Ganz.Schön.Dick. – Darf man sich als Dicke schön finden?

Steffi Hidber vom Blog heypretty.ch versteht überhaupt nicht, was Schönheit mit Gewicht zu tun haben soll. Und erst recht nicht mit Lebensglück und Zufriedenheit. Ein Gastbeitrag.

von Steffi Hidber

Ich weiß, dass mich meine Familie und meine Freundinnen lieben, so wie ich bin. Das gilt offenbar auch für meine Blog-Leserinnen und Instagram-Follower. Und trotzdem frage ich mich, ob denn alle hinter vorgehaltener Hand fragen: "Woher nimmt die sich eigentlich ihr Selbstvertrauen?". Denn ich bin richtig dick: 95 kg auf 167 cm. Und ich finde mich nicht nur okay so, sondern... SCHÖN.

Bam!

Die Diskussion ist eröffnet.

Oder willst du zuerst mein Bild anklicken, es vergrößern und mich nach der Skala, die jede Frau im Kopf führt – du weißt schon, diese "ist-die-dicker-als-ich-oder-dünner-als-ich" Einteilung – messen? Es wird nichts daran ändern, dass ich mich mag, so wie ich bin. Und zwar wirklich.

Es ist offensichtlich abnormal, sich zu sagen: "Du siehst heute RICHTIG gut aus, Alte!" 

Angefangen hat alles mit einem Beitrag, den ich vor bald einem Jahr auf meinem Beautyblog veröffentlicht habe – einem Ort, an dem es eigentlich nicht um Body Positivity geht, sondern um Lipgloss und Anti-Aging-Cremes und Lieblingsbücher.

Ich ließ mich nach einem harmlos wirkenden Kompliment aus meinem privaten Umfeld an eine meiner Teenager-Töchter ("Du hast aber schön abgenommen!") zu einem richtigen "Rant" hinreißen (hier kannst du ihn lesen), dass wir Mädchen nicht dazu erziehen sollten, ihr Glück über ihr Körpergewicht zu definieren. Dabei fragte ich mich, ob ich mit meiner Figur meinen Töchtern ebendies vorlebe, oder ihnen eher als abschreckendes Beispiel gelte.

Das Feedback kam schnell und ungefiltert.

Und größtenteils äußerst positiv – auch aus dem Freundeskreis meiner Kids, wo das Feature zu wirklich guten Diskussionen geführt hatte. Was mich jedoch erschreckte, waren die vielen Kommentare von erwachsenen, gestandenen Frauen, die sich wünschten, dass sie auch so wohlwollend mit ihrer eigenen Figur umgehen könnten wie ich es offenbar tat. Da merkte ich, dass das offensichtlich abnormal ist, sich vor den Spiegel zu stellen und zu sagen: "Du siehst heute RICHTIG gut aus, Alte!".

Sieht die Durchschnittsfrau wirklich nur Cellulite, Fettpölsterchen und geplatzte Äderchen?

Ist es wirklich so, dass sich die Durchschnittsfrau – ob jung oder alt, ob Gazelle oder Nilpferdchen – anschaut und nur Cellulite, Fettpölsterchen und geplatzte Äderchen sieht? Greifen Frauen wirklich, so wie in der Werbung früher, an ihre kaum vorhandenen Pölsterchen und sagen sich mit hasserfüllter Stimme "das ist doch zum Kotzen!"? WIRKLICH JETZT?

Und wenn ja: Warum mache ich das nicht? Ich hätte allen Grund dazu! Schwabbeliges 45-järhiges, von zwei Schwangerschaften und einem Leben voller Butterbrötchen und Prosecco geprägtes Bindegewebe, ein dicker Hintern, stämmige Beine, wabbelige Oberarme. Und schon jetzt, während ich diese Worte tippe, stellt sich ALLES in mir Quer: Wer möchte solch giftigen, destruktiven Gedanken überhaupt Raum geben?

Natürlich streichle ich nicht jeden Morgen beglückt über meinen dicken Bauch

Es gibt so viel Tolleres, das ich über mich selbst sagen könnte! Ich bin eine gute Freundin, gebe Obdachlosen Geld, kleide mich gut, kann gut zuhören, habe schöne Augen und esse wirklich jeden Tag Gemüse und Früchte.  Manchmal sogar Bio!

Mich besorgt es sehr, dass man mich als widerwilliges Body Positivity-Role Model bejubelt – bloß, weil ich öffentlich sagen kann, dass ich mich schön finde.

Natürlich streichle ich nicht jeden Morgen beglückt über meinen dicken Bauch und flüstere meinen Oberschenkeln zärtliche Worte zu... aber ich würde meinen dicken Bauch auch nie als Ausrede bringen, warum ich nicht erfolgreich bin, nicht geliebt werde, nicht glücklich sein könnte.

"Schön" hat für mich unglaublich wenig mit Gewicht zu tun. Schön ist guter Style, schön ist eine tolle Ausstrahlung, schön ist, sich wohl zu fühlen dabei, anders auszusehen.

Wir werden in den Medien bombardiert von schlanken, wunderschönen Frauen

Ist es wirklich nötig, dass ich als Dicke hinstehe und sage: "Wenn ich all das hier lieben kann... warum kannst DU es denn nicht?". Schockierenderweise scheint die Antwort "ja" zu sein. Das beweist schon nur die Tatsache, dass Barbara.de mich überhaupt angefragt hat, hier auf dieser Plattform auch was dazu zu schreiben, hüstelhüstel.

Natürlich werden wir in den Medien immer noch bombardiert von schlanken, wunderschönen Frauen, und das wird auch so bleiben. Aber ich finde es toll, dass meine Töchter in einer Zeit aufwachsen, in der sie auf ihrem Smartphone mit der schlichten Suche nach Hashtags wie #bodypositivity, #loveyourself oder #girlscandoanything selbst bestimmen können, mit welchen Messages und Vorbildern sie sich berieseln lassen möchten.

Alles, was ich dazu sagen kann, ist dass ich mich freue, wenn es dir dabei hilft, deinen Körper zu akzeptieren und dich schön zu finden, wenn du Frauen wie mich siehst, die in einem enganliegenden Animal Print-Kleid auf der Straße EIN SANDWICH ESSEN.

Falls ich ein Instagram-Bild davon mache, dann aber nicht mit dem Hashtag #selflove, sondern eher #hatjemandzahnseide? 

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