Party? Nein danke! Warum ich keine Lust habe, auszugehen

Der Ausgehzwang am Wochenende macht Sarah verrückt. Warum darf man nicht einfach mal seine Ruhe haben wollen? Introvertiert zu sein, ist nicht immer leicht.

„Und, was machst du so am Wochenende?“ Ok, heute drücke ich mich um die Antwort nicht herum. Aber um es vorweg zu nehmen: Ich werde nicht antworten, dass ich feiern gehe oder irgendwelche anderen Ausgehpläne habe. Meine Antwort wird eine andere sein. Und das liegt daran, dass ich introvertiert bin. Für manche wirke ich damit wie ein Mensch vom Mars. Ich dagegen finde mich ziemlich in Ordnung so.

Ständig dieses: „Wie, du gehst nicht feiern heute Abend, ist doch überall was los?“ Genau das sind die Reaktionen, die mich zum Marsmenschen machen. Warum bekomme ich nach meiner üblichen Antwort nur immer diese mitleidigen Blicke zugeworfen?

Liebe Extrovertierte, wenn ihr euch bitte mal die Mühe machen würdet, meine Perspektive einzunehmen. Meine Seite der Medaille ist nicht trist und langweilig, sondern ebenso bunt und fröhlich wie eure. Mir fehlt es an nichts – außer eurem Verständnis und eurer Toleranz.

Welche Situationen genau für mich schwierig sind? Nun, das ist in vier simplen Beispielen erklärt – und wenn ihr die dann kennt, wäre es toll, wenn ihr mich nicht länger wie ein Marsmännchen behandelt.

1. Wie, du gehst heute nicht feiern?

Sarah ist 27 Jahre alt und arbeitet als Marketing Manager in Berlin. In ihrer Freizeit schreibt, kocht und fotografiert sie für ihren Blog www.epicee.de. Die Küche ist der Raum, der ihr nach einem lauten und anstrengenden Tag Ruhe schenkt.

Egal, ob ich zum Ausgehen eingeladen werde oder privat mit viel lauter Musik und viel Flüssignahrung das Wochenende genießen soll – das wird nicht funktionieren. Und, das ist jetzt ganz wichtig: Ich sage nicht ab, um dich zu beleidigen oder dich in deiner Rolle als Gastgeber zu kränken.

Warum also mache ich das?

Stell dir mein Engergielevel einfach mal als einen Benzintank vor. Morgens ist er gut gefüllt, doch schon während ich zur Arbeit fahre, verliere ich jede Menge Treibstoff, weil alles da draußen so trubelig und furchtbar laut ist. Doch die Fahrt geht weiter. Im Büro gibt man dann vielleicht auch noch hier und da ein bisschen Treibstoff an die Kollegen ab, um zu helfen und auch das eigene Gehirn verbraucht einen Haufen Energie, um die Konzentration in der lauten Umgebung aufrecht zu erhalten. Dann ist Feierabend – und auch die Rückfahrt verbraucht wieder ein bisschen Kraft. Zu Hause angekommen, ist der Tank fast leer. Und damit die Energiereserve, die ich für Aktivitäten mit viel Lautstärke und viel Trara gebraucht hätte.

Ja, manchmal frustriert es mich, dass mir die Energie für den Dschungel da draußen fehlt. Aber ich funktioniere eben einfach anders. Wenn ich mich in die Küche stelle und für Freunde koche, dann erst entspanne ich mich. Dann verbringe ich einen schönen Abend – mit weniger Menschen, aber guten Freunden.

2. Ich kann nicht so lange vorplanen

Das Leben ist eine Ansammlung von zufälligen Ereignissen. Ich möchte nie das Gefühl haben, etwas verpasst zu haben – auch wenn ich das eigentlich öfter tue. Zumindest in den Augen der Außenstehenden. Wenn du mich fragen solltest, ob ich in sechs Monaten an dem Freitag um 19 Uhr Zeit habe, kann ich dir meistens nur ans Herz legen, mich zwei Tage vor dem Event nochmal anzusprechen oder besser noch: am gleichen Abend. Ich plane meine sozialen Aktivitäten nicht im Voraus, weil ich mir meine Freiheit bewahren möchte. Denn ich weiß nie, wie voll der Tank am Ende des Tages oder der Woche noch sein wird.

3. Bitte keinen Smalltalk!

Oberflächliche Gespräche geben mir oft das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Tief im Inneren sehne ich mich nach sinnhaften Konversationen. Natürlich weiß ich um den Nutzen und die Vorteile des Smalltalk, aber das nur, wenn ich die Menschen nicht länger als eine halbe Stunde kenne. Ich möchte dich besser kennenlernen, ich möchte mit dir auf einer Welle schwimmen und mich darüber freuen, etwas dazu gelernt zu haben. Das ist der Grund, warum ich tiefgründige Gespräche liebe – und die kann man nicht bei lauter Musik im Club führen. Mich faszinieren Menschen, die sich trauen, etwas Persönliches von sich zu erzählen. Und auch an dem interessiert sind, was mich bewegt. Diese Momente sind oft still und finden nicht in Gruppen statt – und doch sind sie nachhaltiger als jede durchzechte Nacht.

4. Ich bin meine eigene Tankstelle

Ich komme noch einmal zum Benzintank zurück. Wenn wir bei diesem Bild bleiben, dann erkläre ich mich am besten, wenn ich sage: Ich bin meine eigene Tankstelle. Ich tanke Energie, indem ich mit mir alleine bin – zu Hause. Und wenn du trotzdem versuchst, mich auf eine gemütliche Runde einzuladen, wird mir das nicht helfen aufzuladen. Es ist, als würdest du Diesel in den Benzin-Tank kippen. Es mag komisch für dich sein, aber ich bin mir meist selbst genug und brauche diese Zeit, um am nächsten Morgen wieder loszulegen.

Ständig bin ich hin- und hergerissen zwischen meinem Bedürfnis nach Ruhe und den Ansprüchen, die die Gesellschaft an mich stellt. Viel Zeit alleine zu Hause zu verbringen, ist für mich ein Grundbedürfnis.

Ich tanke auf, indem ich kreative Dinge tue. Rezepte entwickeln, kochen, zeichnen, schreiben und lesen, mich inspirieren lassen, Pläne schmieden und über Träume nachdenken. Ich kann wahnsinnig gut allein sein und das ist überaus positiv, wie ich finde. Ich weiß ja, dass all die lieben Menschen da sind, um mich herum sind – wenn auch nicht genau in diesem Moment. Das macht aber nichts.

Ich laufe zur Höchstform auf, wenn ich die Wohnung für mich habe. Denn dann kann ich so richtig ich selbst sein. Ich gehe früh morgens joggen, ich arbeite meine To-Do-Listen ab, räume die Wohnung auf und stoße neue Projekte an. Das ist Erfolg und macht mich glücklich. Denn Glück hole ich mir aus meinem Inneren - und nicht von außen.

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