Steffi von Wolff: Wie viel Wahrheit braucht das Leben?

Kommen Lügner wirklich in die Hölle? Oder ist Lügen nicht sogar die bessere Wahl, wenn es um  gutes Zusammenleben geht?

Wer lügt, kommt in die Hölle. Oder?

Ich lüge, was das Zeug hält. Jeden Tag aufs Neue und gern. Ich bin eine sehr gute Lügnerin, kaum jemand merkt, dass ich ihm lächelnd ins Gesicht lüge. Dabei ist Lügen böse. Das hat der Großteil von uns seit frühester Kindheit erzählt bekommen. Wer lügt, kommt in die Hölle.

Gilt nicht für mich. Weil ich ein guter Mensch bin. Eine Lügnerin, die in den Himmel kommt. Genau so.

Lügen kann nämlich im Zwischenmenschlichen sehr hilfreich sein. Meine Oma zum Beispiel habe ich immer angelogen. Sie war eine herzensgute Frau, die sich für ihre Enkel aufgeopfert hat.

Oma hat gern gestrickt. Leider hatte sie einen Spartick – noch aus dem Krieg – und hat immer die billigste synthetische Wolle genommen, die sie kriegen konnte. Was im Klartext heißt, dass wir Enkelkinder in kratzenden Pullovern herumliefen, die auch noch schreckliche Farben hatten, weil in den 70ern ja dieses furchtbar Knallige „in“ war. Wir haben schon beim Anziehen dieser Sachen geschwitzt, weil dieser Stoff und auch die Zeit das Adjektiv atmungsaktiv nicht kannte, aber dann sahen wir in Omas lächlendes, stolzes Gesicht und hätten es nie übers Herz gebracht, etwas gegen die grauenhaften Pullis zu sagen. „Danke Oma, der ist sehr schön“, lügten wir.

Ich finde, es gehört sich, zu lügen, wenn es angebracht ist

Leider hat mein Sohn das im Kleinkindalter nicht beherzigt. Er fragte die Metzgersfrau mal: „Warum bist du denn so hässlich?“ und einen etwas korpulenten Mann: „Schnaufst du, weil du so dick bist?“ Kindermund tut Wahrheit kund, keine Frage, aber alles zu seiner Zeit.

Meiner Meinung nach sollte man dann lügen, wenn alles andere das Gegenüber bloßstellt oder schlicht verletzt. Manchmal kann das eine Gratwanderung sein. Wenn eine Freundin mit zwanzig Kilo zuviel auf der Waage stolz lächelnd in einem absolut unvorteilhaften Brautkleid (ich sag nur Puffärmel) vor einem steht – was soll man dann sagen? Irgendwie diplomatisch reagieren, denk ich mal, sie aber keinesfalls mit diesem Kleid losziehen lassen. Also da ist eine intelligente Lüge angebracht.

Einen ganzen Tag nur die Wahrheit sagen? Furchtbar anstrengend!

Ich hab mit dem Hintergrundwissen, dass angeblich jeder Mensch 200 mal am Tag lügt, mal einen, nur einen einzigen Tag versucht, nur die Wahrheit zu sagen. Es war SO anstrengend. Fing schon an mit dem Satz: „Wie geht es dir?“ Anstatt einfach „gut“ zu sagen, sagte ich einfach, wie es war, und das dauerte. Und nervte glaube ich mein Gegenüber.

Fragte mein Mann mich am Telefon: „Alles ok?“, sagte ich nicht: „Ja“, wie sonst immer, sondern begann eine Litanei darüber, dass NIE ALLES ok ist, dass es immer etwas gibt, was nicht ok ist und dass es eine Bekundung von Desinteresse ist, wenn man das fragt, weil man sowieso nur „Ja“ hören will.

Rief meine Freundin mich an, um sich wegen ihres Mannes auszuheulen, hab ich zum ersten Mal nicht mehr gesagt, dass alles wieder gut wird, sondern dass er ein Arschloch sei und schon seit Längerem mal gesagt bekommen sollte, wo es langgeht, weil sonst ist Schicht im Schacht, und dass ich ihn sowieso nicht leiden kann, diesen aufgeblasenen Affen mit seinen rosa Chinos, welche Mann trägt denn bitte rosa Chinos?, und dass er ein Frauennachglotzer ist, und das noch nicht mal diskret, sondern mit Sabber in den Mundwinkeln wie ein Cockerspaniel in rosa Chinos, so, das musste mal gesagt werden.

Am Abend dieses Tages war ich fix und fertig und kam zu dem Schluss: Das kann man alles machen. Man muss dann aber auch mit den Konsequenzen leben und deswegen ist es schlicht bequemer, zu lügen. Jedenfalls manchmal.

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Steffi von Wolffs neuestes Werk heißt HAFENKINO und beinhaltet eine Sammlung der schönsten Geschichten ihrer beliebten Segel-Kolumne in der YACHT.

Eine Frau, ein Mann und ihr Segelboot. Auch für Nichtsegler bestens geeignet, weil's bei denen ja auch manchmal kracht (Delius Klasing, 16,90 Euro).

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