Verwaiste Großeltern - wohin mit der Trauer um das Enkelkind?

Als bei ihrem Enkel Till Krebs diagnostiziert wurde, verlor Brigitte Trümpy-Birkeland den Boden unter den Füßen. Auch, weil sie kaum andere betroffene Großeltern fand, mit denen sie sich austauschen konnte. Warum sie nach Tills Tod beschloss, verwaisten Großeltern beim Trauern zu helfen, erzählt sie in der Leserkolumne "Stimmen".

Brigitte Trümpy Birkeland, 64, aus den Glarner Bergen in der Schweiz ist Verwaltungsfrau im Ruhestand und "liebende Familienfrau". Seit dem Krebs-Tod ihres Enkels Till engagiert sie sich für Familien mit schwerkranken oder behinderten Kindern, sammelt Spenden über ihren Verein Sternentaler und hat das Buch "Sternenkind: Wie Till seinen Himmel fand" geschrieben.

Weihnachten 2006. Mit allergrößter Freude bereitete ich alles vor für ein ganz besonderes Weihnachtsfest. Von den Zehen bis zur Nasenspitze spürte ich neues Glück. Es war mir, nach einem Albtraum wie keinem zuvor, gelungen, neuen Boden unter den Füßen zu finden. Malin, meine damals einjährige Enkelin, hatte als Folge der Masernimpfung eine Hirnentzündung bekommen. Noch vor der Hochzeit ihrer Eltern, zu der wir in die Toskana eingeladen waren, musste sie notfallmäßig ins Spital und später von der Rettungsflugwacht ins Kinderspital Zürich geflogen werden. Es begann eine schreckliche Zeit der Ungewissheit. Die Kleine schrie monatelang, und niemand konnte uns sagen, wie und wann es enden würde. Aus einem kerngesunden war ein schwerstkrankes, traumatisiertes Kind geworden. Mit meiner ganzen Kraft half ich meiner Tochter Kerstin, ihrem Mann Simon und dem dreijährigen Bruder Till, den so schwierig gewordenen Alltag zu bewältigen. Es war ein unendlich anstrengender Weg voller Hindernisse und Herausforderungen. Aber jetzt war klar: Malin hatte es geschafft, wieder gesund zu werden. Es fühlte sich an, als wäre sie uns zum zweiten Mal geschenkt worden. Und in tiefster Demut und Dankbarkeit nahmen wir dieses Geschenk an. Wir feierten in einem Kerzenmeer, und das Bewusstsein, dass uns ein Wunder passiert war, verlieh diesem Fest Glanz und Tiefe wie keinem zuvor.

Ein Tag später nur wurde dieser fragile Boden wieder wie von einem Tsunami zerschmettert. Völlig unerwartet wurde bei unserem Till die Diagnose Hirntumor mit Metastasen gestellt. Erbarmungslos kippte uns das Leben erneut aus unserem gerade erst wiedergefundenen Alltag hinaus. Schier besinnungslos vor Angst und Schmerz landeten wir auf "Planet Onko". Auf dieser Station der kleinen, kahlen Köpfe und der aufgedunsenen Cortisongesichtlein. "Dort, wo die vom lieben Gott vergessenen Kinder sind", schrieb mein Bruder in unendlicher Betroffenheit. Wir begannen mit Till um sein Leben zu kämpfen, und uns war sofort klar, dass wir Hilfe brauchten. Kerstin verschickte schon in der ersten Nacht eine SMS an ihr ganzes Adressverzeichnis: Till hat einen Hirntumor, und wir schaffen das nicht allein. Der Operation folgten Chemos und Bestrahlungen. Alles war anders jetzt, nichts mehr voraussehbar oder planbar. Wir Großeltern standen ganz vorn, wurden gebraucht wie nie zuvor. Und trotzdem ging es nicht ohne Unterstützung vieler wunderbarer Menschen, die ihre Angst vor Krebs und Tod über Bord warfen und einfach anpackten.

Till mit seiner Schwester Malin

Lange blieb es mir unvorstellbar, wie man so einen Albtraum überleben kann. Mich quälte wie besessen die Idee, mein Leben gegen Tills eintauschen zu wollen. Aber da war ja niemand für diese Art von Handel. Die Vorstellung, ich als Großmutter müsse vielleicht meinen Enkel überleben, stürzte mich in tiefste Verzweiflung. Anzunehmen und sich zu ergeben war ein schwerer, langer Prozess, auf dem ich mir so sehr gewünscht hätte, andere betroffene Großeltern kennenzulernen. Einfach, um von ihnen zu hören und zu lernen, dass und wie es weitergehen kann. Es hätte mir so geholfen, Menschen zur Seite zu haben, die wissen, was so ein Einschnitt im Leben bedeutet. Ich habe überall gesucht nach irgendeiner Anlaufstelle oder einem Angebot für Großeltern, aber nichts dergleichen existierte. Immerhin lernte ich in dieser Zeit zwei Großmütter mit ähnlichen Erfahrungen kennen, und wir konnten uns gegenseitig stützen. Oft sprach die eine aus, was die andere dachte. Und mitten im Sturm konnten wir doch immer wieder auch zusammen lachen. Wir waren im gleichen Boot.

