Neuanfang mit 45: Wenn das Beziehungsende pure Befreiung ist

BRIGITTE.de-Leserin Sophie * (45) hatte sich in ihrer Beziehung jahrelang verbogen – erst die Trennung setzte ungeahnte Energien in ihr frei. 

Ich habe 15 Jahre um meine Beziehung gekämpft

Hier bin ich also! Ich schreibe diese Zeilen im kalifornischen Santa Cruz und schaue immer wieder aus dem Fenster, das mir einen spektakulären Blick auf die Brandung bietet. Meine erste Reise allein. Ich habe das Gefühl, ich müsste platzen vor lauter Glück. So fühlt es sich also an, frei zu sein!

Ich bin Mutter zweier Kinder (20 und 22), die ich größtenteils allein großgezogen habe. Vom Vater der Kinder habe ich mich getrennt, als die Kinder 4 und 6 waren. 

Ich verliebte mich in einen Mann, der sich nie ganz auf mich und schon gar nicht auf meine Kinder eingelassen hat. 15 Jahre habe ich um diesen Mann und um diese Beziehung gekämpft. Als alleinerziehende Mutter mit einem Vollzeitjob lebte ich ständig am Limit. Zerrissen von Schuldgefühlen in die eine und in die andere Richtung, einsam, mit einem Mann an meiner Seite, der mich am ausgestreckten Arm emotional verhungern ließ. 

Ich strebte danach, jedem gerecht zu werden und diesen Mann zufrieden zu stellen. Bis ein kleiner Moment an einem Sonntagabend mein Leben für immer verändern sollte.

Ich fand heraus, dass er mich betrog.

Dabei war es nicht der Seitensprung, sondern die fehlende Loyalität meines Mannes, die in dieser Nacht so sichtbar für mich war und mich zutiefst verletzte. Als ob jemand einen Schleier vor meinen Augen weggezogen hätte, erkannte ich plötzlich, dass ich gegen Windmühlen gekämpft hatte. Diese Erkenntnis machte mich schlagartig frei.

Nach der Trennung fügte sich alles wie von selbst

Ich verließ meinen Mann in dieser Nacht, und startete in das größte Abenteuer meines Lebens. Mein Weg schien vorbestimmt zu sein, denn alles fügte sich wie von selbst.

Als ich ging, ging ich, ohne zu wissen, wie es für mich weitergehen sollte. Noch war mir nicht klar, dass ich nie mehr zu ihm zurückkehren würde.

Die ersten Wochen schlief ich im Wohnzimmer meiner Mutter, doch schon bald fiel mir ein Angebot für eine Wohnung zur Zwischenmiete in die Hände. Einzugsbereit ab sofort für sechs Wochen. Ich hielt es für ein Zeichen und eine gute Idee, mir noch etwas mehr Zeit zu geben, um mich zu sortieren.

Mit klopfendem Herzen unterschrieb ich den Mietvertrag. Vom ersten Moment an fühlte ich mich wohl in diesem Zuhause auf Zeit: Nichts darin gehörte mir, und das hatte etwas wahnsinnig Befreiendes. Am Briefkasten stand kein Name, der zu mir führte, ich war wie ein unbeschriebenes Blatt Papier.

In meinem Koffer befand sich kaum mehr, als das Nötigste für den Alltag. Ich stellte fest, dass mir das genügte. Überhaupt schien alles Materielle an Bedeutung verloren zu haben. Nicht einmal liebgewonnene Erinnerungsstücke, die ich seit Jahren im Keller aufbewahrte, waren mir noch wichtig. Alles was ich liebte, habe ich in der Nacht in meinem Herzen mitgenommen.

Ich war erschüttert, aber auch euphorisch 

Meine Welt war minimalistisch und überschaubar, und ich fand es großartig. Der Schock der Entdeckung hatte mir einen gewaltigen Schub beschert, ich steckte voller Energie, war erschüttert und euphorisch zugleich.

Ich schloss endlich mein berufsbegleitendes Studium ab, arbeitete intensiv an beruflichen Projekten, feierte viel, träumte das erste Mal von einer eigenen Wohnung und nahm ansonsten einen Tag nach dem anderen.

Ich suchte nicht nach einer Wohnung, aber mein Zuhause fand mich. Immer wieder tauchte das Inserat auf meinem Rechner auf. Die Lage der Wohnung war perfekt, im Herzen des Viertels, in dem ich mir immer gewünscht hatte, einmal zu leben!

Ich vereinbarte einen Besichtigungstermin und war überwältigt. Es war beinahe magisch, wie sehr diese Wohnung meiner heimlichen Traumwohnung entsprach. Wie gut kann es tun, wenn das Leben zu allem „ja“ zu sagen scheint?

Drei Monate nach meiner nächtlichen Flucht zog ich mit einer Matratze und einem Koffer voller Klamotten in mein neues Zuhause ein.

Statt Schmerz und Verlust fühlte ich Fülle und Freiheit.

Ich schloss die Tür zu meinem alten Leben für immer, ließ alles zurück vom Topf bis zum Tisch, spendete meine zurückgelassen Kleidung an eine gemeinnützige Organisation und begann ein neues Leben mit Startpunkt Null.

Der Entschluss zu gehen, löste eine Lawine an persönlichem Wachstum aus. Früher verwendete ich viel Energie darauf, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Ich habe meine Grenzen dabei so weit überschritten, dass mein Körper mir Warnungen in Form von Krankheiten und Haarverlust senden musste. Ich war wie ein überspannter Bogen, ständig gereizt und empfindlich.

Heute erinnert nichts mehr an die Person, die ich einmal gewesen bin

Heute lebe ich meinen Traum, unabhängig und selbstbestimmt, mit einem gesunden Körper und einer gesunden Seele. Ich fühle das erste Mal Urvertrauen. Ich sage Nein, wenn ich Nein meine, und ich habe den Mut, Ja zu sagen, auch wenn alles ungewiss ist. Ich verschiebe keine Träume mehr, sondern greife jeden Tag nach den Sternen.

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So wie jetzt, acht Monate später: Mit dem größten Respekt davor, welche Gefühle das auslösen könnte, bin ich zu meiner Urlaubsreise durch Kalifornien gestartet. Zum ersten Mal bin ich wirklich ganz allein. Und ich werde belohnt mit der Erfahrung, dass Grenzen keine Grenzen mehr sind und mit der Erkenntnis, dass ich nicht mehr einsam bin, auch wenn ich allein bin.

Ich weiß nicht was noch alles passiert, aber ich bin sicher, dass es sich gut anfühlen wird.

*Name von der Redaktion geändert



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