Suizidversuch: "Ich habe mehrfach versucht, mich umzubringen"

Heide Fuhljahn*, 45, hat mehrfach versucht , sich umzubringen. Warum tut ein Mensch so etwas?  

Meine Zeit im Paradies währte nur kurz

Sie begann, als die Tabletten wirkten. Ein Rettungswagen hatte mich ins Krankenhaus gebracht; ich schlief unwillkürlich auf der Liege ein. Die Stunden danach gehören, so pervers es klingt, zu den besten meines Lebens. Denn bis zu diesem Tag empfand ich mein Dasein als Tortur.

Nun war mein Bewusstsein ausgeschaltet: Ich musste nicht fühlen und nicht denken. Paradiesisch! Umso frustrierter wachte ich auf. Trotz der handfesten Überdosis war ich nicht mal zwölf Stunden weg. Und lag nun allein in einem kühlen Zimmer. Alles war wieder da: die Verzweiflung, der Schmerz, die Einsamkeit.

Statt Urvertrauen ist meine Basis Todesangst

Meine Seele litt schon, als ich ein Baby war. In unserer Familie regierten Gewalt und Alkohol. Meine Mama starb, als ich neun war. In der Nacht ihres Todes brachte mich die Polizei ins Kinderheim. Mein Vater kam einmal, er holte mich für die Beerdigung ab. Auch sonst besuchten mich weder Verwandte, Freunde noch Nachbarn.

Nach sechs Wochen nahm mich mein Vater zurück. Er bestellte einen Container und warf alles, was meiner Mutter gehört hatte, hinein. Wir sprachen nie mehr über sie. An meine ersten neun Jahre erinnere ich mich kaum. So eine Amnesie ist ein eindeutiges Zeichen für ein schweres Trauma. Typisch für frühkindliche Störungen ist auch, dass die Vergangenheit zwar wie ausradiert ist, sich die mit ihr verbundenen Gefühle aber fest ins Gehirn einbrennen. Statt Urvertrauen ist meine Basis Todesangst.

Die Folgen: Depressionen, Traumafolgestörung, Binge Eating ...

Bis ich 30 Jahre alt war, funktionierte ich. Dann trennte sich erst mein langjähriger Freund von mir. Ich brach zusammen. In den folgenden sieben Jahren lebte ich überwiegend in der Psychiatrie. Die Diagnosen: Depressionen, Borderline, Traumafolgestörung, Binge Eating, selbstverletzendes Verhalten.

2009 versuchte ich zum ersten Mal, mir das Leben zu nehmen. 2011 wurde ich gerettet, weil eine Freundin die Polizei rief, nachdem ich ihr auf die Mailbox geweint hatte. Wie beschreibt man solchen seelischen Schmerz? Körperliches Leid ist oft sichtbarer. Literweise Blut bei einem Autounfall. Der Rollstuhl bei einer Lähmung; trockene, rote Flecken bei Schuppenflechte.

Die Wunden der Seele bleiben meist verborgen. Ich muss nach außen übersetzen: das Gefühl, dass meine Haut jeden einzelnen Tag mit Schmirgelpapier abgeschliffen wird. Dass ich ein Säugling bin, der panisch "Mamaaaa!" schreit.

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Ich habe keine Angst davor, mich umzubringen 

Die meisten Menschen haben Angst vor dem Tod. Ich fürchte das Leben. Nur als Tote bin ich sicher vor dem Schmerz. Bereits als Kind wollte ich sterben. Ich brachte mich nicht um, weil ich glaubte, ich dürfte es meinem Vater nicht antun. Heute bin ich sicher, dass er nicht traurig gewesen wäre. Auch das kindliche Beten zu Gott brachte keine Erlösung.

Als Erwachsene bin ich vernünftiger - und härter. Wer an Gott oder eine Religion glaubt, an Wiedergeburt, betäubt damit aus meiner Sicht die Angst vor dem Tod. Mich tröstet eine Tatsache, die andere verzweifeln lässt: Nach dem Tod gibt es keine Existenz und kein Bewusstsein mehr.

Warum ich mich nach dem Suizidversuch für das Leben entschied

Am Ende habe ich Glück gehabt. Nach dem Suizidversuch 2011 wurde die Therapie nicht leichter, aber das Verständnis für meine Erkrankung größer. Das Team der Psychiatrie und meine engsten Freunde verstärkten ihr ohnehin schon enormes Engagement. Dazu bekam ich die Chance, mein erstes Buch zu schreiben. Nach der Veröffentlichung führte ich, fast vier Jahre lang, zum ersten Mal ein halbwegs normales Leben mit berauschenden Highlights. Das trug mich, als ich 2016 wieder in eine existenzielle Krise stürzte.

Ohne weit über das Limit dosierte Medikamente und ohne die guten Jahre davor hätte ich nicht überlebt. An jedem einzelnen von über 400 Tagen wollte ich sterben. Doch die Hürden waren höher. Zum einen kommt ein Versuch nicht mehr infrage - ich weiß mittlerweile genau, welche Dosis tötet. Zum zweiten haben mir so viele Menschen geholfen! Darf ich ihnen diesen Schmerz zufügen?

Für das Leben entschied ich mich schließlich, weil ich häufiger die Flashbacks als solche erkennen konnte. Ich hatte einen maximal verbindlichen Therapeuten, der mich nicht verließ. Ich fürchte mich panisch vor dem Alter, dem Verlust von Gesundheit und Menschen. Der Gedanke an Suizid ist weiterhin mein innerer Notausgang. Aber ich bin erst 45. Ich schreibe, treffe Freunde, gehe zum Sport; werde geliebt. Das, was ich mir so qualvoll erkämpfen musste, will ich so lange wie möglich gegen die Vergangenheit verteidigen.

Du hast suizidale Gedanken? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar. Eine Beratung über E-Mail ist ebenfalls möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Heide Fuhljahns aktuelles Buch heißt: "Von Wahn und Sinn. Behandler, Patienten und die Psychotherapie ihres Lebens" (216 S., 19,99 Euro, Springer). Ihr erstes Buch "Kalt erwischt - wie ich mit Depressionen lebe und was mir hilft" wurde jetzt neu aufgelegt. Weiter Infos unter www.fuhljahn.de.

BRIGITTE 04/2019

Wer hier schreibt:

Heide Fuhljahn
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