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Unerfüllter Kinderwunsch "Ich habe mich bewusst entschieden, ein erfülltes Leben zu führen"

Katharina Appia
Katharina Appia
© IrisZervos-Fotografie
BRIGITTE-Leserin Katharina Appia, 44, hat dunkle Jahre hinter sich: Auch nach vier Fehlgeburten erfüllte sich ihr Kinderwunsch nicht. Heute genießt sie das Leben mit ihrem Mann.

Ich sitze am Meer auf einer griechischen Insel, schaue den Kindern dabei zu, wie sie in den Wellen spielen und habe ein Lächeln auf dem Gesicht. Es gab Zeiten in meinem Leben, in denen der Stich ins Herz beim Anblick der Kinder groß gewesen wäre. Inzwischen bin ich dankbar für mein Leben und wie es sich entwickelt hat.

Kinder sind ein Geschenk und nicht alle bekommen es

Bis hierhin war es ein weiter Weg, der vor neun Jahren begann: Den richtigen Mann hatte ich an meiner Seite, und irgendwann war da dieser unbändige Wunsch, ein Kind gemeinsam großzuziehen. Wir waren mental so weit, hatten unsere Berufe und eine schöne Wohnung. 

Was wir nicht wussten, als ich die Pille absetzte: Es sollten Jahre zwischen Hoffnung, Verzweiflung und abgrundtiefer Trauer mit vier Fehlgeburten folgen. Eine Spirale aus Selbstzweifeln, sich ausgeschlossen und allein fühlen sowie Neid auf vermeintlich problemlose Schwangerschaften von Freundinnen, Nachbarinnen und Arbeitskolleginnen. So viele offene Fragen:

Wer bin ich als Frau und macht mich nur ein Kind wertvoll? Warum passiert uns das? Was stelle ich stattdessen mit meinem Leben an und was ist mein Sinn?

Diese Fragen führten mich an wirklich dunkle Punkte meines Seins. Manchmal wachte ich nachts auf und quälte mich mit diesem negativen Gedankenkarussell in meinem Kopf. Leise stand ich auf, machte mir einen Tee in der Küche, weinte und schrieb mir meinen Kummer von der Seele.

Je mehr Fehlgeburten ich hatte, umso ratloser waren die Ärzte in den Kinderwunschkliniken: Lag es an unserem Alter (Ende 30)? An einem Gendefekt? An einer vermeintlichen Insulinresistenz?

Wir wissen es bis heute nicht genau. Und es ist müßig, darüber zu spekulieren. Kinder sind ein Geschenk. Manche Menschen bekommen es und andere nicht. Und nein, Kinder sind nicht fair verteilt.

Heute machen wir es uns schön

Mein Mann und ich beschlossen irgendwann: So kann es nicht weitergehen. Dann trafen wir eine Entscheidung, die unser Leben veränderte: "Wir machen es uns jetzt schön und schließen mit unserem Kinderwunsch ab“, sagte mein Mann eines Tages zu mir, "ich kann dich nicht mehr leiden sehen.“ Die Zeit der Trauer und der anschließenden Heilung war lang.

Abschiednehmen vom Kinderwunsch ist ein Prozess, der nicht in Monaten gemessen werden kann. Drei Schritte nach vorne bedeutet einen zurück. Er wird vonTagen der Trauer begleitet und auch von Momenten der Erleichterung, wenn man einen Sonntagmorgen in Ruhe lesend im Bett verbringen kann.

Der Weg zu mir selbst

Dieser Weg des Abschiednehmens war gleichzeitig ein Weg zu mir selbst: Wer bin ich? Nach welchen Werten möchte ich leben?  Warum will ich eigentlich Mutter werden und wie kann ich mein Leben gestalten, um meine Fürsorge dennoch auszuleben? Wie soll mein Berufsleben aussehen, damit ich zufriedener bin?

Ich fing an, die Welt mit neugierigen Augen zu betrachten und wusste: Da muss es noch mehr für mich geben.

Etwas, das mich anderen Menschen nahe bringen, mir neuen beruflichen Sinn geben, mein Herz zum Hüpfen bringen und mir helfen würde, zu heilen. Irgendwann habe ich meinen Weg gefunden und dafür bin ich unglaublich dankbar.

Mit neuer Hoffnung in die Zukunft

Mit meiner Geschichte rauszugehen in die Welt hat mich auch innerlich freigemacht. Ich habe eine systemische Ausbildung absolviert, bin Trauerbegleiterin, Hypnose-Coach und rief den Podcast "Alles da, nur Ella nicht. (Über) Leben) ohne Kind“ ins Leben. Bei allem habe ich mich auf ein Thema spezialisiert: Kinderwunsch. Ich unterstütze Menschen, die Schwierigkeiten haben, schwanger zu werden, die Abschied nehmen müssen von ihrem Kinderwunsch oder die eine Fehlgeburt erlitten haben. Was für eine erfüllende Arbeit! Wenn ich nach einigen Sitzungen sehe, wie Frauen sich nicht mehr wegducken, in Schweigen hüllen und sich nicht mehr wertlos fühlen – das bringt eine ganz neue Zufriedenheit in mein Leben.

Heute schätze ich mein selbstbestimmtes Leben mit einem Mann auf Augenhöhe an meiner Seite. Wir können reisen, uns mit unseren fünf Patenkindern beschäftigen, Sport machen, Ehrenämter bekleiden und uns jeden Tag wieder neu dafür entscheiden, wie wir unser Leben mit Schönheit füllen.

Die Autorin: Katharina Appia ist Kinderwunsch-Coach (praxis-appia.de) und lebt mit ihrem Mann im Ruhrgebiet. Ihr Podcast "Alles da, nur Ella nicht. (Über) Leben) ohne Kind" ist auf allen gängigen Portalen zu hören, bei Instagram findet ihr sie unter @allesdanurellanicht.

Brigitte

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