"Mein Orgasmus ist knallbunt und zerspringt in geometrischen Formen!"

Wenn Lina sich eine CD anmacht, dann ist die Luft nicht nur voller Geigen, sondern auch voller Farben und Formen. Doch Lina ist nicht verrückt, sondern gehört zu den Menschen, die eine besondere Gabe besitzen: Synästhesie. Bei Synästheten vermischen sich Sinneseindrücke auf eine Art und Weise, die für "normal wahrnehmende" Menschen nicht nachvollziehbar ist. Das ist kaum erklärbar, Lina versucht es trotzdem.

von Protokoll: Christine Rickhoff

Wenn ich meine Leibspeise esse - Spaghetti Bolognese - dann schmeckt das für mich hellgrün und rund. Das ist immer so. Meine kleine Tochter ist lila (gut, das sind viele kleine Töchter), aber bei mir wird sie aus dieser Farbe nie herauswachsen. Solange ich denken kann, ist mein Leben voller Farben und Formen. Die 7 ist bei mir blau, ein kühles Bad im See orange und fünfeckig. Das war schon immer so. Dass meine Wahrnehmung nicht der Norm entspricht, habe ich erst vor fünf Jahren verstanden, da war ich längst erwachsen. Genauso wie die anderen sich mein buntes Leben nicht vorstellen können, ist es für mich eine verrückte Idee, ohne meine Farben und Formen zu leben. Ich frage mich, wie sich das Leben wohl anfühlt, wenn Töne nur Töne sind und Geschmack nur auf der Zunge stattfindet.

Synästhesie ist keine Einbildung

Ich habe schon häufig gehört, dass Leute mich für ein bisschen verrückt halten. Wenn ich von meiner Wahrnehmung erzählt habe, sahen mich viele an, als hätte ich soeben behauptet, ich könne meine Urahnen sehen und mich mit Gänseblümchen unterhalten. Dabei gibt es ganz schön viele von uns. Da sich viele für ihre Fähigkeit schämen oder zumindest Angst vor den Reaktionen haben, gibt es eine große Dunkelziffer. Wie viele es von uns genau gibt? Keine Ahnung. Die Schätzungen gehen stark auseinander. Einige Forscher sprechen von einer Quote von 1:25.000. Andere sagen sogar, einer von 1000 sei Synästhet. Die wissenschaftliche Erklärung für Synästhesie ist übrigens, dass sich bei uns Sinneseindrücke vermischen. Töne, Geschmäcker und Gefühle haben also bei uns immer eine optische Komponente. Für manche auch eine akustische.

Zum Glück habe ich einen sehr offenen Freundeskreis. Sie nehmen meine Gabe eher interessiert als misstrauisch wahr. Sie fragen mich, welche Farbe sie für mich haben und wie sich ihr Lieblingssong für mich anhört. Einmal fragte mich eine Freundin, wie ein Orgasmus aussieht. Da wurde mir erst klar, wie unterschiedlich unsere Welten sind. Wie soll ein Orgasmus aussehen, wenn nicht knallbunt und aus tausenden kleinen geometrischen Formen bestehend?

Was ist eigentlich normal?

Manchmal wäre ich gerne ganz normal. Speziell sein macht bisweilen auch ein bisschen einsam. Während andere einfach fragen können: "Wie findest du das Gelb meines Mantels?" muss ich ganz alleine das schöne Gelb des Windes genießen. Vor zwei Jahren ist aber was sehr schönes passiert. Meine kleine Tochter sagte zu mir: "A ist blau, neblig und macht Wusch". Auch wenn mein A nicht wusch macht, hat es sich wunderbar angefühlt, noch eine kleine Synästhetin in meiner Familie zu haben. Und ich freue mich für sie, dass sie eine Mama hat, die das, was sie sagt, versteht. Wobei das mit dem verstanden fühlen ja nicht nur Menschen wie mich betrifft. Bestimmt fühlt jeder sich manchmal alleine mit seinen besonderen Fähigkeiten und ich bin mir ganz sicher: Irgendetwas besonderes kann jeder. Ich glaube, dass ganz viel zwischen Himmel und Erde existiert, was nur wenige von uns verstehen. Ich sehe vielleicht mehr Farben und Formen, dafür fühlen andere ganz andere Dinge. Vielleicht nimmt ja sogar jeder alles komplett unterschiedlich wahr und wir wissen es bloß nicht. Ich freue mich immer, wenn ich jemanden treffe, der die Welt anders sieht als ich. Alles, was einem selbst nicht bekannt ist, als verrückt abzustempeln, halte ich für keine gute Idee.