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Atopisches Ekzem – Viel mehr als nur blödes Jucken

Neurodermitis_Bild
© Getty Images
Lena hatte bereits als Kind Neurodermitis. Dass die Krankheit viel mehr als „nur“ ein juckendes Ekzem ist, verstehen viele nicht. Besonders schrecklich findet sie den Satz: „Die Haut ist das Fenster zur Seele.“ Weil er stimmt.
von Miriam Kühnel

Wenn Lenas Haut wieder zu jucken beginnt, ist der Juckreiz ihr kleinstes Problem. Das viel größere ist die Reaktion ihrer Umwelt. Neurodermitis spürt man ja nun mal nicht nur. Neurodermitis sieht man. Bei der Vierzigjährigen entzündet sich besonders die Haut an den Händen und um den Mund herum, das lässt sich schwer verbergen. „Ich weiß dann schon morgens, dass mein Chef mich fragen wird, ob ich zu viel Stress habe. Meine Kollegen wollen wissen, ob es mir nicht gut geht. Und die Leute in der U-Bahn starren mich mitleidig an“, erzählt sie. So als sei Neurodermitis immer ein Anzeichen dafür, dass man total labil sei. „Und das ist Quatsch!“, sagt sie bestimmt. „Nicht immer ist Neurodermitis Ausdruck eines seelischen Problems. Aber all diese Reaktionen und besorgten Fragen, die sind anstrengend. Und das bringt einen dann nachträglich schon mal ordentlich aus dem Gleichgewicht, was tatsächlich schlecht für die Haut ist.“

Wenn das Fenster zur Seele eingeschlagen ist

Die Haut ist unser größtes Organ. Es schützt uns vor äußeren Einflüssen und der Umwelt, so richtig diskret ist sie aber nicht und plappert manchmal auch ein bisschen zu viel über uns aus. Die Schatten unter den Augen, der durchschimmernde blaue Fleck nach einem peinlichen Sturz nach nicht mal einem halben Bier, das hübsch gebräunte Gesicht nach einem Urlaub. Facebook ist rein gar nichts gegen das Tratschtantenpotential unserer Haut. „Wenn dann aber noch Neurodermitis hinzukommt“, sagt Lena, „fühlt sich das an, als wenn das Fenster zur Seele eingeschlagen wird. Ich fühl mich dann immer ein bisschen nackt. Da liegen die Nerven eben blank. Im wahrsten Sinne des Wortes.“

Stress und entzündete Haut – ein Teufelskreis

Wenn ein Schub kommt, beginnt immer eine Kettenreaktion, die es schwer macht, die Haut wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Denn Stress ist zwar nicht Hauptursache für Neurodermitis, aber in vielen Fällen mitverantwortlich auch nicht gerade förderlich für die Heilung der entzündeten Haut. Und der fortwährende Juckreiz, das nächtliche Aufwachen, die Fragen der anderen, die eigene Hilflosigkeit und das schlechte Gewissen, doch wieder zu Kortison gegriffen zu haben, das alles zusammen macht es den Erkrankten nicht gerade leicht, die entspannteste Zen-Version von sich selbst zu sein. „Oft hilft mir dann nur der Rückzug“, sagt Lena. „Sonst komm ich nicht zur Ruhe und die brauche ich, um Haut und Seele zu beruhigen.“ Dann cremt und meditiert Lena, bis sich die Haut langsam wieder regeneriert hat.

Bei Schüben nicht wahnsinnig machen lassen

Auch wenn Lena manchmal selbst nicht in ihrer eigenen Haut stecken möchte, hat die Neurodermitis sie ein paar wichtige Lektionen gelehrt, für die sie dankbar ist. „Ich lasse mich nicht so schnell verrückt machen von der Meinung anderer“, sagt sie. „Was wirklich los ist in einem, das weiß man selbst immer am besten. Das sage ich mir auch immer, wenn ich selbst der Meinung bin, mehr über mein Gegenüber zu wissen als dieser selbst.“ Auch all die Patentrezepte von außen prallen mittlerweile an ihr ab. „Früher hat es mich tierisch aufgeregt, wenn alle eine Idee hatten, was ich tun müsse, damit es aufhört.“ Heute lächelt sie die Tipps weg. Auch das Stirnrunzeln, wenn sie Milchkaffee trinkt, kann sie mittlerweile einfach ignorieren. „Ich weiß, dass Milch bei mir nichts verändert. Und da kann es zehnmal dem Nachbarn der besten Freundin gegen Neurodermitis geholfen haben, Milch wegzulassen. Bei mir bringt das leider rein gar nichts außer schlechte Laune, weil mir mein Milchkaffee fehlt.“ Das jedem zu erklären, sieht die 40-Jährige aber nicht mehr ein. „Ach, die anderen denken eh, was sie wollen. Da änder ich nichts dran durch Erklärungen. Wahrscheinlich hat die Krankheit mich so gesehen schon ein bisschen weiser gemacht“, schmunzelt sie. „Aber dass Weisheit so juckt, das nervt gewaltig!“, fügt sie lachend hinzu.  


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