Ich hatte eine Hirnblutung – und genieße trotzdem mein Leben!

Nicole erlitt eine Hirnblutung und ist seitdem linksseitig gelähmt. Hier erzählt sie, wie sie schafft, ihr Leben wieder zu genießen - trotz Behinderung.

Am 11. November 2011 traf es mich: Ich kehrte spät von einem Besuch bei Freunden heim, konnte aber nicht einschlafen, weil mich ein stechender Schmerz im rechten Auge im Bett hochfahren ließ. Der Schmerz machte mir Angst, ich stand auf - und fand mich auf dem Teppich liegend wieder, auf der linken Körperseite. Ein Arm schaute unter meinem Körper hervor, der mir vertraut erschien. Natürlich war er mir vertraut - es war mein Arm. Nur: Ich spürte ihn nicht, er reagierte nicht mehr auf die Signale, die mein Gehirn ihm sandte.

"Gehört der Arm da zu mir?"

Ebenso sah es mit dem linken Bein aus. Aber das rechte Bein, das gehorchte noch. Ich trat so lange gegen die Schlafzimmertür, bis mein Lebensgefährte mich hörte. Zum Glück konnte ich sprechen. „Gehört der Arm da zu mir?“, fragte ich, das weiß ich noch. „Ja, das ist dein Arm“, sagte er. Und: „Schatz, du hast einen Schlaganfall!“

Er rief den Notarzt, der sehr schnell kam und sehr fürsorglich mit mir umging. Während er mich behandelte, wurde ich bewusstlos. Als ich erwachte, war ich in einer Klinik und es waren vier Tage vergangen. Ich erinnerte mich vage daran, was passiert war. Inzwischen hatten die Ärzte mich durch das MRT geschoben. Ergebnis: Es war kein Schlaganfall, sondern eine Gehirnblutung. In der rechten Gehirnhälfte war eine Arterie geplatzt, das unter Druck austretende Blut hatte Nervengewebe zerstört, das für die Steuerung der linken Körperhälfte zuständig ist. Ich war linksseitig gelähmt. Wer mir diese schreckliche Diagnose mitteilte, daran erinnere ich mich nicht mehr.

Sobald ich einigermaßen wach war, begann die Physiotherapie. Erste Übung: aufrecht sitzen, auf dem Bettrand. In diesen Tagen entwickelte ich einen tiefen Respekt für Babys – das aufrechte Sitzen war so unfassbar schwer und anstrengend, und diese kleinen Wesen lernen das so nebenher – Wahnsinn! Einige Wochen später konnte ich wieder laufen, wenn auch nur mit Angst und Unsicherheit.

Seine Unterstützung machte mir Mut

Mein Lebensmann war die ganze Zeit bei mir und erklärte mir immer wieder, dass wir das schaffen könnten und nur den Mut nicht verlieren dürften. Das haben wir auch bis heute nicht getan. Das erste halbe Jahr verbrachte ich in Reha-Kliniken, an Ostern 2012 durfte ich wieder nach Hause gehen. Der Liebste hatte in der Zwischenzeit sein Grafikbüro im Erdgeschoss ausgeräumt und ein Jugendbett hineingestellt, aus dem ich bequem aufstehen konnte, wenn ich zur Toilette musste. Er installierte sogar ein Babyphon, da ich zu dieser Zeit noch epileptische Anfälle hatte, bedingt durch die Narbe, die die Blutung auf der Oberfläche meines Gehirns hinterlassen hatte.

Ermutigt durch seine Unterstützung und die Freude unserer Katzen über meine Rückkehr, lernte ich täglich etwas dazu: neue Handgriffe, die drei Stufen vor unserer Haustür in den Hof hinunter gehen, den Wasserkocher füllen und einschalten, um mir einen Tee zu machen. Mit der Zeit zogen neue Dinge in unseren Haushalt ein: Salz- und Pfefferstreuer mit Batteriebetrieb (für den Einhandgebrauch), ein fahrbarer Servierwagen, damit ich meinen Tee zum Sofa bringen konnte (heute kann ich das freihändig). Außerdem diente der Wagen bald dazu, mir beim Ein- und Ausräumen der Spülmaschine zu helfen. Vor der Blutung war ich Linkshänderin gewesen, nun lernte ich schnell, eine geschickte Rechtshänderin zu sein.

