Warum ich allein verreise - sogar an Silvester

Zwischen Selbstbestimmung und vielen Fragen: BRIGITTE.de-Leserin Heike verreist oft allein. Was hat sie davon?

Heike (51), waschechte Hamburgerin und bekennende Norddeutsche, hat drei Kinder zwischen 11 und 16 Jahren. Sie liebt Mottos, weil sie ihr helfen, Dinge zu verstehen oder Unausweichliches zu akzeptieren. Passend zu ihrer Herkunft ist ihr All-Time-Favorite „Der Fisch stinkt vom Kopf“, dicht gefolgt von „Alles hat seine Zeit“.

Eigentlich kann ich machen, was ich will ...

„Du fährst weg über Silvester? Ganz allein? Wow!“ So einen Satz oder ähnliche hatte ich in den Wochen vor dem Jahreswechsel oft gehört. Wenn ich erzählte, welche Pläne ich für Silvester hatte, schwankten die Reaktionen zwischen Verwunderung und Neid. Beides ließ meine Vorfreude nur noch weiter wachsen.

Ich hatte beschlossen, Silvester aus der Stadt zu fliehen. Ganz allein wollte ich in eine möglichst ruhige Ecke Deutschlands reisen, um den Jahreswechsel am Meer zu verbringen. Die Kinder waren bei ihrem Vater beziehungsweise auf eigenen Silvester-Füßen, und so konnte ich eigentlich machen, was ich wollte. Aber was genau das war, wusste ich auch noch nicht, außer, dass es sich ein wenig nach Flucht anfühlte.

... aber was denken die anderen von mir?

Allein zu verreisen war mir nicht neu. Früher bin ich grundsätzlich und bewusst allein verreist. Rucksack und Flugticket, mehr brauchte ich nicht. Ich habe es genossen, wenigstens im Urlaub machen zu können, was ich wollte. Mich mit niemandem abzustimmen, von einem Tag auf den anderen zu leben: herrlich.

Was ich damals allerdings oft mit im Gepäck hatte, war der Gedanke, man könne mich bemitleiden: „Die hat keinen, der mit ihr verreist.“ So etwa klang es hin und wieder in meinen Ohren. Ganz leise nur, aber es war immer da und hat mich immer gestört.

Und jetzt, nach so langer Zeit, ist dieser Gedanke plötzlich wieder da. Obwohl ich nun statistisch gesehen in der zweiten Lebenshälfte bin, gereift, mit Familie und Freunden, einer glücklichen Beziehung. Mir geht es gut. Außerdem sind 41 Prozent der Haushalte in Deutschland Einpersonen-Haushalte. Mit meinem vorübergehenden Alleinsein müsste ich also voll im Trend liegen. Warum denke ich überhaupt darüber nach, was andere denken, wenn ich doch allein verreisen will?

Auf Pellworm kam das Wasser nur von oben

Ich weiß es nicht, aber ich bin trotzdem allein verreist - und wurde erstmal enttäuscht. Ich habe mich auf Pellworm, einer kleinen Insel ohne Strand, in einem Hotel eingemietet. Komplett umringt von einem Deich, sodass man von keinem Punkt innerhalb des Deiches das Wasser sehen konnte, was um diese Zeit eh schwierig war, denn es regnete die ganze Zeit. Und der Himmel - oder was man davon sah - ging übergangslos in das Grau der Nordsee über.

Lange Spaziergänge, die Seele baumeln lassen: Fehlanzeige. Und das Alleinsein? Der Frühstücksraum war voller Paare und Familien. Beim Abendessen sah es genauso aus, und mit dem alten Fahrrad, das ich vom Bauern gegenüber geliehen hatte, kam ich bei der Wetterlage nicht weit, um all dem zu entfliehen. Das Personal kümmerte sich rührend um mich, vermutlich aus Mitleid, dachte ich mir.

Ich wollte raus und fühlte mich stattdessen festgesetzt

Ich wollte raus und fühlte mich stattdessen festgesetzt. Das Essen war wunderbar und ich spürte die Pölsterchen wachsen. Kein schönes Gefühl. Vielleicht hätte ich doch in ein Wellnesshotel fahren sollen, um frisch entschlackt und gestrafft ins neue Jahr zu hüpfen. Oder ein Meditations-Retreat buchen. Aber ich hatte Angst vor der Stille und den Rückenschmerzen. Einen Tanz- und Selbsterfahrungs-Workshop hatte ich auch noch ins Auge gefasst. Auch das war keine ernsthafte Option: Ich wollte mich nicht auch in diesen kostbaren Tagen an anderen orientieren müssen. Selbstbestimmung und zur Ruhe kommen: Das war es, was ich wollte.

Eigentlich hielt mich nichts vom Lesen und Filmegucken ab - im normalen Leben absoluter Luxus. Das Frühstück stand den ganzen Vormittag bereit. Ich konnte also meiner inneren Uhr folgen und noch nachts um ein Uhr anfangen, ein Buch zu lesen oder um drei Uhr den Fernseher anschalten. Das Wetter ließ mit seinem horizontalen Dauerregen sowieso weder Sport noch Spaziergänge zu. Zwangsfaulenzen war angesagt. Also habe ich für zwei Stunden die Hotelsauna für mich reservieren lassen. Luxus!

War es Sehnsucht – oder doch eine Flucht?

Aber war es das, was ich gesucht hatte? Hieß Lesen und Filmegucken zur Ruhe zu kommen, „ankommen“? War es die Sehnsucht nach etwas oder vielmehr eine Flucht? Und wenn ja, wovor?

Ich konnte es in dieser kurzen Zeit nicht herausfinden, konnte nur erahnen, was ich hier machte. Zum Beispiel, mich in Ruhe mit diesen Fragen zu beschäftigen. Begleitet von Laptop, Smartphone, Büchern. Ich wollte nicht abgeschnitten sein, wollte meine Mails lesen, notfalls für meine Kinder erreichbar sein und wissen, was in der Welt so passiert. Ich wollte selbst bestimmen, was Rückzug für mich bedeutet. Wollte mich nicht Regeln unterordnen wie „keine Handys“, „kein WLAN“ oder „keine negativen Gefühle“. Und ich wollte, dass ich allein die Entscheidungen treffe.

Und nicht im Restaurant sitzen mit einem Gesicht, das behauptet: „Ich sitze hier, weil ich allein sein will, und es geht mir super damit!“ Ich will, dass es mir egal ist, was andere tun, denken oder sagen. Ein „Du fährst weg? Ganz allein? Wow!“ einfach stehen lassen. Das ist mein Ziel, allerdings keines für das neue Jahr, sondern eher eines für das ganze Leben. Und es gefällt mir.

Bei der Rückfahrt am Neujahrsmorgen fuhr ich auf der Fähre der Sonne entgegen. Das Wetter war stürmisch, das Meer aufgewühlt und am Festland angekommen sah ich Scharen von Zugvögeln, die auf ihrem langen Weg an Land zwischengelandet waren, um Kraft zu schöpfen. Wir haben etwas gemeinsam, dachte ich. Wir haben ein Ziel und eine Pause eingelegt. Mit diesem Gedanken kehrte ich zurück in die Stadt und freute mich auf mein Zuhause und meine nächste Auszeit – allein.

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