu befriedigen. Wenn mir die Tochter einer Freundin ihr Krickelkrackel zeigt, ("Guck, hab ICH gemacht!") lobe ich sie aufrichtig. Sie ist vier. Aber 35-Jährige? Die stöhnen, dass ihr Alltag soooo stressig ist; im Job fehlt die Erfüllung, nachts der Schlaf. Auch müsste man viel mehr Zeit haben, um mit den Kids zu spielen. Und das mit den Näherinnen in Bangladesch, ganz, ganz schrecklich. Also posten die Gestressten: "Ich liebe meine neue Brille!".

Die weibliche Mittelschicht strebt offensichtlich nach einem Sinn, privat und beruflich. Früher hieß der: Cafébesitzerin, Yogalehrerin, Coach oder Heilpraktikerin. Heute: selbst gemacht. Die Frauen der Medienbranche bringen die richtige Qualifikation mit. Sie können Befindlichkeiten organisieren, wissen, wie man niedere Instinkte anspricht und ein überteuertes Produkt verkauft. Logischerweise folgen sie ihrer Berufswahl: Wo sonst erreicht man so viel Öffentlichkeit für so wenig Können? Jede Blondschleiche kommt ins Fernsehen, jede weiß, wie man sich vermarkten muss. Kinderbücher, Kochfibeln, Shows; Ratgeberin, Laien-Fotografin - dem muss kein Diplom oder Bewerbungsgespräch im Wege stehen! Alles ein bisschen vegan oder fair oder regional, schwupp, ist die Sinnfrage beantwortet.

Gleiche Rechte, Blogs, Artikel, Öffentlichkeitsarbeit - das könnten Grundlagen von Revolutionen sein. In Nordkorea, Saudi-Arabien, der Ukraine ... In Deutschland schreiben meist Männer politische Blogs. Die aktive, unbequeme Gestaltung unserer Gesellschaft ist bei zu vielen Frauen out, ob es nun um ihre Freizeit, Rente oder die Bezahlung von Altenpflegerinnen geht. Das System lässt sich eh nicht ändern, und alles ist kompliziert. Diese Kriege überall, schlimm, schlimm.

Der Widerstand motzt jetzt: Die Welt ist nicht gerecht! Engagement und Leistung werden zu selten belohnt! Stimmt. Leider! Der zehntausendste Verbandswechsel - sich dafür im Klinikalltag aufreiben? Einen an Kinder dealenden Heroinhändler anklagen - dafür 50 Ordner lesen? Einen größeren Zusammenhang erkennen, genau deshalb kämpfen? Kann Vatti doch machen. Strickliesel liket derweilen eine Poetry-Slammerin, die an die Endlichkeit erinnert, und macht sich dann auf den Weg zum Yoga-Bauch-Beine-Po.

Gerade weil es noch so viel zu erringen gibt, interessieren mich Frauen wie Dr. Anne Merkt. Die kennt kaum jemand. Obwohl die Psychologin, 29, nett aussieht und semi-professionell Mixed Martial Arts beherrscht. Am 27. September kämpfte sie in Hamburg. Im Käfig. Für die Papierfetischistinnen: zu viel Schweiß, zu hart, zu gefährlich, zu unweiblich, zu extrem. Darüber diskutiere ich gern. Aber woher kann Anne wohl so gut für sich einstehen? Wie groß sind ihre Chancen gegen eine versuchte Vergewaltigung? Wird sie später dazu beitragen, dass Jobs frauenfreundlicher werden - wovon eure Töchter profitieren? Und was wäre passiert, wenn ihre Mutter sie nicht beim Ballett ab- und beim Ju-Jutsu angemeldet hätte?

Eine Kursbeschreibung des Wollfestes in Hamburg endete mit dem Satz: "Ihr werdet danach Frau über Schere und Wolle sein!" Liebe Mütter, sagt bitte nie über eure Tochter: "Die will ja nur Aufmerksamkeit." Guckt vorher mal ins Internet - dann seht ihr, wo das endet.

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Heide Fuhljahn, 40, ist Journalistin. Schon als Schulkind fand sie Handarbeiten langweilig und setze durch, dass sie als erstes Mädchen am Werkunterricht teilnehmen durfte. 2013 erschien ihr Brigitte-Buch "Kalt erwischt" über Depressionen. Aus diesem liest sie regelmäßig in Krankenhäusern und Bildungswerken.
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