Steffi von Wolff: "Ist Verzeihen wirklich immer so schlau?"

Steffi von Wolff

Bestsellerautorin Steffi von Wolff fand Verzeihen immer gut. Inzwischen hat sie erhebliche Zweifel daran, ob  Vergeben die bessere Wahl ist.

Eigentlich verzeihe ich ja gern

Natürlich verzeihe ich. Sogar gern. Jeder kann mal einen Geburtstag vergessen oder es versäumen, auf eine Einladung zu antworten. Es ist auch kein Weltuntergang, wenn man im Gedränge auf einer Party ein Bier oder Gulaschsuppe über die Rübe gekippt bekommt. So was passiert.

Aber seit einiger Zeit – vielleicht liegt es am Alter, keine Ahnung – setze ich Grenzen. Noch bis vor Kurzem habe ich jedem eigentlich alles verziehen. Wenn ich mein verliehen habe und der Tank leer ist, wenn ich es wiederbekomme. („Ach so, ja, Tschuldigung.“) Wenn ich heulend angerufen werde, weil Jan sich mal wieder „so schlimm“ benommen hat und Ina sich trennen will, diesmal ganz sicher, und ich alles stehen und liegen lasse, um zu Ina zu fahren, woraufhin mir ein strahlender Jan die Tür öffnet und Ina sagt: „Wir lieben uns.“ „Äh, ich bin extra hergekommen.“ „Ach so, ja, Tschuldigung.“ Auch das hab ich verziehen.

Viele Menschen denken, sie könnten sich alles erlauben

Dabei geht das eigentlich gar nicht. Viele Menschen denken, sie können sich alles erlauben. Und wenn sich herausstellt, dass sie einen Fehler gemacht oder anderen geschadet haben, heißt es schnell: „Tschuldigung.“ Das ist nicht echt, wie ich seit geraumer Zeit finde.

Ich finde nämlich, eine Entschuldigung sollte a) von Herzen kommen und b) kommt es darauf an, für was man sich entschuldigen möchte. Ein bisschen Nachdenken wäre vielleicht schön, man nennt es Wertschätzung, wenn man sich überlegt, wie man etwas wiedergutmachen kann. Das ist weder spießig noch anbiedernd, sondern, um es mit den Worten meiner Oma zu sagen: „Das gehört sich so.“

Mittlerweile gibt es Entschuldigungen, die ich nicht annehme

Mittlerweile gibt es Entschuldigungen, die ich nicht mehr annehme, Menschen, denen ich nicht mehr verzeihe. Das ist ein großer Schritt, und der Anlass muss natürlich entsprechend unverzeihlich sein, wobei da auch jeder anders tickt, das ist klar.

Manchmal tut Nicht-Verzeihen gut

Letztens unterhielt ich mich mit einer Freundin über dieses Thema, und sie sah es genauso wie ich. Ihr Vater war gestorben und ihr Bruder, der den Schlüssel zu der Wohnung hatte, ist klammheimlich dort hin und hat alle Wertgegenstände, Erinnerungsstücke und Bargeld geklaut. Und dann noch behauptet, sie habe das genommen. „Ich habe den Kontakt abgebrochen. Vor einiger Zeit kam er wieder an und hat sich entschuldigt, er wolle alles wieder gutmachen. Aber das war zu spät. Ich habe die Entschuldigung nicht angenommen. Seitdem geht’s mir besser.“

In diesem Fall kann ich verstehen, dass Verzeihen nicht immer richtig ist, auch wenn man sich vielleicht sagt: Ach komm, dann verzeihe ich und hab meine Ruhe, es ist doch doof, sich weiter zu ärgern. Nein, manchmal ist das Nicht-Verzeihen auch ein sehr guter Abschluss.

Könnte ich ihr verzeihen?

Ich zum Beispiel hatte eine langjährige Freundin, und habe ihr wahres Gesicht leider erst kennengelernt, als es mir eine Zeitlang sehr schlecht ging. Plötzlich ging sie auf Abstand. Ich funktionierte wohl nicht mehr so wie gewohnt. Sie hat mich richtig fallengelassen, und ich hab auch erst noch den Fehler bei mir gesucht. Eine Bekannte meinte damals zu mir: „Du hast ihr einfach nicht genützt, sieh es bitte so, wie es ist.“

Das war nicht schön, aber ehrlich.

Mittlerweile bin ich froh, dass sie aus meinem Leben verschwunden ist, und ich habe kürzlich nochmal drüber nachgedacht, wie ich reagieren würde, wenn sie sich für alles entschuldigen würde. Könnte ich ihr verzeihen?

Aber dann dachte ich: Es ist völliger Quatsch, darüber nachzudenken. Diese Größe hätte sie eh nicht. Und ohne sie geht es mir sowieso besser.

Steffi von Wolff: "Später hat längst begonnen"

Die Autorin: Steffi von Wolff war lange Jahre beim Radio, bevor sie 2003 ihren ersten Roman herausbrachte. Ihr neuestes Werk heißt "Später hat längst begonnen"; darin geht es um zwei Frauen, die es zusammen nochmal richtig krachen lassen, bevor das Unabänderliche passiert.

selbst lässt es mittlerweile fast nur noch beim Schreiben krachen. Sie ist am liebsten daheim und macht es sich gemütlich mit Rotwein, einem leckeren Essen - und einer schönen Serie!

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