Unerfüllter Kinderwunsch: "Diese Narbe gehört jetzt zu mir"

BRIGITTE.de-Leserin Diana Baur wollte mit ihrem Mann Kinder haben, doch sie wurde nicht schwanger. Hier erzählt sie, wie sie mit dem Schmerz klarkommt.

Wir fühlten uns leicht, frei und unbesiegbar

Mein Name ist Diana, ich bin 38 Jahre, und dass ich gerne Kinder gehabt hätte, weiß ich erst, seitdem ich erfahren habe, dass ich keine bekommen kann. 

Mein Mann und ich sind seit zehn Jahren zusammen. Uns erging es wie den meisten jungen Paaren, die beide Spaß am Beruf haben, und bei denen die Zeit nicht drängt. Irgendwann mit Mitte 30 sollte die Familiengründung dann stattfinden. Wir wollten es unverkrampft angehen und das Leben „vorher“ genießen.

Ich war 32, als wir heirateten. Es gab die allseits üblichen Kinderwünsche während der Feier, danach erste gutgemeinte Babywünsche der Verwandtschaft und in den Augen meines Mannes das unausgesprochene Versprechen auf eine künftige Familie.

Wir fühlten uns leicht, frei und unbesiegbar. Der gemeinsame Weg lag in scheinbar geraden Bahnen vor uns. wir mussten ihn nur noch gehen. Wir wollten das tun, was alle taten. Heiraten, Kinder bekommen und ein Heim schaffen.

Wir hatten es nicht eilig, und so setzte ich die Pille erst ein Jahr nach der Hochzeit ab. Ein wenig aufgeregt begannen wir in diesem Jahr mit der scheinbar natürlichsten Sache der Welt. Immer im Bewusstsein, dass es jederzeit passieren könnte und in regelmäßiger freudiger Erwartung.

Einmal war ich so sicher schwanger zu sein, dass ich schon Babyschuhe kaufte, um meinem Mann die frohe Botschaft zu überbringen. Eine Frau kennt schließlich ihren Körper.

Ich war nicht schwanger. Nicht in diesem und auch nicht im darauffolgenden Jahr. Die anfängliche Euphorie ließ nach. Befreundete Paare, bei denen es zwischenzeitlich klappte, versuchten, uns aufzumuntern: „Vielleicht seid ihr einfach noch nicht soweit.“

Die Erkenntnis, dass etwas nicht stimmte, wurde langsam Gewissheit

Im zweiten Jahr häuften sich die negativen Schwangerschaftstests. Als lösungsorientierte Menschen gingen wir gemeinsam zum Arzt. Schließlich kann die Reproduktionsmedizin heute wahre Wunder vollbringen. Wir überlegten vorher, wieweit wir Mutter Natur das Ruder aus der Hand nehmen wollten, und beschlossen vorsichtig, einen einzigen Versuch zur künstlichen Befruchtung zu wagen.

Schließlich hat jeder in seinem Bekanntenkreis dieses eine verzweifelte Paar mit dem ewig unerfüllten Kinderwunsch, der im schlimmsten Fall deren Beziehung zerstört hat. So wollten wir nie enden: abhängig von einem alles bestimmenden Gedanken. Nein, wir wollten unser Schicksal selbst gestalten, aktiv bestimmen und nicht irgendeiner höheren Fügung den Entscheid über unseren Nachwuchs überlassen.

Außer dieses eine Mal. Nur um sicherzustellen, dass es nicht doch eine Art Versehen war, welches es uns nicht erlaubte, Kinder zu bekommen. Wir erzählten niemanden von diesem Tag und gingen Hände haltend in die Klinik. 

Die Entnahme einer einzigen Eizelle funktionierte und wir sollten wenige Tage später erfahren, ob die Befruchtung geklappt hatte. Das Telefon ließ ich danach kaum aus den Augen.

Die Hoffnung auf ein Baby war Fluch und Segen zugleich

Wir schwankten zwischen Plänen für ein Leben als unabhängiges Ehepaar mit zahlreichen (allesamt völlig kinderuntauglichen) Hobbys und der Auswahl von in Frage kommenden Babynamen. 

Wir waren in der Umkleide eines Thermalbades, als wir den Anruf erhielten. Die Befruchtung hatte nicht geklappt. Es war ohnehin sehr unwahrscheinlich gewesen und nun erhielten wir Gewissheit. Wir hatten kein Recht auf ein Kind, es war kein Versehen einer höheren Instanz, oder um es mit den Worten meiner Mutter zu sagen: “Es hat nicht sollen sein.“

Wir waren beide traurig, aber nicht am Boden zerstört

Schlimmer wurde es, als in jenem Herbst zwei Freundinnen und meine Schwester ihr jeweils erstes Kind bekamen. Bei den Freundinnen waren die Besuche emotional erschöpfend. Ich konnte deren Freude einfach nicht teilen und zog mich aus den Freundschaften zurück. Ich wusste zwar, dass deren Glück nichts mit meinem Unglück zu tun hatte, konnte dem Selbstmitleid aber nicht entrinnen. 

Mein Mann litt hauptsächlich, weil ich litt. Denn es gibt ihn wohl wirklich nicht: den kinderlosen Mann. Die Erwartungen der Gesellschaft in ihn waren andere. Arbeiten und Geld verdienen. Ein Haus bauen. Einen Baum pflanzen. 

Diana Baur stammt aus Bayern und arbeitet als Architektin in der Schweiz. Ihr liebstes Hobby teilt sie mit ihrem Mann: die Fotografie. Sie dokumentieren das Leben ihrer Familien und fangen schöne Momente mit der Kamera ein (www.dito-fotografie.ch). Ausserdem begleitet sie inzwischen die Labradorhündin Franzi als stolze Trägerin der Fototasche.

Bei meiner Schwester hingegen empfand ich pure Freude, der Kleine wurde mein erstes Patenkind und ich wollte mit diesem neuen Amt der eigenen Mutterschaft so nahe kommen wie irgend möglich. Familie besteht meines Erachtens nicht aus Vater, Mutter, Kind. Familie bedeutet für mich: Verwandte, Freunde, Nachbarn. Und keinen eigenen Nachwuchs zu haben, kann in einem solchen System von Vorteil sein. 

Der Schmerz, dass der eigene Körper mich bei diesem nicht ganz unerheblichem Thema im Stich gelassen hat, bleibt. Die Trauer darüber, meinem Mann nie als den tollen Vater zu erleben, der er zweifelsfrei wäre, liegt tief im Inneren verborgen.

Er bahnt sich manchmal überraschend den Weg an die Oberfläche: beim Einkaufen an der Supermarktkasse, wenn vor mir in der Schlange eine Mutter mit ihrem Kind spielt oder im Café neben dem Spielplatz.

Aber diese Narbe gehört jetzt zu mir. Manche Dinge sind nicht für uns bestimmt, das habe ich akzeptiert.

Im nächsten Jahr werde ich 40. Dann werden mein Mann und ich den Karton mit den Babyschuhen im Rhein versenken und ein letztes Mal zum Abschied winken.


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