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„Ein mulmiges Gefühl hatten wir anfangs schon“ - wenn Mama mit im Hörsaal sitzt

Wenn die eigene Mutter mit im Hörsaal sitzt: Celina lächelt
© Richard Wegele
Das Studium ist für viele junge Leute der erste Schritt in die Selbstständigkeit. Die Mutter mit am Campus? Unvorstellbar! Doch BRIGITTE.de-Leserin Christine zeigt, dass das gar nicht so schlecht ist. 

Mein Name ist Christine Böhm, ich bin 24 Jahre alt und studiere seit diesem Jahr berufsbegleitend Betriebswirtschaftslehre (BWL) an der IUBH in München. Das Besondere daran ist, dass ich mit meiner Mutter zusammen studiere. Wer ein Studium beginnt, freut sich auf die neue Freiheit. Doch wie fühlt es sich an, wenn die Mutter plötzlich zur Kommilitonin wird?

Im Jahr 2010 habe ich meinen qualifizierten Hauptschulabschluss abgelegt. Danach wollte ich eigentlich nicht mehr zur Schule gehen und habe eine Ausbildung begonnen. Durch meine zweieinhalbjährige Ausbildung konnte ich meine mittlere Reife erreichen. Anschließend wurde ich von meinem Ausbildungsbetrieb übernommen. Schritt für Schritt habe ich die Karriereleiter bis hin zur Filialleiterin erklommen. Seit 2015 darf ich durch die Weiterbildung an der Handwerkskammer Auszubildende auszubilden.

Als meine Mutter Elisabeth Ursula mich eines Abends fragte, ob jemand mit ihr zusammen das Studium anfangen möchte, hätte sie niemals mit so positiven Reaktionen gerechnet. Ich gab mir einen Ruck. Jetzt oder nie! Zunächst war ich der Auffassung, ich könnte mit meinem Abschluss gar nicht studieren. Jedoch wurde nach einigen Recherchen klar, man braucht an der IUBH kein Abitur, um zum Studium zugelassen zu werden, solange man die entsprechende Berufserfahrung mitbringt. 

 „Ein mulmiges Gefühl hatten wir anfangs schon, wir wollten auf keinen Fall, dass unsere Beziehung darunter leidet“

Es gibt keine Statistiken darüber, wie viele Kinder zusammen mit ihren Eltern im Hörsaal sitzen. Es sind wahrscheinlich sehr wenige, schließlich ist für die meisten Studierenden genau das wichtig, was ich und meine Mutter nicht haben: Eine gewisse Distanz zum eigenen Elternhaus. Für mich ist das allerdings kein Problem, es ist viel eher so als würde ich mit einer guten Freundin studieren, statt mit meiner Mutter. Ein mulmiges Gefühl hatten wir allerdings anfangs schon, wir wollten auf keinen Fall, dass unsere Beziehung unter der veränderten Situation leidet. Der wichtigste und zugleich schwierigste Punkt: Wir wollten uns an der Hochschule auf Augenhöhe begegnen, es sollte keine Hierarchie geben. Das haben wir geschafft! Und wie.

Meine Mutter, alleinerziehend seit 1999 mit vier Kindern, möchte ihren Kindern etwas vorleben, sie macht mir nie Vorschriften oder sagt mir was ich zu tun habe. Im Gegenteil. Sie berät uns, doch die Erfahrung müssen wir selber machen, allerdings besteht sie darauf, eigene Fehlentscheidungen selber auszubügeln. Das schätze ich sehr.  Es hat sich zudem gezeigt, dass es sogar viele Vorteile hat mit der eigenen Mutter zu studieren. So sitzen wir am Dienstag und Donnerstag Abend in der IUBH zusammen und auch an den Wochenenden, motivieren und helfen uns gegenseitig bei Hausarbeiten oder beim Lernen. Zwar muss jeder seine Klausuren selber schreiben, aber ein wenig gegenseitige Motivation kann nie schaden.

Wenn die eigene Mutter mit im Hörsaal sitzt: Mutter und Tochter studieren
Christine Böhm und ihre Mutter Elisabeth Ursula sind ein Herz und eine Seele - auch im Studium!
© Richard Wegele

„Auch unser Professor wusste lange nicht, dass wir Mutter und Tochter sind“

Es ist nicht an der Tagesordnung, dass eine Mutter gemeinsam mit ihrer Tochter beschließt, ein Studium aufzunehmen. Dementsprechend überrascht reagieren die Leute, wenn sie herausfinden, in welchem Verhältnis meine Mutter und ich tatsächlich stehen.

So war es bei uns lange gar nicht klar, dass wir überhaupt verwandt sind. Auch unser Professor wusste lange nicht, dass wir Mutter und Tochter sind. Das liegt aber auch an unserem sehr harmonischen Umgang. Meine Mutter ist sehr offen und entspannt, sodass sie mir keine Vorschriften macht und wir eher wie gute Freunde wirken.  

„Tatsächlich studiert fast meine ganze Familie an der IUBH“

Tatsächlich studiert fast meine ganze Familie an der IUBH, denn mein Bruder Alexander hat zeitgleich mit uns angefangen zu studieren. Alexander entschied sich für das Fernstudium Wirtschaftsingenieurwesen Industrie 4.0. Da sich einige unserer Module überschneiden, kann man sich gut gegenseitig helfen. Seit April, treffen meine Mutter und ich uns immer vor den Vorlesungen am Marienplatz um dann gemeinsam zur Uni am Leuchtenbergring zu fahren. Da wir beide berufsbegleitend studieren, sind diese vermehrt abends. Der Austausch mit meiner Mutter tut dann nach einem langen Arbeitstag immer sehr gut. Anschließend gehen wir manchmal noch Kaffee trinken, oft in Begleitung anderer Kommilitonen – die sehen uns auch nicht wie Mutter und Tochter.

Das erste Semester haben wir bereits hinter uns gelassen, in der Zeit haben wir viel dazugelernt und auch viele neue Menschen kennengelernt.  Wir werden noch eine ganze Weile gemeinsam lernen. Für uns ist diese Zeit ein Geschenk. Wir sind uns noch nähergekommen.


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