"Ich bin einfach auf eine andere Art schön" – Wie es ist, ohne Haare zu leben

Lisa Haalck aus Münster verlor ihre Haare bereits mit 20. Hier erzählt sie, wie sich das Leben mit Glatze für sie anfühlt

von Tina Epking

Ich habe eine Autoimmunerkrankung mit dem seltsamen Namen Alopecia Areata. Als ich elf war, fielen mir zum ersten Mal die Haare aus. Aber damals hatte ich Glück, denn sie kamen nach unzähligen Besuchen beim Arzt und Heilpraktiker nach ein paar Monaten wieder. Von da an hatte ich allerdings immer Panik, dass ich sie wieder verlieren könnte.

Ausgerechnet an meinem 20. Geburtstag schaute ich in den Spiegel und sah eindeutig eine Stelle, an der kreisrund das Haar ausgefallen war. Innerhalb von sechs Monaten verlor ich anschließend meine gesamte Körperbehaarung, auch die Wimpern, Augenbrauen und Achselhaare. Ich war auf einmal ganz kahl. Für mich war das schrecklich. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nie einen Freund gehabt und dachte, nun würde mich nie mehr ein Mann angucken. Ich war sicher, dass sich andere vor mir ekeln würden. Deswegen trug ich eine Perücke und kannte alle möglichen Schminktricks, damit bloß niemandem auffiel, dass ich haarlos war.

Ich habe von Natur aus schönes rotes Haar, deswegen suchte ich mir auch eine Perücke mit rotem Pagenkopf aus. Vielen Männern gefiel das, ich sah aus wie ein Vamp. Ich kam mir allerdings immer irgendwie verkleidet vor und hatte das Gefühl, dass diese Männer gar nicht wirklich mich attraktiv fanden, sondern diese mir selbst etwas fremde Frau mit der roten Perücke.


"Lange Zeit konnte ich ohne Perücke kaum in den Spiegel gucken" 

Meinem ersten Freund, den ich mit 22 hatte, sagte ich erst nach etwa zwei Monaten, dass ich eine Glatze hatte. Wenn er mich im Nacken streicheln wollte, bat ich ihn aufzuhören, weil ich dort kitzelig sei. Ich hatte eine sehr ausgeklüngelte Versteckstrategie, damit keiner merkte, was los ist. Das war wahnsinnig anstrengend. Dabei habe ich gar nicht so viele schlechte Erfahrungen gemacht. Als ich meinem damaligen Freund sagte, dass ich eine Perücke trage, war ihm das ziemlich egal. Er hatte eh schon vermutet, dass irgendetwas nicht stimmt. Als ich einmal bei einem One-Night-Stand die Perücke verrutschte, war ich erschrockener als der Typ, der bei mir war. Er hat mich sofort beruhigt und gesagt, dass er alles gewusst habe, mich aber nicht verunsichern oder verletzten wollte.
Fünf Jahre lang habe ich eine Perücke getragen. Irgendwann wollte ich das nicht mehr, weil es mich einfach zu viel Energie gekostet hat, mich immer zu verstecken. 

Seit zwei Jahren laufe ich abwechselnd mit Perücke und Glatze herum. Es ist abhängig von meiner Tagesform, was ich mache. Ohne Turban fühle ich mich manchmal nackt. Es passiert auch oft, dass Menschen mich mitleidig angucken, wenn sie meine Glatze sehen, weil sie denken, dass ich Krebs habe. Als ich auf dem Jakobsweg gewandert bin vor ein paar Jahren, bin ich mehrfach gefragt worden, ob ich das in meinem Zustand überhaupt machen dürfe. Das geht mir schon auf die Nerven. Ich werde lieber direkt angesprochen und gefragt, warum ich keine Haare habe. 

Lange Zeit konnte ich  ohne Perücke kaum in den Spiegel gucken, geändert hat sich das erst durch ein Fotoshooting. Ingrid, die mich fotografiert hat, kannte ich vom Tanzen. Ich wusste, dass sie tolle Bilder macht, aber habe mich nie getraut zu ihr zu gehen und immer Ausreden gefunden. Anfang 2015 habe ich mich endlich überwunden. Ich war total aufgeregt, denn es gab bis dahin kein einziges Bild mit Turban oder Glatze. Ich hatte auf den ersten Fotos noch eine Perücke auf, aber irgendwann habe ich sie einfach abgenommen. Ich hatte Herzrasen, aber Ingrid hat mir die Angst total nehmen können und war selbst auch total bewegt von diesem besonderen Moment.

"Manchmal wünsche ich mir, dass meine Haare wiederkommen"

Zwei Stunden später brummte mein Handy und da stand: „Liebchen, du musst sehen, wie schön du bist“. Als ich die Fotos angeguckt habe, habe ich angefangen loszuheulen. Ich habe mich zum ersten Mal als eine Frau gesehen, die weiblich ist, obwohl sie eine Glatze hat. Ich dachte: „Ich bin auf eine ganz besondere Art schön“. Dieses Gefühl wollte ich auch anderen Frauen mit meiner Krankheit weitergeben. Deswegen haben Ingrid und ich ein Projekt entwickelt, für das wir andere Frauen mit Haarausfall fotografiert haben, es heißt „Schönlinge“.

Mein jetziger Freund hat übrigens eine volle schwarze Mähne. Ihn stört es überhaupt nicht, dass ich keine Haare habe. Das Gute und Schlechte an meiner Erkrankung ist, dass mir genau in diesem Moment neue Haare wachsen könnten. Das ist möglich, denn Haarausfall kann kommen und gehen. Ich wünsche mir schon manchmal, dass sie wiederkommen, aber dann denke ich, dass ich auch ohne Haare glücklich bin.

Lisa Haalck hat zusammen mit der Fotografin Ingrid Hagenhenrich für das Projekt Schoenlinge.com auch andere Frauen mit Haarausfall porträtiert.

Foto: Ingrid Hagenhenrich