Wir wachsen in das neue Leben hinein

Beim Thema „Behinderung“ ist der erste Gedanke häufig der an umständliche Umbauten, vor allem im Bad. Griffstangen neben der Toilette, der Badewanne, eventuell Diskussionen mit dem Vermieter – das klingt nach viel Mühe und Umstand, doch zum Glück kam mir eine Idee, über die ich immer noch sehr froh bin: Im Baumarkt kauften wir Tragegriffe für Glasscheiben. Das sind Plastikgriffe, die an beiden Enden Saugnäpfe haben. Die halten auch auf glatten Fliesen und sind recht preisgünstig. Einen dieser Griffe nehme ich immer mit in den Urlaub, so kann ich in jeder Ferienwohnung und allen Hotelzimmern problemlos in die Dusche steigen.

Welche Änderungen im Wohnumfeld nötig sind, ergibt sich mit der Zeit von allein. Vieles findet sich über Amazon, wenn man dem Suchwort den Begriff „einhändig“ hinzufügt. Wir sind langsam in diese neue Situation hineingewachsen. Wir – einige Freunde leider nicht ...

Wie andere auf meine Behinderung reagieren

Ich habe zwei Freundinnen verloren, die mir sehr wichtig waren. Sie haben den Kontakt einschlafen lassen. Natürlich tut das weh, aber ich denke, dass sie mit der Situation einfach überfordert sind und die Behinderung ihnen Angst macht, dass sie nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. Ich bin traurig darüber, aber ich bin ihnen nicht böse.

Interessant ist, wie die Menschen hier im Dorf, in dem wir leben, mich wahrnehmen. Ich habe einen elektrischen Rollstuhl, mit dem ich längere Strecken zurücklege, da ich nicht lange ohne Pause laufen kann. Mit dem E-Rolli bin ich ein bekannter Anblick und werde oft nett begrüßt, wenn ich durchs Dorf rolle. „Schön, dass du rausgehst und nicht nur zu Hause sitzt“, höre ich dann oft. Ja, das ist das Bild: die behinderte Frau, die daheim sitzt und die Wand anstarrt.

Ich kann mein Leben wieder genießen!

Nicole Borheier (54) ist ein Ruhrpottkind und lebt mit ihrem "Lebensmenschen", zwei Katzen und einem Hund auf dem Land bei Worms. Sie ist anglophil, lebt vegetarisch/vegan und arbeitet als Reiki-Lehrerin.

So ist das nicht. Ich lese sehr viel und habe vor Kurzem begonnen, meine Arbeit als Reiki-Lehrerin wieder aufzunehmen. Außerdem schreibe ich gerade an einem Schlaganfall-Ratgeber für Betroffene und deren Familien und Freunde. Natürlich bin ich traurig über die körperlichen Einschränkungen, aber ich habe es geschafft, mein Leben wieder zu genießen: Wir gehen immer noch gern essen, machen Ausflüge, besuchen Ausstellungen, gehen ins Kino, machen schöne Urlaube.

Die Beziehung zu meinem Partner ist noch enger, noch inniger geworden. Ich bin hineingewachsen in dieses neue, seltsame Leben. Es hat mir gezeigt, wieviel Kraft in mir steckt, von der ich nichts wusste. Das macht Mut. Ich möchte die Behinderung positiv nutzen, um anderen Betroffenen mit meinen Erfahrungen zu helfen.

Den Jahrestag dieses Ereignisses feiern wir heute als meinen „zweiten Geburtstag“ – letzte Woche wurde ich vier.

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