Das Lippenstiftexperiment: Plötzlich jeden Tag geschminkt!

Unsere Autorin benutzt meist nur Wimperntusche und Concealer. Weil sie aber neulich ein Kompliment für ihren ausnahmsweise mit Lippenstift geschminkten Mund bekommen hat, probiert sie eine Woche lang aus, wie es sich anfühlt, wenn sie mal richtig dick aufträgt. Mit verblüffenden Reaktionen.

von Viola Kaiser

"Es ist doch nur etwas rote Farbe", denke ich, als mich die fünfte Person an diesem Morgen auf meinen neuen – nennen wir es mal –  "Look" anspricht. Allerdings ist die Reaktion der sechs Jahre alten Freundin meiner Tochter auch völlig wertfrei. "Du hast da was Rotes auf dem Mund", sagt sie nur, dreht sich um und ist weg. Die anderen Kommentare sind dagegen erstaunlich emotional: "Meine Güte, du bist ja ein völlig anderer Typ", sagt der Nachbar im Hausflur erstaunt. "Darf ich dich jetzt noch küssen?", fragt mein eigener Mann verwirrt. "Du bist sooo schön, Mama", brüllt meine Dreijährige begeistert. 

"Bin ich sonst so unscheinbar?", frage ich mich. Grundsätzlich brauche ich morgens zehn Minuten im Bad: Haare kämmen, Zähne putzen, Concealer, Wimperntusche, bisschen Rouge – fertig. Ich bin nämlich fast nie ungeschminkt, ich sehe nur so aus. Mein natürliches Aussehen ist blass. Blonde Wimpern, helle Augenbrauen, Haut wie Edward aus "Twilight", nur ohne den Glitzer im Sonnenlicht. Ich bin relativ farblos, abgesehen von schwarzen Augenrändern. Als ich neulich mal roten Lippenstift auf einer Feier trug, bekam ich dafür etwa drei Komplimente, seitdem will ich mehr davon. Deswegen probiere ich eine Woche mit Make-up aus. 

Bisschen Hilfe hier und da muss bei mir ohnehin immer sein. „Richtiges“ Make-up mit Lippenstift und allem Drum und Dran trage ich dagegen praktisch nie. Erstens weil ich Lippenstift nach etwa fünf Minuten überall habe, nur nicht mehr auf dem Mund. Zweitens, weil ich mich irgendwie unwohl fühle, wenn ich zu auffällig aussehe. Rote Münder sind ein Hingucker, dafür sollte man mutig sein

Ich werde viel mehr angeguckt. Vor allem von mir selbst

Das muss ich wohl jetzt. Am ersten Tag mit leuchtend roten Lippen bin ich unsicher: Im Handyladen um die Ecke ist der Verkäufer sehr, sehr freundlich und aufmerksam mit mir. Während er mit mir redet, starrt er auf meinen Mund. Ist das schon wieder alles verschmiert? Oder findet er mich vielleicht schön? Oder tut ihm die überschminkte Frau mit dem zerstörten Handy einfach nur leid? Egal, das mit dem Telefon hat er geregelt. Hätte er vielleicht auch ohne meine Make-up-Experiment. Nach dem Termin gucke ich in den Spiegel und stelle fest: Alles da, wo es sein soll.  

Egal, ob knallrote, orangefarbene oder pinke Lippen: An allen sieben Tagen mache ich vor allem positive Erfahrungen. „Du siehst aus wie eine Lippenstiftmodel", sagt meine Freundin Nina. Das ist zwar völlig übertrieben, aber freut mich trotzdem. "Diese Farbe lässt dein ganzes Gesicht strahlen", sagt eine Bekannte aus der Kita. "Du erinnerst mich an deine Mutter in jung", sagt meine ehrlichste Freundin trocken. Tatsächlich ist da was dran. Meine Mutter ist nämlich immer geschminkt und adrett. Nicht so wie ich. Ich nehme es als Kompliment. 

Tatsächlich werde ich viel mehr angeguckt, von Fremden auf der Straße, von Leuten, die ich kenne. Vor allem von mir selbst. Ich entwickle nämlich in den ersten Tagen einen stark ausgeprägten Kontrollzwang. Der wird nach drei Tagen etwas besser. Erstens, weil ich merke, dass der Lippenstift höchstens zu schnell verschwindet, aber gar nicht überall im Gesicht oder auf meinen Zähnen landet. Zweitens, weil das zu viel Zeit in Anspruch nimmt, wenn ich alle zehn Minuten meinen Spiegel zücke.

Labello geht viel schneller als Lippenstift – und unterwegs 

Der größte Nachteil des Ganzen ist die Zeit: Labello auf den Mund schmieren geht zumindest bei mir einfach deutlich schneller – und vor allem fix unterwegs. Ich bin nicht sehr geübt und brauche morgens ein bisschen Zeit, um das Ganze Make-up-Ding zu optimieren. Einfach nur rote Farbe draufkloppen geht ja nicht, das ist selbst mir zu blöd. Ich möchte es ordentlich machen. Mit ein bisschen Puder zum Fixieren, unverklumpter Wimperntusche und auch noch Rouge. Das dauert. 

Deswegen bin ich auch froh, als ich mein Experiment nach sieben Tagen selbst für beendet erkläre. Ich weiß jetzt, dass ich so ein bisschen Farbe im Gesicht nicht schadet. Allerdings sind ja alle vor allem so begeistert von meinem neuen Ich, weil ich sonst eben nicht so aussehe. Für jeden Tag  – und vor allem morgens um 8 ist mir das einfach zu übertrieben.

Mein Mann zumindest ist erleichtert, der kann mich jetzt auch wieder ohne Probleme zum Abschied küssen. Und ich habe wieder mehr Zeit. Aber nächsten Samstag gehe ich auf eine Party – und da hole ich den roten Lippenstift bestimmt noch mal raus