Männerglatze: Immerhin keimfrei

Mann will Wolf sein – doch wenn die Haare ausfallen wie das Winterfell, fühlt er sich plötzlich eher als geschorenes Lamm. Eine Erklärung wieso das Männer so mitnimmt – und sie trotzdem loslassen sollten.

von Tim Schramm

Alle, die auf dem Olymp der Männlichkeit sitzen, haben sie: Haare. Volle, üppige, perfekt gestylte und meist wogende Haare. James Bond, David Beckham, John Wayne, Lenny Kravitz, Lothar Matthäus. Nichts ist sexier – das haben uns Werbung und Hollywood Jahrzehnte lang eingehämmert – als ein Mann, der sich mit der Hand durch's volle Kopfhaar fährt. Oder eine schöne Frau, die einem Mann durch's volle Haar fährt. Sixpack und Brustbewaldung kann man ja unter dem Hemd verstecken. Kopfhaare nicht, die thronen da oben für jeden ersichtlich.

Haare haben das popkulturelle Gewicht eines Mammuts. Kein Wunder kommt der Haarverlust beim Mann oftmals einer psychischen Kernschmelze gleich – und von der Gesellschaft wird die Schwere der Situation oftmals gar nicht akzeptiert, oder eher: Sie wird belächelt. Der glatzierende Mann jedoch durchläuft gefühlt die fünf Phasen des Sterbenskranken: Verneinung, Wut, Verhandeln, Depression, Akzeptanz. Kein Witz. Aber hat er sich durch dieses Purgatorium erstmal durchgekämmt (haha), trägt er die Fleischkappe wie die glänzende Rüstung Sir Lancelots. 

Wieso eine Glatze den Mann so stresst:

Nun, wir wollen die Angelegenheit ja nicht weich spülen – die Gründe für Glatzenpanik sind vielschichtig. Einige Punkte dominieren heute jedoch:

1. Eine Glatze untergräbt die Männlichkeit

Idealbild sei Dank: In unserer Kultur steht volles Haar nunmal für Attraktivität, Macht, Stärke und damit für den Inbegriff von Männlichkeit. Dieses Bild ist leider so pervers verseucht, wie das Idealbild der Barbie mit langen Haaren, langen Beinen und großen Teekrügen. Freudianer gehen sogar so weit, das Haar beim Mann als Symbol für dessen Geschlechtsteil zu interpretieren – und jetzt lacht nicht: Haarverlust wirkt dann ergo wie Kastration.

Damit tritt das Fiasko ein: Die meisten Männer möchten gern ein Gefühl von Attraktivität UND Männlichkeit mit sich tragen. Geht das schöne Haar flöten, kriegt dieses Gefühl gewaltig eins ins Osternest – und schon ist es geschehen: Man glaubt in den Augen potentieller Partner nicht mehr sexy zu sein. Nie mehr.

2. Eine Glatze macht alt

Auch hier wieder: Unsere Kultur macht alles unlustig. Denkt doch mal darüber nach, wie oft in der Werbung "ewige Jugend" als Idealzustand gepredigt wird. Der amerikanische Psychologe und Autor Gershen Kaufman nennt dies als den zweiten Hauptgrund für die tiefschwarze Stimmung bei Haarausfall – Glatze bedeutet alt werden.

Gemäss Kaufman schämen sich viele Menschen genau dafür: Männer oftmals genauso wie Frauen. Mitte Zwanzig will man halt jung, gutaussehend und hip sein – nicht alt, rheumatisch und nach der Tagesschau schon schläfrig. Obwohl man so in Berlin-Kreuzberg wohl mittlerweile als Stilrevolutionär durchgeht.

3. Eine Glatze führt zu Veränderung

Dann wäre da noch der Punkt der lieben Veränderung, die mögen nämlich viele nicht, wenn sie nicht in Form einer Zwangsumsiedlung nach Fidschi kommt. Über all die Jahre des Lebens schauen wir ja nicht gerade selten in den Spiegel und was da zu sehen ist, hat oftmals Haar. Noch. Das kann man sich gar nicht anders vorstellen.

Eine Glatze verändert nicht nur, wie wir uns selber sehen – viel mehr Angst haben wir noch vor dem, was die anderen wahrnehmen. Meistens gewöhnt man sich nämlich an ein bestimmtes Selbstbild und Auftreten. Das wird durch den Kahlschlag da oben komplett umgekrempelt. 

Wieso man einfach dazu stehen soll

Nun, die Männerglatze ist also garantiert nichts, dass man leicht nimmt – und die Gesellschaft hilft mit ach so aufmunternden Plattitüden wie "Glatze ist sexy" in etwa so sehr wie Bräunungs-Öl am Strand von Rio. Solche Sprüche will in dieser Situation übrigens auch garantiert niemand hören.

Die Wahrheit jedoch ist, dass genetischer Haarverlust auch mit Wundermitteln nicht gestoppt werden kann. Helfen tut schlicht nur eines: Sich damit abfinden und neues Selbstvertrauen aufbauen. Das ist nämlich das einzige was zählt und wahrlich sexy macht. Das hört sich leider ein wenig langweilig an, darum haben wir hier noch ein paar Vorteile gelistet, die überzeugen:

  • Glatze ist Power: Schaut mal Amazon-Gründer Jeff Bezos an. Oder Lex Luthor aus Superman.
  • Glatze = Schnurrbart: Die Devise ist "Oben kurz, unten lang". Mit einer Glatze darf man sich endlich einen üppigen Vollbart stehen lassen, oder noch besser, einen Schnurrbart im Stil von Walter White aus Breaking Bad.
  • Glatze ist keimfrei: Gemäss Forschern der Universitäten von Oxford und Reading verliert der Mensch Haare, damit er besser vor Parasiten und Flöhen geschützt ist. Toll, nicht?