"Toll, dass du so mutig bist ... bei deinem Aussehen"

Dünn = schön? Dünn = glücklich? Auf ihrem Instagramaccount zeigt Curvy-Model Charlotte Kuhrt, dass diese Rechnung völliger Blödsinn ist. Und der eigene Körper dann perfekt ist, wenn man glücklich ist.

von Nele Justus

Es gab da diesen Schlüsselmoment vor etwa drei Jahren. Ich habe auf Instagram andere kurvige Frauen gesehen und gedacht: Die finde ich schön! Diese Frauen sind selbstbewusst. Sie zeigen sich so, wie sie sind. Warum mache ich das nicht? Warum kann ich mich nicht selber genauso schön finden? Da ist mir klar geworden, dass ich jahrelang versucht hatte einem Ideal hinterher zu hecheln, dass gar nicht zu mir passt. Dass dünner nicht gleich glücklicher bedeutet. Oder etwa schöner. Ganz im Gegenteil. Also habe ich aufgeräumt: in meinem Kopf und in meinem sozialen Umfeld.

Ich habe mich dafür entschieden, mehr zu leben, anstatt mein Leben von meinem Gewicht bestimmen zu lassen. Diäten und exzessiven Sport habe ich großzügig gestrichen und mir dafür Sachen gesucht, die mir gut tun. Yoga zum Beispiel. Das mache ich nicht zum Kalorienverbrennen, sondern weil ich mich dadurch besser fühle. Außerdem habe ich aufgehört, mich ständig mit anderen zu vergleichen. Mich zu fragen, ob jemand dünner, dicker, schlauer, dümmer, erfolgreicher oder sonst irgendetwas ist. Ich habe mich von meiner Modelagentur getrennt, weil die mir immer suggeriert haben, ich müsste als Plus-Size-Model noch ein paar Kilo abnehmen, um besser im Geschäft zu sein. Werbung gucke ich gar nicht mehr, weil mir diese ganze Dünnfrauen mit festgetackertem Dauerlächeln total auf den Geist gehen. Und ich habe mich von Menschen getrennt, die mir nicht guttaten. Das klingt erst einmal hart. Aber jeder hat doch diese eine Freundin, die einen runterzieht, weil sie ständig mäkelt, sie sei zu dick, obwohl sie Kleidergröße 38 trägt. Und man selber denkt dann so: Ähh, und was soll ich jetzt sagen?

Ich habe Kleidergröße 46 und bin kerngesund. Ich ernähre mich ausgewogen, esse häufiger einen Apfel als ein Stück Schokotorte – und bin nicht ansatzweise dünn. Und trotzdem oder gerade deshalb mag ich mich so wie ich bin. Vielen fällt es schwer, das zu akzeptieren. Ich hatte zum Beispiel diesen Moment mit meiner Mutter, in dem ich ihr ruhig aber deutlich erklärt habe, dass ich in Zukunft weder abnehmen werde noch ihrem Schönheitsideal entsprechen möchte und sie aufhören soll, das auf mich zu übertragen. Offen reden hilft. Heute ist sie mein größter Fan. Gerne kommen auch Leute mit ungebetenen Ratschlägen um die Ecke. Der Wink mit dem Zaunpfahl klingt dann so: „Du, ich habe da diese wahnsinnig tolle Diät ausprobiert. Echt super. Da kannst du zuschauen, wie die Kilos purzeln. Solltest du auch mal machen.“ Oder: „Ich war da gerade in diesem neuen Fitnessstudio. Da gibt es jemanden, der weiß echt, wie man Fett verbrennt.“ „Klingt ja spannend“, antworte ich dann mit einem Lächeln, „aber danke, keinen Bedarf.“ Darauf folgen dann manchmal diese komischen Blicke, weil die Leute tatsächlich denken: „Das arme Ding kann sich ja so gar nicht wohlfühlen.“ Aber es werden weniger, je selbstbewusster man auftritt.

Am amüsantesten finde ich immer die Gesichter, wenn ich auf die Frage: „Und, was machen Sie so?“ antworte, dass ich Model bin. Dann bekommen die Leute einen leicht verwirrten Gesichtsausdruck, bevor der Blick an mir rauf und runterschweift. „Ach ja, Sie haben ja auch ein sehr schönes Gesicht“, sagen die dann so ein bisschen verkrampft. Oder manchmal auch: „Toll, du bist ja sooo mutig!“ Dann weiß ich nicht genau, ob ich das als Kompliment oder Beleidigung werten soll. Meistens entscheide ich mich für ersteres.

Natürlich gibt es Tage, an denen ich mir nicht gefalle. Da bin ich es besonders satt, dass mir die Leute sagen, dass ich mich nicht so fühlen darf, wie ich bin: normal. 1,80 große Amazonen mit Kleidergröße 36, wie wir sie ständig in der Werbung sehen, sind nämlich nicht der Bundesdurchschnitt, sondern Kleidergrößte 44. Vielleicht bekomme ich auch deswegen so viel positives Feedback auf meinem Instagramaccount. Vor einem Jahr habe ich angefangen unter beautynotsize Bilder von mir zu posten: immer möglichst offen und glücklich – alleine schon, um das Klischee der unzufriedenen, dicken Frau zu widerlegen. Seitdem bekomme ich täglich Mails von Frauen, die sich bedanken und mir schreiben, dass sie sich zum ersten Mal getraut haben, in Shorts oder einem Kleid vor die Tür zu gehen. Das macht mich glücklich, weil ich so das Vorbild sein kann, das ich selber gerne gehabt hätte.

Weitere spannende Themen findet ihr auf dem Special zur Curvy-Week

Charlotte Kuhrt ist Model und Visagistin. Auf ihrem Instagramaccount @charlottekuhrt folgen ihr mehr als 112.000 Leute. Dort zeigt sie, dass der eigene Körper dann perfekt ist, wenn man glücklich ist.

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