Husband Stitch: Wenn aus dem Dammriss die Einladung zum Extrastich wird

Ja, das gibt es wirklich: Ärzte nähen Frauen nach der Entbindung absichtlich enger – für mehr Freude beim Sex. Das kann jedoch nicht nur schmerzhalft sein, sondern ist auch wahnsinnig sexistisch, findet unsere Autorin.

von Kirsten Mannshardt

Ein Kind auf die Welt zu bringen, ist, da kann man sagen, was man will, eine körperliche Meisterleistung. Dass das nicht immer ohne kleinere oder größere Blessuren vonstattengeht, dürfte – einen gesunden Menschenverstand vorausgesetzt - nicht verwunderlich sein. Ein Dammriss, das ist der Riss des Gewebes zwischen Vulva und After, ist da verständlicherweise keine Seltenheit. Ungefähr jede vierte Frau kann ein Lied davon singen. Wie stark der Damm einreißt, hängt von der Größe und dem Gewicht des Babys und der Vorbereitung des Gewebes auf die Geburt ab.

Husband Stitch: Der eine Stich, der nicht normal ist

Ein leichter Dammriss verheilt meistens von alleine. Eine Naht muss oft gar nicht sein. Wenn allerdings außer der Haut auch die Beckenbodenmuskulatur, der äußere Afterschließmuskel oder im schlimmsten Fall die Darmschleimhaut aufreißen, muss das verletzte Gewebe unter lokaler Betäubung genäht werden. Soweit so gut, alles vollkommen normal. Manchmal passiert es allerdings, dass beim Vernähen ein bis zwei Stiche mehr als notwendig gemacht werden. Das wiederum ist nicht normal, denn genau diese überflüssigen Stiche bezeichnet man als Husband Stitch. Wozu das gut sein soll? Ganz einfach: Die Vagina soll dadurch nach der Geburt verengt werden, um den Sex für den Mann wieder lustvoller zu machen. Ziemlich paradox, wenn man bedenkt, dass die Scheide ein Muskel ist, der sich durch das Nähen nicht verengen lässt. Einzig der Scheideneingang wird kleiner und das, kann später zu starken Schmerzen und Komplikationen beim Sex führen kann – sowohl für die Frau als auch den Mann.    

Mythos oder traurige Wahrheit?   

Gerne würde man glauben, dass es sich bei dieser Praxis, um einen geschmacklosen Mythos handelt, den irgendein Idiot in die Welt gesetzt hat. Leider scheint das nicht der Fall zu sein, denn im Internet berichten Frauen, dass der Husband Stitch der Wahrheit entspricht und in deutschen Kreissälen praktiziert wird. Im Schutz der Anonymität berichten sie in Foren von heftigen Schmerzen, die sie beim Sex plagen, weil ihr Arzt „ihrem Mann einen Gefallen tun wollte“ und nicht zu ihrem eigenen Wohl gehandelt hat. „Ach, ich näh einfach noch ein bisschen enger“, soll da ein Arzt grinsend zum frischgebackenen Vater gesagt haben. Auch von Witzen wie „So gut wie neu – vielleicht sogar besser“ ist dort zu lesen. Und eine Gynäkologin berichtet sogar von Ehemännern, die scherzhaft gefragt haben sollen, ob sie nicht ein, zwei Stiche mehr machen könnte.

Unfassbar, wenn eine solche Praxis in Zeiten von #metoo noch Realität sein kann und ein derart perfider Sexismus Platz an einem Ort findet, an dem werdende oder frischgebackene Mütter sich sicher und geborgen fühlen sollten.

Wer hier schreibt:

Kirsten Mannshardt
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