"Na Klappergestell, für dich Salat?" - Bodyshaming kennen auch dünne Frauen

Wenn ihre Freundinnen sich wieder mal über ihre unfreiwillig erworbenen Pfunde aufregen, schaut Lena beschämt zu Boden. Sie ist eine von denen, die den ganzen Tag Pommes mit Mayo essen könnten und trotzdem schlank blieben. Ein Traum, finden die Freundinnen. Nicht immer leicht, weiß Lena.

von Marie Stadler (Protokoll)

Ja, ich weiß, ich darf nicht meckern. Ich kenne keine Diäten, keine Figurprobleme, und ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, wenn man im Spiegel Dellen auf den Oberschenkeln entdeckt. Bei einer Größe von 1,70 m wog ich noch nie mehr als 56 kg. Was für meine Freundinnen wie der ganz große Traum klingt, hat für mich ehrlich gesagt wenig mit dem Gefühl zu tun, das ich Glück nennen würde. Es stimmt schon: Weil mein Körper die Kalorien aus irgendeinem Grund, den ich nicht kenne, nicht ansetzt, muss ich mich wenig einschränken. Ich esse, was ich will und wann ich will. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, Speckröllchen zu haben, stelle es mir aber ehrlich gesagt auch nicht allzu schlimm vor. Auf jeden Fall glaube ich, dass ich mich nicht anders verhalten würde, wenn ich mollig wäre, dafür esse ich viel zu gerne. Wissen kann ich es natürlich nicht. Und wehe mir, wenn ich sowas laut sage. Eine Meinung steht mir an dieser Stelle nämlich nicht zu. 

Als dünner Mensch ist man nicht automatisch böse

Wenn meine Freundinnen mich fragen, ob ich die drei Kilos sehe, die sie zugenommen haben, muss ich passen. Da Gewicht nie ein Thema für mich war, nehme ich es auch bei anderen einfach nicht wahr. Da müssten es schon mindestens zehn Kilo mehr sein, bevor ich bei anderen eine Veränderung bemerke. Und dann auch ehrlich gesagt völlig ohne Wertung. Ich würde Menschen nie über die Zahl auf der Waage definieren – genau das erwarten die anderen aber von mir. Letztens erzählte mir eine alte Freundin, dass sie mit mir niemals schwimmen gehen würde. Sie schäme sich vor mir in der Umkleidekabine und will gar nicht wissen, was ich über ihren Hintern denke. Das hat mich echt traurig gemacht, denn ich habe noch nie über ihren Hintern nachgedacht und finde meine Freundin wunderhübsch. Ich dachte, das weiß sie. 

Ich bin kein Freiwild für Kommentare

Ja, auch ich kenne blöde Tage. Dann stört mich zwar nicht mein Hintern, aber zum Beispiel meine Stresshaut. Ich werde niemals superreine Haut haben. Ist einfach so, und manchmal stört es mich, ja. Ich kann also nachvollziehen, wie es ist, mit sich und seinem Körper zu hadern. Was ich aber nicht verstehen kann, ist die Meinung, man dürfe dünne Menschen nach Herzenslust beleidigen, kommentieren oder ausschließen. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich mit einem "Ach, was weißt du schon darüber?" aus Gesprächen ausgeschlossen wurde, wie oft man mich als Klappergerüst, Brett oder Barbie bezeichnet hat oder wie oft mir unterstellt wurde, ich würde bestimmt Kalorien zählen. Dass ich das ganz sicher nicht tue, wird dann argwöhnisch beobachtet, wenn ich am Buffet zuschlage. Manchmal gebe ich mir Mühe, nicht direkt danach auf Toilette zu verschwinden. Ich weiß natürlich, was sie dann alle denken würden...

Body Positivity muss für alle gelten

Die Body Positivity Bewegung finde ich großartig. Sich selbst so anzunehmen, wie man ist und sich nicht ständig wegen seines Körpers zu stressen, das darf nicht von irgendeinem kulturell geprägten Ideal abhängen. Es gibt Länder, in denen ich mich definitiv für meinen Hintern schämen müsste und meine Freundin die wäre, die keine Ahnung von Figurproblemen hat. Mich für mich selbst zu schämen, sehe ich aber gar nicht ein. Und das sollten alle, die vielleicht nicht 90-60-90-Maße haben, auch nicht tun. Ja, ich weiß, ich hab gut reden. Und trotzdem maße ich mir jetzt einfach mal diese Meinung an. Denn wie es ist, für seinen Körper kritisiert, verspottet oder bewertet zu werten, das kenne auch ich. Ich glaube ganz fest daran, dass wir alle entspannter mit anderen umgehen können, wenn wir entspannter mit uns selber sind. Hintern hin oder her. Pickel hin oder her. Wenn wir von Body Poitivity sprechen, dann darf die aber nicht erst ab Größe 40 Berechtigung haben. Auch ich will meinen Körper lieben dürfen und möchte nie wieder hören, dass kurvige Frauen schöner sind als ich. Ich bin wie ich bin. Und du bist du. Wir sind beide schön. Jede auf ihre Art.