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Die letzten 50 Jahre - Fortschritt oder Rückschritt?


Gerade 50 Jahre alt geworden, macht Claudia Berdux sich Gedanken: Darüber, ob es früher besser war - oder erst heute richtig gut ist. So fragt sie sich in der Leserkolumne "Stimmen": Kauft man im Supermarkt genauso gut ein wie bei Tante Emma und ist das Handy unverzichtbar oder nur ein nettes Gimick?

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Neulich gab es bei uns Miracoli und bei dieser Gelegenheit plauderte ich, wie immer öfter in der letzten Zeit, mit meiner Tochter über "früher". Wie das alles so in meiner Kindheit und Jugend gewesen ist. Meine Mama war "nur" Hausfrau plus Ehemann, Schwiegereltern im Haus, drei Kindern, Haus und großem Garten sowie diversen Haustieren. Und nebenbei noch Mädchen für alles im Büro meines Vaters. Trotzdem hat sie jeden Tag frisch und selbst gekocht, sie war eine begnadete Köchin, deren Talent ich nicht geerbt habe. Besagtes Fertiggericht gab es nur in absoluten Ausnahmefällen, und außer Fondor, Maggi und Brühwürfeln wurden keinerlei Fixprodukte verwendet. Für die Weiterentwicklung der Fix- und Fertiglebensmittelindustrie bin ich jedoch ausgesprochen dankbar. Meine Kinder wären als Nachwuchs einer alleinerziehenden und berufstätigen Mutter sonst wohl zwangsläufig verhungert.

Bio oder nicht Bio war seinerzeit nicht relevant. Unser Garten bot reichlich saisonales Obst und Gemüse. Es wurde frisch verarbeitet und der Rest tagelang auf Vorrat eingekocht. Danach gab es monatelang die gleiche Marmelade, und Frischobst wurde erst gekauft, nachdem auch der letzte der schrumpeligen Äpfel gegessen oder in einem selbst gemachten Apfelmus seine Bestimmung gefunden hatte. Das einzige, was bei mir im Mietwohnungseigenen Balkonkasten gelingt, ist die Aufzucht von Unmengen an Minze. Da wir allerdings in unmittelbarer Nähe eines Chemiekonzerns leben, zweifele ich ein wenig an der gesundheitlichen Unbedenklichkeit. Ohne jede Frage: Der Einkauf im Großsupermarkt ist superpraktisch. Vor allem, wenn man wenig Zeit hat. Neulich habe ich in einem solchen verzweifelt Dosenlinsen zwecks Zubereitung einer Linsensuppe gesucht. Ich war kurz davor, auf eine der bestimmt 10 Fertigsuppen zurückzugreifen, obwohl sie mir nicht schmecken und ich versuche, so wenig Fertigprodukte wie möglich zu verwenden. Da wir mit Allergien "gesegnet" sind, achte ich mittlerweile verstärkt darauf. Weniger an Zusätzen ist mehr, allerdings wird es aufgrund des Mehrangebots nicht unbedingt einfacher. Nicht erst seit der täglich neuen Lebensmittelskandale vergeht mir beim Anblick von "abgepackt und fertig" zusehends der Appetit. Ob ich wohl die einzige bin, die sich einen kleinen, individuellen und überschaubaren Tante-Emma-Laden in der Umgebung wünscht?

Apropos Appetit - wissen Sie noch, wie es ist, wenn Sie eine Metzgerei betreten und Ihnen das Wasser im Munde zusammenläuft? Ich auch nicht. Irgendwie scheinen sich diese in den letzten Jahren in Luft aufgelöst zu haben. Oder sie verstecken sich an unbekannten Orten, die man nur findet, wenn man sich verläuft. Der Verkaufswagen auf dem Wochenendmarkt bietet hier aus meiner Sicht leider nur einen rudimentären Ersatz. Kaffee, Sandwich & Co. to Go - haben wir wirklich nur noch so wenig Zeit, um unsere elementaren Bedürfnisse zu befriedigen?

Angesichts der nicht vorhandenen Zuverlässigkeit des öffentlichen Nahverkehrs sowie aller vorhandenen Straßen- und Brückenschäden (ich bin Köln-geschädigt) könnte die Vermietung bewegbarer Normadenzelte durchaus eine tolle Geschäftsidee werden. Shopping ist leider auch nicht mehr das, was es einst war. Das Internet gibt fast alles her, wenn man damit zufrieden ist. Bin ich natürlich nicht: Ich will sehen, fühlen, betrachten - das funktioniert hier nur zeitversetzt. Große Einkaufszentren finden wir mittlerweile in jeder Stadt. Und in jeder Stadt beherbergen sie so ziemlich exakt das gleiche Angebot. Nein, ich behaupte ganz sicher nicht, dass die rosa Schlaghosen aus meiner Jugend der absolute Couture-Renner gewesen sind. Aber individuell, das waren sie schon.

Wenn mir heutzutage eine Gruppe Jugendlicher begegnet, liegt es nicht nur daran, dass ich kurzsichtig und zu eitel bin, um eine Brille zu tragen, dass ich glaube, in jedem zweiten Teenie eines meiner Kinder zu erkennen. Der Individualismus scheint zunehmend aus der Mode zu kommen und das nicht nur bei der Kleidung.

Technik - mein Nachwuchs hat kann es nach wie vor nicht fassen, dass ich mit drei Fernsehprogrammen in schwarz-weiß und ohne Handy meine Jugend überlebt habe. Auf letzteres möchte ich auch nicht verzichten, ist es doch Wecker, Tageszeitung und Musikplayer (und vermutlich noch viel mehr, was ich nicht nutze) in einem Gerät. Als Telefon nutze ich es allerdings am wenigsten, ich kommuniziere nach wie vor am liebsten persönlich. Und ohne Zuhörern in der Umgebung einen tiefen Einblick in mein Privatleben zu gestatten, ob sie nun wollen oder nicht. Dabei habe auch ich mich längst daran gewöhnt (oder sollte ich lieber "damit abgefunden" schreiben?), dass Orthographie und Grammatik außer Kraft gesetzt wird, sobald wir uns auf Social-Media-Ebene bewegen. Fantasie ist auch auf diesem Gebiet ausgesprochen hilfreich. Immerhin, mit unserer aktiven Familien-WG sind wir wohl sehr hip. Wie ich vor ein paar Tagen gelesen habe, stirbt das klassische Familienmodel aus; das finde ich schade. Kürzlich bin ich 50 geworden - etwa in diesem Alter begann bei meinen Eltern die Midlife-Crisis und sie ließen sich scheiden. Mangels aktuellem Ehegatten muss ich mir für meine dann wohl ein anderes Betätigungsfeld suchen.


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