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Warum es sich lohnt, zur "Graslutscherin" zu werden


Seit sie das Buch "Peace Food" gelesen hat, ist Almut Linz die Lust auf tierische Produkte vergangen. Wie das Leben als Veganerin so ist - und warum sie einem Stück Ziegenkäse trotzdem nicht immer widerstehen kann.

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Veganer sind Spinner und praktizierende Spaßbremsen. So dachte ich. Bis vor zwei Jahren. Doch dann wurde auch ich zur "Grashalmlutscherin" und 99-Prozent-Veganerin - zu dem einen, fehlenden Prozent später mehr...

Früher kaufte ich im Supermarkt Kuhmilch, jetzt nehme ich Sojamilch (okay, an den Geschmack musste ich mich erst gewöhnen, aber jetzt mag ich meinen Cappuccino mit Sojamilch wirklich sehr gern.) Früher kaufte ich mir auf dem Wochenmarkt Bio-Steaks, jetzt zupfe ich mir Gemüse aus dem eigens angemieteten Acker.

Brauchte ich früher ein Rezept, um mir danach mühsam die Zutaten zusammenzusuchen, nehme ich jetzt einfach das Gemüse, das es gerade gibt, und kombiniere dazu eine eiweißreiche Beilage wie Quinoa oder Linsen. Gewürzt wird nach Lust und Laune mit Kräutern, angerösteten Gewürzen, Zitronensaft, Kokosmilch oder was mir sonst gerade so einfällt.

Endlich Kochen ohne Stress

Kochen gelingt mir jetzt lässig und ohne Stress. Zudem ist es sehr befreiend und lustvoll, ein Essen ohne schlechtes Gewissen zu genießen. Früher habe ich mir viel weniger Gedanken gemacht, was ich meinem Körper zuführe. Jetzt informiere ich mich umfassend über Nährstoffe, Medikamentenrückstände im Wasser, Mikroplastik in Zahnpasta oder Weichmacher in Plastikflaschen.

War früher der Einkauf von Lebensmitteln langweilige Routine, gehe ich jetzt voller Neugier auf kulinarische Abenteuerreise und probiere ständig neue Sachen aus. Ich habe Quinoa, Chia- und Hanfsamen entdeckt, wir backen unser Brot mittlerweile selbst und unser Super-Turbo-Mixer für Smoothies läuft öfter als der Staubsauger.

Für viele mag eine solche Veganisierung ein längerer Prozess sein, bei uns ging es von heute auf morgen. Das Buch "Peace Food" von Rüdiger Dahlke hatte mir die Augen geöffnet. Und als das Wissen erst einmal da war, ging es nicht mehr raus aus meinem Kopf.

Wie mich der Verzicht verändert hat

Für einen Menschen mit sozialem Gewissen geht eine Ernährungsweise rein nach dem Lustprinzip schon deshalb nicht mehr, weil wir längst zu viele auf diesem Planeten sind. Es ist nicht in Ordnung, wertvolle Pflanzenproteine an Tiere zu verfüttern, um am Ende ein Zehntel oder weniger an Nährwert wieder herauszuholen.

90 Prozent der weltweiten Sojaernte landet in Futtertrögen, während 805 Millionen Menschen hungern! Wir haben die Wahl, ob wir da weiter mitmachen wollen, und eine vegane Lebensweise ist die unmittelbarste und einfachste Möglichkeit, daran etwas zu ändern.

Wie hat der "Verzicht", den wir so überhaupt nicht empfinden, uns verändert? Das Verlangen nach dem angeblich so tollen Geschmack von Fleisch hat sich nach einiger Zeit von selbst erledigt. Fleisch reizt mich nicht nur nicht mehr, es kommt mir inzwischen falsch vor, Tiere zu essen. Es ist vielleicht vergleichbar mit der befremdlichen Vorstellung, an einem Affenärmchen nagen zu sollen.

