Allein reisen: Für mich das pure Glück!

Sie liebt ihren Mann, aber sie liebt es auch, allein zu reisen - weil zu zweit viel auf der Strecke bleibt. Inka Chall in der Lesekolumne "Stimmen" über Soloerfahrungen, die kaum zu toppen sind.

Bekenntnis: Ich reise gerne allein. Besonders auf Wanderungen durch die Natur bin ich gerne mit mir und meinen Gedanken und zwei Füßen und Ohren und Augen allein, aber auch ganze Reisen habe ich schon solo unternommen.?

Dabei lebe ich in der glücklichsten Partnerschaft, die ich mir vorstellen kann; ich habe das Glück, mit meinem besten Freund leidenschaftlich eng verbandelt zu sein. Doch die hunderte Kilometer des schottischen West Highland Ways, des Grande Circuito im Torres del Paine in Chile, in der Müritz, auf dem Rheinsteig, dem Ligurischen Höhenweg in Italien und in Brandenburg bin ich allein gewandert, durch Patagonien und Kasachstan allein gereist. Es muss schwer sein, denke ich mir, das als Partner zu akzeptieren, vor allem, wenn man selbst nicht gerne allein reist. Der Mann hätte mich in allen Lebenslagen lieber an seiner Seite, was mir schmeichelt und weswegen ich ihn umso mehr liebe. Aber er scheint zu verstehen und zu akzeptieren, dass das bei mir anders ist.??

Warum ist das so? Wenn ich gefragt werde, zögere ich, ganz genau weiß ich das selber nicht. Aber ich weiß, dass meine erste Alleinreise zum Rhein und die darauf folgenden 100 Kilometer per pedes so unfassbar viele Glücksgefühle in mir hervorgerufen haben, dass ich seitdem süchtig bin nach diesen Gefühlen.? Ich weiß, dass ich mit meinen Gedanken Ruhe brauche und haben möchte, und auch mal Ruhe von meinen Gedanken.

Wenn ich mit anderen unterwegs bin, konzentriere ich mich extrem auf meine Mitmenschen. Das geht so weit, dass ich mich bis heute nicht auf Berlins Autobahnen auskenne, denn auf denen bin ich immer nur mit irgendjemandem mitgefahren. Ich empfange Stimmungen, harmonisiere, unterhalte. Es macht mir Spaß, und wenn der Mann und ich zusammen verreisen - und das tun wir sehr oft - haben wir die beste Zeit unserer Partnerschaft. Aber mein Kopf nimmt keine komplette Auszeit und mein Geist lässt sich nicht hundertprozentig auf die neue Umgebung und fremde Menschen ein, sondern meine Gedanken sind die meiste Zeit beim ihm. Das ist schön und auch das möchte ich immer wieder haben, aber ich möchte eben auch die Dinge wieder für mich wahrnehmen, zu hundert Prozent für mich.

Vielleicht mag ich mir auch nicht gern sagen lassen, wo es langgeht, oder mache nicht gern Kompromisse. Vielleicht möchte ich die an mir knabbernden Kameljungen ganz allein genießen, auf jeden Fall aber brauche ich auch keine Rücksicht zu nehmen, wenn ich fotografieren möchte, denn meine Fotos werden besser, wenn ich mir nicht auch noch Gedanken machen muss, ob meine Session jetzt für die Anwesenden nervtötend ist. Vielleicht bin ich einfach hochgradig egoistisch.

Allein bin ich weder faul, was den zu suchenden Weg angeht, noch darin, mich mit dem Fremden um mich herum auseinanderzusetzen. Ich konfrontiere mich viel mehr und das fällt mir auf einmal auch sehr leicht. Wenn ich allein unterwegs bin, bin ich völlig selbstverständlich ich und fünfmal so mutig, was ich bis heute nicht verstehe. Dann verfalle ich nicht einmal in Panik, wenn ich auf einem Berggrat in einen Sturm gerate, dort zwei Tage lang in meinem Zelt ausharren und das Trinkwasser sammeln muss. Oder wenn ich in einer uzzeligen Bude im Kasachischen Hinterland hocke und nicht genau weiß, wie es weiter gehen soll.

Das hört sich für mich selbst ein bisschen unglaublich an, aber es ist tatsächlich so: Allein wäge ich die Situation rational ab und finde Lösungen, zu zweit ticke ich aus, was zum Beispiel der Fall war, als wir auf dem Höhepunkt der Krise Griechenlands in Athen zwischen den Demonstranten und dem Tränengas der Polizei festsaßen und nicht wie geplant weiter nach Kreta reisen konnten. Da musste sich der Mann kümmern. Der war ja da.

Würde ich es böse ausdrücken, könnte ich sagen: Beim Mann werde ich zum Mäuschen, was mich unheimlich ärgert, denn ich bezeichne mich als Feministin. Ich war seit Teenagertagen in Frauengruppen aktiv und habe das erste Frauencafé Niedersachsens mitgegründet. Ich habe über Feminismus und die "Emma" diskutiert (die mir allerdings viel zu schwarz-weiß dachte) und Simone de Beauvoir gelesen. Aber heute werde ich zum unorganisierten und emotionalen Frauchen an der Seite von anderen. Dass das so ist, insbesondere bei einigen Menschen, habe ich inzwischen akzeptiert, aber vermutlich ist das auch ein wesentlicher Grund, der mich antreibt, gerade solche Dinge wie das Alleinreisen zu bewältigen. Und ich bewältige sie und werde nach jeder Reise ein kleines Stückchen größer (selbst-bewusster), aber natürlich auch demütiger, denn wenn ich mir anschaue, wie andere Menschen auf der Welt leben, wie viele Menschen so wenig besitzen, aber auch, wie viel Liebe es in der Welt gibt, wie viel unglaublich schöne Natur, macht mich das demütig, betroffen und froh und hält mich hoffentlich von jedem Größenwahn ab. Ich liebe meinen Mann und ich liebe es, allein zu reisen. Beides ist möglich und dafür bin ich jeden Tag glücklich und dankbar. Wenn das mal nicht ein wirklich guter Grund ist.

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