Mein Duftfetisch und ich – Warum ich meine Nase nirgendwo raushalten kann!

Unsere Autorin ist eine von diesen Menschen, die an wirklich allem schnüffeln müssen. Welpen, Kinder, Herrenhemden: Niemand ist vor ihr sicher!

von Paula Becker

„So einen kleinen an der Klatsche hast du ja schon“, sagt mein Bekannter beim Kneipenbier während ich unbedarft einen tiefen Zug an meiner Strickjacke nehme. Glück gehabt: Die Jacke duftet noch immer herrlich nach an der frischen Luft getrockneter Wäsche. Mit einem tiefzufriedenen Gefühl streife ich sie mir wieder über. „Kann es sein, dass du da irgendwie nen Geruchstick hast?“. Soeben waren wir aus einem asiatischen Restaurant geflüchtet, weil ich befürchtete mein frisch gewaschenes Haar könnte den Duft gebratener Ente annehmen – was wiederum dazu führen würde, dass ich später schlecht schliefe...

Ok, ok, so ein bisschen ungewöhnlich ist das schon. Und, ja, ich schnüffle tatsächlich an fast allem, was in Kontakt mit mir kommt: Den Möhrchen beim Kantinen-Lunch, der frisch benutzten Sportsocke, der eigenen Bluse nach einem nervenaufreibendem Meeting und sogar an meiner Katze, wenn sie zu einer kuscheligen Zimtschnecke zusammengerollt auf dem Sofa liegt. Allerdings hat das Ganze eher seltener mit Ekel und Hygienepanik, als mit purer Neugierde und vor allem auch sehr positiven Gefühlen zu tun. Zum Beispiel habe ich vor Kurzem einen – selbstverständlich auch fachlich hochqualifizierten – Mitarbeiter sehr gern spontan entschlossen eingestellt, weil ich fand, dass er schlichtweg echt gut roch.

Einfach mal unbemerkt die Nase ins Welpen-Fell graben

Ganz schlimm für mich auch: Menschen- und Tierkinder. Es ist ja nicht so, dass Hundewelpenbesitzer es nicht eh schon sehr schwer hätten. Ständig werden sie von hysterischen Frauen überfallen („Awwwww! So! Süß!“) und kommen mit ihrem Hundenachwuchs kaum zum Pinkeln um die nächste Häuserecke. Ich hingegen bin da noch eine Stufe härter. Mein größtes Ziel bei der Begegnung mit einem Fellkind: Meine Nase möglichst unbemerkt ins Fell hinter seine Öhrchen graben! Nur logisch, dass dieses Verhalten bereits etliche mir fremde Tierbesitzer auf offener Straße verstört zurückgelassen hat.

Neulich wollte man mir dann auch noch ein schlafendes Kleinkind vorführen. Leider kannte mich dieses bis dahin ebenso wenig wie die zahlreichen Welpen. Hilfe! Gibt es denn etwas Wohligeres als den süßlichen Bettgeruch kleiner Menschen? Habe mich dann besser mal am Türrahmen festgehalten. Man stelle sich das lebenslange Trauma vor: Das arme Kind wacht nichtsahnend mitten in der Nacht auf während eine fremde Person sich intensiv Luft durch die Nase einziehend tief über sein Bett beugt...

Ja, ich stehle Schlaf-Shirts

Klar, auch auf mein Liebesleben hat diese Art der einseitig potenzierten Sinneswahrnehmung großen Einfluss. Um es kurz zu machen: Ich stehle heimlich getragene T-Shirts. Peinlich, ich weiß. Doch der allerverlockendste Geruch von allen ist für mich der Hautgeruch eines begehrten Menschen. Rund um den Hals und das Herz, dort wo das Blut pulsiert, ist er am intensivsten. Wen wundert es da, dass ausgerechnet Patrick Süßkinds „Das Parfum“ seit jeher mein Lieblingsbuch ist? Denn lässt man mal diese ganze Serienmordsache weg: Hat jemand den direkten Einfluss von Gerüchen auf Gefühle je besser beschrieben? Eben. Ich zumindest habe mich beim Lesen zum ersten Mal so richtig verstanden gefühlt.

Und auch die Wissenschaft hat inzwischen Erklärungen für mein Verhalten gefunden. Der Geruchssinn sei entwicklungsgeschichtlich nämlich einer der ältesten, weil unmittelbarsten Sinne. Während das Sehen, Hören, Fühlen und Schmecken kognitiv vorgefiltert werden, gelangen Duftinformationen unmittelbar ins Gehirn, da die Riechnerven direkt in die Nase reichen. Laut Forschung werden Gerüche in annähernd der gleichen Gehirnregion wie Emotionen verarbeitet – was vielleicht endlich meine enge Verknüpfung, meinen „Tick“, erklären könnte.

Das stinkende Shirt entscheidet über den Gen-Fit

Und mehr noch: Frauen, die anders als ich, nicht heimlich, sondern im Namen der Wissenschaft, ausführlich an benutzten Männer-T-Shirts schnupperten und daraus auf die Attraktivität des Hemdenträgers schließen sollten, wählten unbewusst, die jeweils genetisch passende Person für sich aus. Hammer, oder?

Das mich der Geruch von frischer Wäsche beruhigt und an „Zuhause“ erinnert, ist ebenso erklärbar: Laut Forscher könnten Menschen sich auch nach vielen Jahren an den Geruch des Kinderzimmers oder des Lieblingsstofftiers erinnern, dabei würden intensive positive wie negative Gefühle ausgelöst werden. Und: Menschen, die hingegen ihren Geruchssinn verlören, würden häufig depressiv werden. Sie vermissten schlichtweg den eigenen Geruch. Man vermutet also, dass man mit dem Geruchssinn quasi auch die eigene Identität verliert. Traurig, nicht wahr?

Ob ich also einen kleinen an der Klatsche habe? Ganz bestimmt sogar! Aber immerhin, weiß ich dabei ganz genau, wer ich bin.

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