Warum machen wir alle mit beim Beziehungs-Wettbewerb?

BRIGITTE.de-Leserin Nele Nikolaisen fragt sich, wann Beziehungen zum Wettbewerbsgegenstand geworden sind – und warum wir dabei mitmachen.

Die wichtigsten Gedanken kommen immer dann, wenn die Kerzen heruntergebrannt sind, der Lieblingswein sich dem Ende zuneigt und man die letzte Bahn nach Hause verpasst hat.

So ging es neulich Abend auch meiner lieben Freundin Emma, die nach längerer Zeit mal wieder zu Besuch gekommen war und es sich in Jeansrock und rotem Kuschelpullover in einem meiner Korbstühle gemütlich gemacht hatte. Es war dieser Zeitpunkt, der bei jedem unserer Mädchenabende irgendwann erreicht ist: Wir hatten bereits über die „gute alte Zeit“ gesprochen, uns gegenseitig unserer Zukunftsangst versichert und uns mehrfach zu unserer Freundschaft gratuliert, die uns mit jedem Glas Wein noch wundervoller erschien.

Sie brauchte vier Gläser Rosé, um mir davon zu erzählen

Nele Nikolaisen kommt ursprünglich aus der letzten kleinen Stadt vor der Dänischen Grenze, wo die Menschen freundliche Augen und Lachfältchen haben. Da sie aber sehr wenig reden, ist sie zunächst ins Rheinland und dann nach Wien geflohen, wo sie zwischen Theateraufführungen, Flohmärkten und Kaffeehäusern lustwandelt. Neben ihrer Arbeit als freiberufliche Texterin schreibt sie an ihrem ersten Roman und führt Tagebuch überall die Dinge, die eine Frau Ende 20 eben beschäftigen: Die quälenden Fragen um Zukunft, Selbstverwirklichung und Kinderwunsch.

Kurz nach Mitternacht, als ich meine ringelbesockten Füße gerade auf dem Schreibtischhocker abgelegt hatte, sagte sie nach einem langen Blick in ihr halbleeres Glas: „Jonas geht übrigens für ein halbes Jahr nach Amerika. Er hat dieses Stipendium bekommen ...“ Sie machte eine ungefähre Bewegung mit der Hand. „Du weißt schon“, sollte das Fingerwedeln bedeuten, „eins von den 15, auf die er sich beworben hat.“

Oje. Ich wusste, dass das der dritte längere Auslandsaufenthalt ihres Liebsten in ebenso vielen Jahren war.  Ich wusste aber auch, dass Jonas sich damit einen Traum erfüllte, und so zuckte mein linker Mundwinkel in Empörung nach unten, während der rechte bereits den Champagner schmeckte.

Nach kurzem Zögern entschied ich mich für den Champagner, prostete (in Vertretung für Jonas) der Stehlampe zu und freute mich über Amerika, über die tollen Stipendien-Programme und über die freundlichen Menschen, die diese ausschrieben. Emma fiel bei jedem meiner Worte ein wenig Anspannung aus dem Gesicht, und als ich meine Lobeshymne beendet hatte, knallte sie ihr Weinglas auf das kleine Eisentischchen, das zwischen unseren Stühlen stand, und rief triumphierend: „Endlich! Du bist die Erste, die mir nicht sagt, ich soll ihn zum Teufel jagen!“

Ich erfuhr dann auch, warum Emma knappe sechs Stunden und vier Gläser Rosé gebraucht hatte, um mir von Jonas‘ Stipendium zu erzählen: Fünf Wochen vorher hatte sie sich mit der frischen Nachricht im Gepäck auf den Weg nach Berlin zum  alljährlichen Freundetreffen gemacht. Den ersten vielsagenden Blick erntete sie bereits, als sie alleine vor der Tür stand – alle anderen waren natürlich als Paar angereist. Es folgte das gemeinsame Abendessen, begleitet von vielen wertvollen Erzählungen aus der Pärchenwelt, in der „wir“ immer einer Meinung sind und „wir“ es wahnsinnig schade finden, dass so viele Menschen es nicht schaffen, eine ordentliche Beziehung zu führen.

Emma hatte die meiste Zeit stumm an den Grissini gekaut. Auf die Frage, wie es denn „bei ihnen so laufe“, war sie dann aber mit der frohen Botschaft herausgeplatzt. Sie hatte immerhin den ganzen Abend auf den richtigen Moment gewartet – und DAS war er. Ganz bestimmt! Oder?

Wenn perfekte Paare die Liebe erklären ...

Schweigen. Stirnrunzeln. Und dann: der erste mitleidige Blick. Nun ist das Schöne an perfekten Paaren ja die Tatsache, dass sie immer gerne bereit sind, ihre Weisheiten mit den weniger Glücklichen zu teilen.

 Also wurde Emma darüber aufgeklärt, dass Jonas sie offensichtlich nicht wertschätze, wenn er immer nur seinen eigenen Träumen nachrannte. Diese Erkenntnis stammte von Lukas, der bereits zwei Traumjobs in benachbarten Städten abgelehnt hat, weil seine Freundin ohne ihn nicht einschlafen kann. Die Freundin mit den Schlafproblemen schob dann auch gleich hinterher, dass Jonas es mit Emma wahrscheinlich auch gar nicht ernst meine – sonst würde er seine Karrierevorstellungen schließlich der gemeinsamen Lebensplanung anpassen. Sie selbst hatte sich gegen einen Masterabschluss entschieden, um intensiv an einer Schar blondgelockter Babys zu arbeiten.