Im September 2010 flog unser innigst geliebter kleiner Mann zehnjährig zu den Sternen. Da war viel Traurigkeit, aber auch Dankbarkeit, dass er seinen geschundenen Körper nun verlassen konnte. Klar war sein Leben viel zu kurz, aber dann doch irgendwie gerundet. Eingepackt in einen Kokon aus pastellfarbener Zuckerwatte blieb seine wunderbare, kleine, weise Seele geschützt und getragen von einem seidenen Netz aus Liebe. Er war bis zuletzt ein glückliches Kind und sagte immer wieder, wie gut es seinem Herz gehe. Vieles hat Till uns gelehrt über Sinn und Unsinn des Seins. So viele kostbare Spuren hat er hinterlassen in uns allen.

Tills Grab

Schon bald war Kerstin und mir klar, dass wir dieser entsetzlichen Sinnlosigkeit eines Kindertodes noch ein zweites Gesicht geben müssen. Eins, das uns helfen wird, das Unerträgliche zu ertragen. Unterstützt von meiner Tochter und ihrem Mann packte ich das Projekt Stenenkinder-Großeltern an, mit dem Ziel, Großeltern schwer kranker oder verstorbener Kinder im deutschsprachigen Raum miteinander zu vernetzen. Ich informierte Fachleute, Fachstellen und Presse, und ihr Interesse hat mich überwältigt. Ich dachte mir, wenn ich nur einer Großmama das sein kann, was ich mir selbst so unendlich gewünscht hätte, reicht das schon aus. Aber es entstand unendlich viel mehr. Immer wieder melden sich Großmütter - und einmal sogar ein Großvater - bei mir, und ich begleite sie. Manchmal nur für ein Telefongespräch oder eine Mail, manchmal mit einem täglichen Gedankenaustausch, Besuch oder gemeinsamen Essen. Es entstanden sogar Freundschaften daraus, sogar mit Sternenkinder-Großeltern aus Bayern, die uns bald wieder für ein paar Tage besuchen werden. Manchmal sind es auch die betroffenen Eltern, welche die Großeltern zu mir schicken, weil sie sich um sie sorgen. Mit Kerstin im Rücken und nach einem Facebook-Kurs der "Großmütter-R(E)volution" von Migros-Kulturprozent wagte ich sogar den Einstieg in dieses umstrittene Medium. Und so entstanden viele neue Kontakte zu jungen Frauen in allen möglichen Lebenslagen.

Jeden Tag schreibe ich auf meiner Seite etwas zu meinen Themen und bekomme so viele wunderbare, mutmachende Echos. Ich spüre, wie viel man bewegen kann, wenn man es wagt, sich zu öffnen und tabuisierte Themen wie Kinderkrebs und Kindertod mit allen Langzeitfolgen öffentlich zu beschreiben. Kerstins Projekt heißt Herzensbilder und macht die Schweiz ein kleines bisschen wärmer. An jedem neuen Tag. Und sogar die inzwischen 12-jährige Malin fand Kontakte zu andern verwaisten Geschwistern mit Sternenkinder-Geschwister. Drei Generationen Frauen zeigen, dass man aus dem Bleischweren, das einem das Leben zugemutet hat, Hoffnung zaubern kann. Die Zukunft liegt für uns in Generationen überschreitenden Lösungen. "Was wir nicht allein schaffen, schaffen wir dann zusammen", wurde einer unserer wichtigsten Sätze.

Till pflegte übermütig zu sagen, die Schweiz sei das beste Land und es habe hier nur gute Menschen. Und er starb mit diesen positiven Bildern im Herz. Damit hat er uns ein Vermächtnis hinterlassen: Allerliebster Till, wir werden dir auch weiterhin zeigen, dass du recht hattest. Dass es so ist, wie du es wahrnahmst. Es gibt so viele gute Menschen, inzwischen auch über die Landesgrenzen hinaus, die bereit sind aufzusteigen, auf irgendein Boot einer Sturmfamilie. Und wenn wir es schaffen, dass wir Menschen dazu bewegen können, hinzuschauen statt wegzuschauen, wenn irgendwo in ihrer Nähe ein neuer Tsunami eine Familie überrollt, dann ist es gut und wunderbar. Dann kann ich sagen... ich bin angekommen!

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