Tiere sind keine Lebensmittel

Ich betrachte Tiere jetzt als meine Mitgeschöpfe und nicht mehr als Lebensmittel. Mit diesem Bewusstsein, und wenn einem Werte wie Mitgefühl und Gewaltlosigkeit wirklich etwas bedeuten, verbietet sich der Konsum von Tierprodukten von allein.

Früher litt ich an chronischem Eisenmagel, heute sind meine Blutwerte ausgezeichnet und ich hatte seit zwei Jahren keinen nennenswerten Infekt mehr. Mein Mann konnte seine sportlichen Leistungen enorm steigern und läuft jetzt Marathon. Seine Neurodermitis ist nahezu verschwunden, obwohl er seit zwei Jahren keine Medikamente mehr dagegen einnimmt. Wir müssen uns nicht mehr mitekeln, wenn der nächste Fleischskandal die Runde macht.

Ich glaube, viele trauen sich nicht, genauer hinzusehen, weil sie die Wahrheit nicht aushalten. Oder sie sind nur zu bequem dafür. Oder beides. Es gehört Mut dazu, sich Dokumentationen wie "Earthlings" anzusehen, während sich jeder Feigling ein Stück Fleisch kaufen kann, ohne sich dafür zu interessieren, welchen Leidensweg es hinter sich hat.

Wir Menschen sind Allesfresser, keine Raubtiere

Aber vegan zu leben ist gar nicht schlimm oder besonders schwierig. Veganes Essen schmeckt nicht nur, es ist auch sehr bekömmlich und gesund. Achtet man auf Abwechslung und ausreichende Gemüsezufuhr, sind keine Mangelerscheinungen zu befürchten. Zweiflern empfehle ich den Selbstversuch: Probieren Sie es zwei Monate lang aus. Wahrscheinlich werden Sie an Körperfett verlieren, besser schlafen und sich fitter fühlen. Sie werden eine bessere Verdauung und ein gesünderes Hautbild bemerken.

Beobachten Sie selbst, was mit Ihnen während dieser Zeit passiert und lassen Sie sich nicht von verbreiteten Irrtümern und Vorurteilen verunsichern. Es wird immer wieder gern behauptet, der Mensch sei ein Fleischfresser, schon vom Gebiss her. Das stimmt nicht. Der Mensch ist ein Allesfresser und kein Raubtier. Er kann auch Fleisch essen, muss es aber nicht. Dass Fleisch nicht gesund ist, sondern im Gegenteil Krebs- und Gefäßerkrankungen begünstigt, ist erwiesen. Und: Ja, es stimmt schon, dass bereits der Neandertaler Fleisch gegessen hat. Aber hat der nicht auch seine Frau an den Haaren in die Höhle geschleift?

Das fehlende Prozent (steckt in Pralinen und Ziegenkäse)

Und was ist nun mit meinem fehlenden Prozent? Ich stecke mir meine Grenzen selbst im Rahmen des Machbaren und Erträglichen. Konkret heißt das, wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin, probiere ich auch mal ein Plätzchen mit Butter. Einer Praline kann ich manchmal auch nicht widerstehen, oder einem Happen Ziegenkäse im Urlaub.

Wenn ich deshalb nicht als lupenreine Veganerin durchgehe, ist das für mich in Ordnung. Jedenfalls kaufe ich keine Produkte mit tierischen Bestandteilen und esse sie nur in Ausnahmefällen. Fleisch kommt mir gar nicht mehr auf den Teller. Ich versuche auch, keine Produkte zu verwenden, die in Tierversuchen getestet wurden.

Erfreulicherweise stagniert der Fleischkonsum in Deutschland seit einigen Jahren und die Nachfrage nach tierfreien Produkten hat einen wachsenden veganen Markt entstehen lassen. Mittlerweile gibt es eine große Zahl an veganen Kochbüchern, die den Einstieg erleichtern, und in jeder größeren Stadt vegane Restaurants oder sogar Supermärkte. Also: Keine Scheu, keine Vorurteile und einfach mal mitmachen beim "Graslutschen". Positive Überraschungen sind garantiert.

Teaserbild: iStock/thinkstock

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