 An dieser Stelle fiel Sophie ein und erklärte ohne Umschweife, dass sie einen „solchen Mann“ sofort verlassen würde: „Da sieht man doch schon, dass das gar nicht gut gehen kann“, sagte sie mit weisem Kopfnicken, um sich dann in die starken Arme ihres Freundes sinken zu lassen. Dass jeden Dienstagabend eine von Philips Kolleginnen in diesen Armen liegt, weiß sie natürlich nicht. Philip selbst hielt es immerhin für unfair, Emmas Beziehung direkt für gescheitert zu erklären – immerhin lebten ja viele Leute in einer offenen Partnerschaft.

 Als Emma einwarf, dass ihre Beziehung keineswegs offen war, sie sie aber auch nicht zu einem Friedhof der Träume machen wollte, fügte er mit einem verständnisvollen Lächeln hinzu: „Ich meine ja nur, dass das für mich nichts wäre. Aber wenn es für euch funktioniert ... .“

 Natürlich hatte Emma versucht, ihre Position zu verteidigen. Wenn sie sich für Jonas freuen konnte – warum konnten es ihre Freunde dann nicht auch? Die Berlin-Runde hatte ihr noch erklärt, dass es natürlich ihre Entscheidung sei, wie sie leben wolle, und dass sie sich dafür auch nicht rechtfertigen müsse. Man kann offensichtlich nicht in Berlin leben, ohne wenigstens tolerant zu tun.

 Die Frage ist nur: Musste Emma sich denn wirklich nicht rechtfertigen? Da saß sie nun also, ihr Weinglas umklammernd, in meinem Korbstuhl: Ein Häufchen Elend im roten Pullover, dass sich vor fünf Wochen noch über die Chance gefreut hatte, die sich ihrem Freund bot, und die sich jetzt fragte, ob ihr Jonas ein Herz, ihre Beziehung eine Zukunft und sie selbst die richtige Einstellung zum Leben hatte. Und das alles nur, weil sie erzählt hatte, wie es bei den beiden „denn so lief“.

... und die anderen die Freiheit auf ein Podest stellen

Am dritten Tag nach unserem Mädchenabend beschloss ich, die Geschichte aufzuschreiben. Einen Essay wollte ich schreiben, eine wütende Verteidigungsschrift für alle Emmas dieser Welt, in dem ich die Berliner Kuschelpärchen in der Luft zerreißen und allen zeigen würde, dass die, die da so groß von Liebe und von Hingabe sprachen, sich nur etwas vormachten. Dass sie sich hinter ihren Partnern versteckten, weil sie Angst vor dem hatten, was sie in der großen weiten Welt erwartete. Und dass Paare wie Emma und Jonas so viel ehrlicher und ihre Liebe so viel mehr wert war, weil sie voneinander nicht verlangten, ihre Träume der Beziehung zu opfern.

Und erst, als sich mein Manifest gegen Kuschelpärchen bereits über drei Seiten erstreckte, merkte ich, dass ich exakt das gleiche tat wie sie – nur dass ich von der

anderen Seite kam: Anstatt salbungsvoll zu erklären, dass die Liebe wichtiger sei als die Freiheit, schrie ich in die Welt, dass es ohne Freiheit gar keine Liebe geben könne.

Und plötzlich wurde mir bewusst, wie lächerlich das Ganze eigentlich ist: Statt unseren Freundinnen ganz einfach zuzuschauen, wenn sie ihr Bild von der Liebe malen, und mit Schokoladeneis zu reagieren, wenn dieses Bild einen Sprung bekommt, fühlen wir uns jedes Mal genötigt, selbst zum Pinsel zu greifen und unser eigenes Bild zu malen: größer, bunter, schöner! Und das, obwohl wir wissen, dass jedes Bild einmal verblasst.

Wie kommt es, dass ich mich jedes Mal, wenn andere mir mein Leben erklären, genötigt fühle, ihre guten Ratschläge in der Luft zu zerreißen? Könnte ich nicht einfach freundlich nicken und mich darüber freuen, meinen eigenen Weg bereits gefunden zu haben?

Vielleicht schreibe ich dagegen an, weil ganz tief in mir drinnen, da, wo ich normalerweise nicht mehr hinhöre, eben doch die Angst wohnt, dass ich dieses Spiel, das sich „Beziehung“ nennt, unter falschen Voraussetzungen, nach falschen Regeln oder mit dem falschen Partner spiele.

Eines jedenfalls weiß ich sicher: Solange perfekte Paare gönnerhaft erklären, was Liebe ist, und alle anderen damit beschäftigt sind, in den perfekten Kellern nach Leichen zu suchen, hat niemand von uns Zeit, sich dieser Angst, die beim ersten Kuss in uns reinkrabbelt und mit jedem Tag größer wird, zu stellen. Und solange wir uns dieser Angst nicht stellen, werden wir uns immer genötigt fühlen, am Wettbewerb um die perfekte Beziehung teilzunehmen. Ob wir nun wollen oder nicht.

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