Eine Türkin nach dem Putsch: "Ich verspüre tiefen Schmerz"

Dilsad Budak-Sarioglu ist als Kind vor einem Militärputsch aus der Türkei geflohen und 30 Jahre später nach Istanbul zurückgekehrt. Hier teilt sie ihre Gedanken über die Lage im Land.

Dilşad Budak-Sarıoğlu floh nach dem Putsch 1980 nach Deutschland. Mit 30 zog die Juristin wieder nach Istanbul und versucht, ihre eigene und die Geschichte ihrer Heimat künstlerisch zu verarbeiten. Sie schrieb gerade ein Theaterstück über eine Familie, die an den Folgen der Militärdiktatur zerbrach, als es einen erneuten Putschversuch in der Türkei gab.


Mein Leben wurde durch einen Militärputsch geprägt

Meine Lebensgeschichte ist mit der Geschichte einer Militärdiktatur verwachsen: Im September 1980 putschte das türkische Militär unter General Kenan Evren. Hauptintention dieses Staatsstreichs war es, das Land von den Linken zu „säubern“. Mein Vater und viele Verwandte waren Gewerkschafter und Aktivisten. Sie wurden verfolgt, festgenommen, gefoltert, umgebracht. Meine Eltern waren untergetaucht, als ich geboren wurde.

Einige Zeit später flüchteten wir und suchten Asyl in Deutschland. Wie genau sich dieses Trauma auf unser aller Leben ausgewirkt hat, ist der Text für einen anderen Artikel. Halten wir nur fest, dass der „September-Putsch“ der rote Faden meines Lebens ist. Umso weniger konnte ich seit jeher die Ignoranz des türkischen Volkes gegenüber diesem Trauma unserer jüngeren Geschichte verstehen. Damit nicht genug, wurde ich ständig dazu ermahnt, nicht zu viel darüber zu sprechen, da ein Großteil der Türken hinter diesem Putsch gestanden hatte und in seinen Gegnern gerne „Vaterlandsverräter“ sah.

Als ich fast dreißig Jahre später von heute auf morgen nach Istanbul zog, wusste ich insgeheim, dass diese Entscheidung etwas mit genau dieser Geschichte zu tun hatte. Die Vergangenheit verfolgt uns, bis wir uns mit ihr auseinandersetzen und die Wunden heilen.

„Demokratisierung“ heißt in der Türkei: Ausschaltung von Gegnern

Die politische Situation der Türkei war zu dem Zeitpunkt - mal wieder oder noch immer - sehr kritisch. Erdoğan und die Gülen-Bewegung waren stärker denn je, schalteten gerade, übrigens unter großem Beifall westlicher Medien, mit Scheinprozessen und unter dem Vorwand der Demokratisierung oppositionelle Militärs, Journalisten und Juristen aus. Doch immer, wenn in diesem Land von „Demokratisierung“ gesprochen wird, werden meine Ohren ganz spitz. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass damit stets die Befreiung von unliebsamen Gegnern durch die derzeitigen Machthaber gemeint ist.

Im Land herrschte eine Atmosphäre der Angst. Dennoch habe ich meinen Umzug in die Türkei zu keinem Zeitpunkt bereut. Ich wusste, dass die aktuellen Zustände auch Konsequenzen nicht aufgearbeiteter Geschichte waren, insbesondere einer Geschichte von Militärdiktaturen. Ich merkte auch schnell, dass ich das Land teilweise besser kannte, als die „Einheimischen“. Das war erschütternd. Die mangelnde Bildung der in AKP-Anhänger und Gegner gespaltenen Bevölkerung war der ideale Nährboden für Machtkämpfe innerhalb verschiedener Gruppierungen im Staat.

Beim Putschversuch saßen wir im Café am Bosporus

In der Nacht des 15. Juli saßen wir ahnungslos in einem Café mit Blick auf die soeben militärisch besetzte Bosporus-Brücke, als die ersten Anrufe verwirrter Freunde kamen, die glaubten, ich wüsste genug über Politik, um ihnen eine erste Einschätzung der Lage durchgeben zu können. Noch gab es keine offizielle Aussage, nur Spekulationen.

Dann ging alles sehr schnell. Wir hatten keine Zeit mehr nach Hause zu fahren, also suchten wir Unterschlupf bei meinen Schwiegereltern. Diese wohnen gegenüber der Börse und in der Nähe des Amerikanischen Konsulats und des Polizeipräsidiums. In kurzer Zeit waren deshalb alle Zufahrten zum Viertel von Panzern versperrt. Wir saßen fest und verfolgten das Geschehen im Fernsehen.

