Mirror Fasting: Ein Leben ohne Spiegel im Test

Unsere Autorin zog um, hatte keine Spiegel im Bad, beschloss eine Woche ohne zu leben – und verwahrloste ein bisschen. Das fand sie ziemlich gut.

von Viola Kaiser

Ich bin nicht so der Typ Mensch, der tiefsinnige und philosophische Experimente macht. Aber wir haben ein neues Badezimmer, und das hat noch keinen Spiegel. Zeitgleich wurde unser Flurspiegel von einem Ball spielenden Kind zerstört. Ich hätte mich darüber ärgern können, aber vermutlich hätte er sich dadurch nicht selbst repariert. Außerdem merkte ich nach dem ersten Morgen ohne, dass ich mich ganz wohl fühle, wenn ich mich nicht dauernd sehen muss. Genauergenommen beschloss ich, aus der Not eine Tugend zu machen, ausnahmsweise einfach mal geduldig zu sein. Und uneitel. 

Deswegen schaute ich von nun an nicht mehr in den Spiegel. Eine Woche lang. Das klingt jetzt so einfach, aber in der englischen Sprache gibt es für dieses Phänomen sogar einen Fachausdruck: Er heißt "mirror fasting". Was so easy klingt, verursacht in erster Linie übrigens besonders anfänglich praktische Probleme:

Tag 1

Ich kann meine Kontaktlinsen ohne Spiegel in die Augen tun, ich kann mich ohne Spiegel kämmen, auch Concealer haut hin. Das mit der Wimperntusche kann ich nicht. Soll ich die jetzt weglassen? "Bist du krank?", fragt meine Freundin morgens an der Kita. Nein, nur ungeschminkt. 

Tag 2

Ich vermute, ich sehe wirr aus so ohne ordentlich gekämmte Haare und Mascara. Ist mir aber erstaunlich egal, ich sehe mich ja schließlich nicht. Dann erhasche ich aus Versehen einen Blick auf mich in der Bustür. Ganz schön blass heute.

Tag 3 

Heute Morgen habe ich kurz geschummelt, hatte einen Termin und wollte nicht superfertig aussehen. Hab mich ohne Spiegel geschminkt und dann kurz in die Busscheibe geguckt. Sah nur ein bisschen aus, als hätte ich geheult. Hätte schlimmer sein können.

Tag 4

"Du hast da was", sagt meine Tochter, als ich sie aus der Kita hole. Es ist ein Rest Schokobrötchen, der mir an der Backe klebt. Hätte ich übrigens auch mit Spiegel zuhause nicht gesehen. Und, mal ehrlich, hundertprozentig schafft man es eh nicht, sich immer oder auch nie zu kontrollieren. Überall sind Scheiben. Und soll ich die Spiegel auf der Toilette im Büro etwa abkleben? Ich seh mich immer mal wieder zumindest kurz aus Versehen. Aber doch eben viel weniger. Und wirklich, wirklich fast nie mit Absicht. 

Tag 5

Es gibt die These, dass der Spiegelverzicht Menschen dazu bringt, weniger auf sich selbst fixiert zu sein. Da ist was dran. Selbst, wenn ich es könnte, gucke ich mich nicht dauernd an. Habe ich übrigens früher auch nicht. Trotzdem führt das "mirror fasting" auch bei mir dazu, dass ich mich viel weniger auf mein Äußeres konzentriere. Wird schon okay sein, denke ich.

Tag 6 

Aussehen ist wirklich zweitrangig, überlege ich, als ich an Tag 6 das Outfit von Tag 5 einfach noch mal anziehe. Irgendwie fühle ich mich schlanker, fitter, schöner. Das liegt ganz sicher daran, dass ich mich nicht mehr nackt oder in Unterwäsche sehe – und ganz sicher nicht daran, dass ich abgenommen oder Sport gemacht habe.

Tag 7 

Mein Mann sagt: "Ich brauche einen Spiegel über dem Waschbecken, um meine Haare zu machen". Ich denke: "Ich will gar keinen Spiegel mehr. Ohne bin ich viel schöner".