F16-Jets, die im Tiefflug über unser Dach düsten, Schallbomben und Schüsse, begleitet vom ununterbrochenen Aufruf des Muezzins zum Gebet und Kampf, waren die Geräuschkulisse einer langen Nacht. Was mich am meisten wunderte: Obwohl sich gerade das Trauma meines Lebens zu wiederholen schien, hatte ich keine Angst.

Ich verspürte nur tiefen Schmerz. Schmerz um mein Land, das ich gefangen sah zwischen zwei untragbaren Optionen: Einer Militärdiktatur und einer noch stärkeren AKP-Regierung als bisher.

Die Bevölkerung ist gespaltener denn je

Was das bedeutet, wurde schon innerhalb weniger Stunden deutlich. Die Bilder von den Gefechten zwischen einem Teil der Bevölkerung und Soldaten kennen wir alle. Da waren sie nun, die Beschützer einer vermeintlichen Demokratie: Mehrheitlich Menschen, die uns viele Jahre beschimpft und bedroht hatten, weil wir uns als Demokraten gegen die Unterwanderung des Militärs, der Justiz und der Bürokratie durch die Gülen-Bewegung stellten. Und eine Regierung, die Hand in Hand mit eben jenen Gülenisten, die sie heute als „Putschisten“ beschimpft, diese parallele Staatsstruktur aufgebaut hatte. Ein Staatsmann, der sich nur als Oberhaupt eines bestimmten Bürgerprofils betrachtet und alle anderen auszuschalten versucht.

Heute, wenige Tage nach der ereignisreichen Nacht, scheint die Bevölkerung gespaltener denn je. Wer sich nicht hinter Erdoğan stellt, hat Angst, als „Putschist“ beschimpft zu werden. Ich habe gelernt, dass der gesunde Menschenverstand nicht ausreicht, um über politisch uneindeutige Szenarien ein abschließendes Urteil zu fällen. Uns Bürgern werden einfach zu viele Informationen vorenthalten. Klar ist nur: Der Putschversuch war laienhaft und dient jetzt Erdoğans Regime. Deshalb wohl nannte er ihn „einen Segen Gottes“.

Wir müssen uns unseren Versäumnissen stellen

Doch ich weigere mich, eine Wahl zwischen militärischer und ziviler Unterdrückung zu treffen. Es gibt auch andere Optionen. An die kommen wir aber nur heran, wenn wir aufrichtig in uns gehen und uns unseren eigenen Versäumnissen stellen.

Wenn wir zum Beispiel einsehen, dass die AKP nicht nur einen breiten Zuspruch unter der Bevölkerung fand, weil sie sich – wie oft von der Opposition behauptet - vor den Wahlen Stimmen mit Nudeln und sozialen Leistungen erkauft hat, sondern weil ihre Anhängerschaft den Elitismus der bisherigen Herrschaftsschichten satt hatte. Wenn wir akzeptieren, dass unsere Demokratie-Forderungen unaufrichtig wirken, solange wir nicht demokratisches Pflichtbewusstsein in unserer eigenen Person und unseren Institutionen verkörpern. Wenn wir uns mit unserer Geschichte und ihren Folgen auseinandersetzen. Zum Beispiel damit, dass die durch den Putsch 1980 ausgemerzte politische Linke uns jetzt in unserem Kampf gegen die Autokratisierung der Türkei fehlt.

Wir sind selbst für unser Land verantwortlich 

Wir müssen erkennen, dass wir Menschen in unserem Land in ihrer Not oft allein gelassen haben. Als sie in Militärgefängnissen gefoltert wurden. Als sie ihre Muttersprache nicht sprechen durften. Als sie aufgrund ihrer Konfession bei Brandanschlägen ums Leben kamen. Als sie in Scheinverfahren all ihrer Rechte beraubt wurden.

Wir müssen endlich anfangen, Falsches zu verurteilen, wenn es den „Anderen“ trifft, und nicht erst, wenn wir selbst davon betroffen sind. Wir müssen uns politisch bilden, unseren Werteverfall rückgängig machen, Zivilgesellschaft und Opposition stärken. Wir müssen endlich aufhören, jammernd auf irgendwelche „Demokraten“ zu warten, die irgendwann kommen und unser Land retten werden. Demokratie wird nicht von irgendwo hergebracht. Zur Demokratie muss man sich hin bewegen.

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